Kerzen in einer orthodoxen Kirche
Kerzen in einer orthodoxen Kirche
Orthodoxe Osternacht vor Corona
Orthodoxe Osternacht vor Corona
Griechisch-orthodoxer Gottesdienst
Griechisch-orthodoxer Gottesdienst

28.04.2021

Corona-Ostern in der orthodoxen Kirche Kommunion als Infektionsrisiko?

Für die orthodoxen Christen weltweit steht das Osterfest vor der Tür. Seit dem Beginn der Pandemie gibt es auch hier Hygienekonzepte und Diskussionen, ob der Kommunionempfang zum Corona-Risiko wird.

DOMRADIO.DE: Welchen Stellenwert hat das Osterfest in der ostkirchlichen Tradition?

Elias Haslwanter (Assistent am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie der Universität Wien): Die orthodoxe Fasten- und Osterzeit ist eine liturgisch äußerst reichhaltige und intensive Zeit. Es beginnt schon mit der Vorbereitung, die auch etwas länger dauert als die vierzig Tage, die wir gewöhnt sind. Da gibt es sehr intensive Gottesdienste.

Jeden Tag gibt es ein reichhaltiges liturgisches Programm, das durchaus zeitaufwändig sein kann. Das intensiviert sich, je näher man an Ostern herantritt. In der Karwoche, der Großen und Heiligen Woche, gibt es jeden Tag Gottesdienste, die bis zu mehreren Stunden dauern können.

Auch nimmt die Beteiligung der Gläubigen zu, je näher man an den Auferstehungsgottesdienst in der Osternacht herankommt.

DOMRADIO.DE: Ist also dieses Österliche Triduum von Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern in der Orthodoxie ähnlich gewichtet wie bei uns?

Haslwanter: Durchaus auch, aber es ist noch stärker in die ganze Karwoche eingebettet. Am Montag, am Dienstag, am Mittwoch wird der Gottesdienst des Bräutigams gefeiert, wo auch nochmal ganz besondere Momente der Klage und der Trauer hervortreten.

Von Christus als dem gegeißelten Bräutigam gibt es da eine sehr schöne Ikone, die in diesen Tagen noch sehr präsent ist und spätestens dann am Gründonnerstag treten die Motive, die wir aus unserer katholischen Tradition kennen, in den Vordergrund.

Die Gottesdienste drehen sich übrigens in der Karwoche zeitlich um. Die Vesper, das Abendlob, wird in der Früh gefeiert und die Laudes, das Morgenlob, werden am Vorabend gefeiert. Und so zieht sich das Ganze dann bis zum Ostersonntag durch.

Am Hohen Freitag gibt es allerdings keine Präsanktifikatenliturgie (=Göttliche Liturgie der vorgeweihten Gaben) wie in der katholischen Kirche, die ja eine Kommunionfeier am Karfreitag kennt.

DOMRADIO.DE: Gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen orthodoxen Kirchen oder sind die eher marginal und kulturell bedingt?

Haslwanter: Es gibt schon lokale Unterschiede, aber im Großen und Ganzen kommt man sehr wohl überein. Es gibt manche Traditionen, die ein paar Gebete weglassen oder ein paar Extra-Gebete dazu haben, dazu auch ein paar eigene Gesänge und natürlich auch mit Blick auf die Sprachebene, die sehr unterschiedlich ist.

Im griechischen Raum ist das Byzantinische, das alte Griechisch sehr stark, im slawischen Raum ist es Kirchenslawisch oder manchmal sogar modernere Sprachen wie in Rumänien zum Beispiel. Die griechisch-orthodoxe Kirche hat hier in Wien eine deutschsprachige Gemeinde, die nur auf Deutsch feiert.

Es gibt da also schon Unterschiede, aber im Großen und Ganzen ist es sehr, sehr ähnlich.

DOMRADIO.DE: Wie hat denn die orthodoxe Welt auf den ersten großen Lockdown im März vergangenen Jahres reagiert?

Haslwanter: Im Großen und Ganzen sehr ähnlich wie die katholische Kirche. Sie hat sich in den meisten Ländern, die mir jetzt bewusst sind, immer an die staatlichen Vorgaben gehalten, immer alles mitgetragen und die Gläubigen ermuntert, auch wirklich sorgfältig auf die Einhaltung der entsprechenden Maßnahmen zu achten.

Gottesdienste wurden auch weitgehend nicht öffentlich gefeiert. Man ist sehr schnell umgesprungen und hat Livestream-Angebote eingeführt. Das war hier in Wien ganz eindrücklich, dass auf einmal die griechisch-orthodoxe Gemeinde einen YouTube-Kanal aufgemacht und dann fast täglich Gottesdienste mit Beteiligung von wenigen Klerikern gestreamt hat.

