Nach Regen kommt Sonne: Was der Volksmund weiß, konnten die Besucher des 104. Deutschen Katholikentags in Würzburg live erleben. Nicht nur, weil das Wetter nach dem ersten verregneten Abend und einem Schauer zum Eröffnungsgottesdienst deutlich besser war als befürchtet und viele den Regenponcho gegen die Sonnenbrille tauschten.
Sondern auch, weil diese Christentreffen, zu denen diesmal insgesamt 74.000 Besucherinnen und Besucher angereist waren, ihren Teilnehmern zeigen: Auch wenn die Kirche in der Gesellschaft an Bedeutung verliert, sind es noch immer viele, die dort ihren Glauben leben und den Austausch mit Gleichgesinnten suchen.
Leitwort "Hab Mut, steh auf!"
In diese Richtung deutete auch das Leitwort des Katholikentags 2026. "Hab Mut, steh auf!", sollte einem verbreiteten Gefühl von Ohnmacht etwas entgegensetzen, hieß es zuvor vielfach. Zahlreiche Themen wurden unter genau diesem Motto verhandelt. So warnten mehrere Bischöfe und Politiker vor Extremismus, Radikalisierung und Spaltung in der Gesellschaft.
"Ein bisschen mehr zu reflektieren, dass der andere vielleicht nicht völlig Unrecht hat, könnte uns in der Gesellschaft helfen", sagte etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Der Limburger Bischof Georg Bätzing forderte mehr Selbstlosigkeit in Kirche und Gesellschaft.
Kontrovers diskutiert wurde auch die Rolle der Kirche in politischen Debatten. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner etwa forderte, die Kirchen sollten sich stärker auf Glauben und Orientierung konzentrieren statt auf politische Stellungnahmen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, betonte dagegen, dass die Kirche seitens der Politik sehr geschätzt werde.
Bei allen Diskussionen wirkte die Stimmung der Besucher durchaus ermutigt und fröhlich – selbst dann, wenn mal wieder eine Halle überfüllt war und die Menschen umsonst in der langen Schlange gestanden hatten.
Welten treffen aufeinander
Beim Katholikentag in Würzburg trafen Welten aufeinander. Zum einen zeigte sich etwa beim Besuch der Kirchenmeile am Mainufer das ganze Spektrum katholischen Lebens: Marienverehrer und Reformgruppen, Jugendkirchen und Senioreninitiativen, katholische Orden und christliche Reiseveranstalter – insgesamt rund 200 Gruppierungen und Verbände. Ergänzt durch nichtkirchliche und nichtchristliche Akteure.
Denn in Würzburg trafen auch die innerkirchliche und die außerkirchliche Welt aufeinander. Viele Veranstaltungsorte lagen in der Innenstadt, Katholikentagsbesucher und Einkaufsbummel-Ausflügler liefen bunt durcheinander. Auf Podien sprachen auch Gäste, die weder kirchlich noch religiös geprägt sind.
Gemeinsame Anliegen fanden sich trotzdem. So forderten etwa Würzburgs Bischof Franz Jung und Grünen-Politikerin Ricarda Lang, in der Politik mehr mit Menschen zu sprechen als über sie. Dies gelte besonders für vermeintlich schwache Gruppen, etwa Menschen mit Behinderung oder Kinder und Jugendliche.
Lang nannte die Kirche dabei eine Verbündete – genau wie Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan (SPD), NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), Klimaaktivistin Luisa Neubauer und andere Prominente aus Politik und Gesellschaft.
Diskussion über Reformen
Am Freitag bildete sich durch die Innenstadt eine rund 400 Meter lange Menschenkette. Reformgruppen hatten zum Protest aufgerufen und forderten unter anderem Weiheämter für Frauen in der Kirche.
Dabei trafen sie auch auf den Stand einer kirchenkritischen Stiftung, die aus "Hab Mut, steh auf" kurzerhand "Hab Mut, tritt aus" gemacht hatten. Aber man wolle doch bleiben, entgegnete eine Demonstrantin auf entsprechende Ratschläge. Nur brauche es eben dringend Reformen.
Auch über diese debattierte der Katholikentag, unter anderem mit Kardinal Mario Grech aus dem Vatikan, der für eine "Symphonie der Gemeinschaft" in der Kirche warb. Er betonte, Synodalität dürfe nicht als Machtkampf oder bloße Entscheidung nach dem Mehrheitsprinzip verstanden werden, sondern als gemeinsames Hören auf den Heiligen Geist.
Präsidentin Irme Stetter-Karp vom veranstaltenden Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) empfand das aber keinesfalls als Stoppsignal aus Rom. Der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) berichtete sie im Gegenteil von sehr ermutigenden Gesprächen mit Grech, der auch Grüße von Papst Leo XIV. überbrachte.
Auch Bischof Wilmer hob hervor, wie wichtig es sei, dass ranghohe Vertreter aus dem Vatikan auch einmal nach Deutschland kämen und die Situation der Kirche hierzulande aus erster Hand miterleben könnten: "Ich fände es großartig, wenn wir noch mehr Begegnungen dieser Art hätten", sagte er – auch mit Blick auf den nächsten Katholikentag 2028 in Paderborn.
Große Nachfrage nach Spiritualität
Der Katholikentag bot neben allen Debatten viel Platz für spirituelle Formate – auch ungewöhnlicher Natur. Beim lauten Heavy-Metal-Gottesdienst etwa hielt es mehr als 400 Besucher kaum in der Kirchenbank – vom vierjährigen Kind bis zur über 90-Jährigen im Rollstuhl.
Nicht nur dort war spürbar, wie wichtig den Besuchern ihr Glaube ist und wie viele Menschen er trotz Kritik an der Kirche begeistert. Ob Taize-Andacht oder Bibelgespräche mit Benediktinerpater Anselm Grün – zahlreiche spirituelle Angebote sorgten für überfüllte Kirchen, Säle und "Halle überfüllt"-Schilder lange vor dem eigentlichen Beginn.
Wichtiges Format für Austausch
Was bleibt von den fünf Tagen? Abgesehen von Ermutigung und einer katholischen Selbstvergewisserung vielleicht die Erkenntnis, dass Katholiken- und Kirchentage noch immer ein Format sind, bei dem Kirche und Politik sowie Kirche und Gesellschaft in den Austausch kommen können.
Das zeigt der Besuch der vielen Gäste aus Kirche und Gesellschaft – vom katholischen Bundeskanzler bis zum atheistischen Podcaster. Auch wenn dabei nicht zwangsläufig Einigkeit herrscht, eröffnen diese Veranstaltungen Debattenräume.
Der Himmel über Würzburg wechselte während der fünf Tage immer wieder zwischen Wolken und Sonne. Auch die katholische Kirche bewegt sich zwischen den Herausforderungen, vor denen sie steht, und der Hoffnung, die sie auch auf dem Katholikentag vermitteln wollte.
Das Leitwort "Hab Mut, steh auf!" dürften viele Besucher als Ermutigung mit nach Hause genommen haben. Spätestens bis Paderborn 2028 wird sich zeigen, welche Impulse aus Würzburg nachwirken.