Geldsegen für Notre-Dame macht Denkmalpfleger eifersüchtig

Kathedralen im Blick und Not auf dem Dorf

Ganz Frankreich und die Welt öffneten ihr Portemonnaie nach dem Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Doch was ist mit all den Klöstern, mit ächzenden Pfarr- und Dorfkirchen aus dem Mittelalter?

Blick in die Kathedrale Notre-Dame in Paris / © Guillaume Poli (KNA)
Blick in die Kathedrale Notre-Dame in Paris / © Guillaume Poli ( KNA )

Die Flammen über der Pariser Kathedrale Notre-Dame vor einem Jahr waren auch ein Fanal für die anderen Bischofskirchen Frankreichs. 87 von ihnen sind seit der Französischen Revolution durch Enteignung der Kirche im Besitz des Staates. Der trägt seither auch die Baulast, sprich die enormen Instandhaltungs- und Renovierungskosten - und ist für den Brandschutz verantwortlich.

Seit der verheerende Brand in Notre-Dame am 16. April 2019 gelöscht wurde, hat bei Frankreichs Denkmalverantwortlichen ein regelrechter Run auf den Brandschutz eingesetzt, wie die Zeitung "La Croix" berichtet. Das Kulturministerium legte nach der Katastrophe einen mit zwei Millionen Euro dotierten Plan auf, zusätzlich zu den 40 Millionen Euro jährlich zu Gunsten der Kathedralen.

Viele Portemannaies sind aufgegangen

Inzwischen haben laut der Zeitung 81 Kathedralen eine grüne Ampel der Brandschutzkommission erhalten. Sechs weitere weisen Defizite auf: Evreux, Bourges, Tulle, Saint-Brieuc, Grenoble und Sees. Die vier ersteren sollen 2020 folgen. Verzögerungen gebe es derzeit noch bei den Evakuierungsplänen für den Katastrophenfall. Nach Ministeriumsangaben sind bislang nur etwa 20 Pläne ohne Beanstandungen.

Beim Brand sind Schulung und Koordination der verschiedenen Akteure wesentlich. "Kathedralen sind komplexe Denkmäler, anders als etwa Theater oder ein Kino. Um sie zu überwachen, muss man sie genau kennen", sagt Henry Masson, Präsident des Kollegiums historischer Denkmäler. Alle Systeme, wie hoch entwickelt auch immer, kämen bei jemandem zu Hause an. "Jeder sollte wissen, welche Rolle er spielt, wenn der Alarm ertönt", so Masson.

In Notre-Dame ging wertvolle Zeit zwischen dem ersten Alarm um 18.18 Uhr und dem Notruf bei der Feuerwehr um 18.51 Uhr verloren. Es gebe keine Kathedrale, in der vor Ort eine Person für Tag- und Nachtüberwachung tätig ist, heißt es aus dem Ministerium - und es gebe auch keine Pläne, in allen einen Aufseher zu beschäftigen.

Schmerz und Schock über den Teilverlust von Notre-Dame haben dafür gesorgt, dass landesweit und weltweit viele Portemonnaies aufgingen.

Zwischen 780 Millionen und knapp einer Milliarde Euro wurden für den Wiederaufbau zugesagt. Schwindel erregende Zahlen - die bei anderen Denkmalfreunden aber auch Zähneknirschen auslösen.

Die Französische Revolution und ihre Folgen haben unzählige Bauten des Ancien Regime verwüstet und dem Verfall preisgegeben: Kirchen und Klöster wurden als Steinbrüche verwandt oder zu Viehställen, Munitionsdepots und Fabriken degradiert; Schlösser, Paläste und Adelssitze wurden geplündert, angezündet, verwohnt. Auch nach den Wiederherstellungen des 19. Jahrhunderts brauchen sie weiter Pflege.

Spenden sind Haupteinnahmequelle

Und: In Frankreich gibt es keine Kirchensteuer; Spenden sind die Haupteinnahmequelle. Die Baulast für historische Kirchengebäude liegt wie gesagt beim Staat - der seiner Verpflichtung jedoch oft nicht voll nachkommt. Immerhin gibt es seit 2017 unter der Schirmherrschaft von Staatspräsident Emmanuel Macron eine Kulturerbe-Lotterie, von der auch einzelne Klöster und Kirchen im Mutterland und in den Überseegebieten profitieren.

Unter dem Titel "Wenn die Bürger ihre Kirchen retten" stellt das Magazin "Le Pelerin" (Der Pilger) in seiner aktuellen Ausgabe Beispiele für denkmalpflegerisches Engagement vor. "Das Schicksal vieler Dorfkirchen in schlechtem Zustand hängt ganz vom Erhaltungswillen der dortigen Gemeinschaft ab", wird Benoit de Sagazan zitiert, Chefredakteur des Onlinemediums "Patrimoine-en-blog".

Er beziffert die Zahl der vom totalen Verfall bedrohten Gotteshäuser auf landesweit rund 500; allerdings bedürften Hunderte weitere dringender baulicher Maßnahmen. Während viele Kommunen und Kirchengemeinden seit vielen Jahren auf teils wenige tausend Euro sparen und hoffen, sprudeln für Notre-Dame Hunderte Millionen. Sehr zum Ärger mancher Bürgermeister.

Für die renovierungsbedürftige Bischofskirche von Rodez, so berichtet der "Pelerin", lehnte der Regionalrat Okzitanien einen Antrag auf 1,8 Millionen Euro Unterstützung mit der Begründung ab, das Bauwerk gehöre wie alle Kathedralen dem französischen Staat. Fast zeitgleich habe er aber 1,5 Millionen Nothilfe freigegeben - für Notre-Dame in Paris.

Kathedrale Notre-Dame in Paris / © Jorge Argazkiak (shutterstock)
Kathedrale Notre-Dame in Paris / © Jorge Argazkiak ( shutterstock )
Karfreitag in Notre-Dame / © Ludovic Marin (dpa)
Karfreitag in Notre-Dame / © Ludovic Marin ( dpa )
Autor/in:
Alexander Brüggemann
Quelle:
KNA
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