Über die digitalen Medien konnten manchmal sogar oft noch deutlich mehr Personen erreicht werden, als wenn alles "normal" stattgefunden hätte. Die Gottesdienste wurden insgesamt intensiviert und das Angebot wurde noch größer aufgestellt als es ohnehin schon in der Fastenzeit war. Und das geht auch teilweise jetzt noch.

Die Karwoche wird hier in Wien sehr ähnlich wie sonst auch immer stattfinden nach dem üblichen Programm. Aber gerade die Osternachtfeier, wo dann die meisten Leute zu erwarten sind, da wird es zum Beispiel zwei Gottesdienste geben, einer ein bisschen früher, damit sich die Leute auch ein bisschen besser verteilen können.

Auf jeden Fall muss man sich vorher anmelden.

DOMRADIO.DE: Wo gibt es denn in der orthodoxen Liturgie die neuralgischen Punkte, wo das Infektionsrisiko eine besondere Rolle spielt?

Haslwanter: Einmal ist es der Umstand, dass es zu Ostern sukzessive immer mehr Gläubige sind, die zu den Gottesdiensten kommen.

Einen orthodoxen Kirchenraum kann man sich nicht unbedingt so vorstellen wie eine lateinische Kirche mit Sitzbänken, wo man genau abzählen und zuteilen kann, wo man sich hinsetzt und welcher Platz freizuhalten ist. Das gibt es in orthodoxen Kirchen selten, aber es gibt durchaus auch manche Sitzgelegenheiten, die meistens für ältere Personen gedacht sind. Aber im Großen und Ganzen ist die Raumgestaltung sehr offen.

Auch bewegen sich die Gläubigen in einem orthodoxen Gottesdienst mehr. Man kommt und geht dann wieder für kurze Zeit oder geht mal kurz an die frische Luft. Das heißt, da ist etwas mehr Fluktuation drin. Hier wird es besonders in der Osternacht eine Herausforderung werden, wenn dann gerade zum Zeitpunkt, wo die Auferstehung ganz großartig besungen wird und gerade da viele Leute zusammenkommen, dass man da eine allzu große Bewegung verhindert oder dass man die Abstände genug einhalten kann.

Dann ist zum anderen in der orthodoxen Liturgie auch immer das körperliche Element sehr stark vorhanden. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass Ikonen verehrt werden und das auch mit einem Kuss. Hier muss man natürlich darauf achten, dass diese Ikonen entweder bei der Verehrung regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden oder dass man die überhaupt ganz weglässt.

Das Singen wird hingegen meistens an den Chor delegiert, sei es aus praktischen Gründen, sei es aus technischen Gründen, weil die Gesänge nicht immer sehr einfach sind. Bei wichtigen und sehr eingängigen Melodien stimmt das Volk aber auch mit ein wie zum Beispiel um Mitternacht, wenn die Auferstehung gefeiert und das "Christos anesti", das "Christus ist erstanden", von allen Gläubigen aus vollem Hals gesungen wird.

Da wird man sich – wegen der stark vermehrten Aerosole – sicherlich auch noch etwas überlegen müssen.

DOMRADIO.DE: Wie ist es mit dem Kommunionempfang?

Haslwanter: Der Kommunionempfang ist natürlich einer der heikelsten und der am heißesten diskutierten Punkte. Im katholischen Raum wurde der Laienkelch, nachdem man ihn nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder eingeführt hatte, im Zuge von Corona sehr schnell wieder abgeschafft und ich vermute, dass er eine Zeit lang auch nicht wieder zurückkehren wird.

Im orthodoxen Raum wird das eucharistische konsekrierte Brot in den Kelch hineingetan, in einen großen Kelch, der genug an Volumen für konsekrierten Wein und konsekriertes Brot hat. Dann wird das auch noch mit heißem Wasser, dem Zeon, vermengt. Die Hitze soll so die Fülle des Heiligen Geistes symbolisieren.

Aus diesem "Gemisch" wird dann dem Kommunikanten mit einem Löffel die Kommunion direkt in den Mund gereicht. Die Diskussion entbrennt dann genau daran, dass es nämlich oft nur ein einziger Kommunionlöffel für alle Kommunikanten ist und es beim Reichen der Kommunion nicht selten zu Berührungen kommt.

DOMRADIO.DE: Wie geht man mit diesem Problem um?

Haslwanter: In verschiedenen orthodoxen Kirchen wurden ganz unterschiedliche Lösungen gefunden. Zum Beispiel hat man an einigen Orten ganz pragmatisch gesagt, dass jede Familie oder jeder einen einzelnen bzw. eigenen Löffel für sich mitnehmen soll. Der wird dann genommen, der wird dann für die Kommunion verwendet und der soll auch nur für die Kommunion verwendet werden. Das ist dann kein Löffel, mit dem ich auch Müsli esse, sondern das ist ein besonderer Löffel, der eine gewisse Nähe zum Heiligen hat und auch nur dafür reserviert werden soll.

Es gibt auch Lösungen für Einweglöffel. Die können aus Plastik oder aus Holz sein. Die werden dann für jeden Kommunikanten einzeln verwendet und am Schluss entsprechend würdig entsorgt, meistens verbrannt.

In Russland gab es auch den Versuch, die Löffel zu reinigen. Man hat also nach jedem Kommunikanten den Löffel mit Desinfektionsmittel oder mit heißem Wasser gereinigt, was natürlich die Kommunion entsprechend in die Länge zieht und es auch nicht ganz praktikabel macht.

In anderen orthodoxen Kirchen wurde auch gar nichts gemacht. Da wurde der eine Löffel beibehalten. Und das ist eigentlich das einigende Band in dieser ganzen Problematik der orthodoxen Kirche. Nach orthodoxer Auffassung birgt die Kommunion sowieso keine Gefahr der Übertragung.

Es können keine Bakterien, keine Viren und keine Krankheiten übertragen werden, weil es sich ja um Leib und Blut Christi handelt.

DOMRADIO.DE: Ein Mediziner wird das wahrscheinlich ein bisschen anders beurteilen.

Haslwanter: Ja, durchaus. Aber man muss auch ganz offen sagen, dass es dazu keine wirklichen speziellen Studien gibt, nur ein paar wenige zur Kelchkommunion im protestantischen Bereich in den USA. Rein wissenschaftlich ist das noch ein freies Feld.

Gerade in Griechenland gab es in der Öffentlichkeit hitzige Debatten, dass sich auch orthodoxe Virologinnen und Virologen und Epidemiologen dafür ausgesprochen haben, dass da auch nichts passieren kann. Dem ist auch widersprochen worden.

In der orthodoxen Metropolie von Deutschland hat man dann gesagt, dass man aufgrund dieser Überzeugung, dass es Leib und Blut Christi ist und man diesen Glauben nicht aufgeben könne, keine Änderung in der Kommunionpraxis einführen werde. Denn wenn man jetzt Einweglöffel nimmt, dann würde das ja heißen, den Glauben zu relativieren. Und deshalb hat man dann eine gewisse Zeit lang ganz auf die Kommunion verzichtet.

In Österreich hingegen hat man dann aus pastoraler Sorge für einen beschränkten Zeitraum eine Art Handkommunion eingeführt. Es gibt neben der Chrysostomos-Liturgie und der Basilius-Liturgie noch die Jakobus-Liturgie. Dort ist eine Form von Handkommunion üblich. Und das hat man dann auch für die normale "Göttliche Liturgie" (=Eucharistiefeier) übernommen.

Da wird dann dem Kommunikanten ein Stück eucharistisches Brot in die Hand gelegt und mit etwas Wein beträufelt. Das wird dann auf einem gesonderten Tisch kommuniziert.

Es gab also sehr unterschiedliche Antworten auf diese Problematik, wie Sie sehen.

DOMRADIO.DE: Wie flexibel ist die orthodoxe Liturgie bei Kürzungen?

Haslwanter: In der orthodoxen Liturgie kann man sehr viel mit dem Argument der pastoralen Notwendigkeit (Prinzip der "oikonomia") machen. So kann man entsprechende Flexibilität im Recht, aber auch in der Liturgie handhaben. Ein Sonntagsgottesdienst ist oft auch deshalb so lang, weil das Morgengebet dabei ist. Das Morgengebet dauert entsprechend länger.

Die "Göttliche Liturgie" selbst kann man gut in einer bis eineinhalb Stunden feiern und man kann natürlich auch ein paar Passagen weglassen. Da gibt es sicher auch Gemeinden, die das so handhaben, während andere vielleicht sagen "Wir müssen jetzt noch intensiver beten und wir müssen noch mehr beten".

Ich denke, dass auch sehr viel Flexibilität durch den Chor möglich ist. Denn je nachdem, wie intensiv er singt, wie langsam er singt, das bestimmt auch die Dauer eines Gottesdienstes mit.

Das Gespräch führte Jan Hendrik Stens.

Mehr zur Liturgie unter Corona-Bedingungen finden Sie im Band "Gottesdienst auf eigene Gefahr".

(DR)

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