KNA: Frau Stetter-Karp, der Katholikentag ist zu Ende. Wie haben Sie ihn erlebt?
Irme Stetter-Karp (Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, ZdK): Beeindruckend! Damit meine ich vor allem, wie offen und konstruktiv die Atmosphäre war und die Menschen waren – in den Veranstaltungen, aber auch in der ganzen Stadt. Genau das haben mir auch viele Gäste so geschildert – bis hin zu Kanzler Merz und Bundespräsident Steinmeier. Und das, obwohl das Wetter nicht so mitgespielt hat.
KNA: Gab es Veranstaltungen oder Begegnungen, die bei Ihnen besonders hängengeblieben sind?
Stetter-Karp: Da fällt mir erstens das Podium mit Bundespräsident Steinmeier ein. Er hat zum ersten Mal nicht nur an der Eröffnung teilgenommen, sondern auch einen Programmpunkt inhaltlich mitgestaltet. Zum Ehrenamt, weil ihm das ein echtes Herzensanliegen ist. Das war auch zu spüren bei den Menschen in der Halle, was ihn auch selbst sehr berührt hat.
KNA: Und zweitens...
Stetter-Karp: ... denke ich an die beiden interreligiösen Feiern - die jüdisch-christliche und die christlich-muslimische. Die hatten beide eine ganz besondere Atmosphäre. Wenn dann zum Beispiel am Ende Muslime und Christen zusammen das Lied "Der Mond ist aufgegangen" singen, kommt man ganz entschleunigt dort raus und freut sich, dass so viel Gemeinsames möglich ist.
KNA: Sie haben den Bundespräsidenten angesprochen. Daneben gab es auch das Podium mit Kanzler Merz, das sehr unterschiedlich wahrgenommen wurde: Die einen sagen "Da gab es doch nur die üblichen Polit-Sprüche und die üblichen Störer". Andere dagegen, wie etwa Klimaaktivistin Luisa Neubauer, lobten die konzentrierte Atmosphäre, bei der sich Merz seit langem mal wieder zu Klimafragen geäußert habe.
Stetter-Karp: Genauso habe ich es auch erlebt, nicht nur beim Thema Klima. Solche Veranstaltungen sind immer eine Gratwanderung. Aber diesmal ist es vor allem den vielen jungen Menschen gelungen, dass wir einen nachdenklichen und auch selbstkritischen Kanzler gesehen haben. Was gut gepasst hat zu unserem Ziel, offen, kontrovers, aber immer respektvoll miteinander zu diskutieren.
Ich fand das gelungen und viele andere auch. Dass ein paar Störer auftreten, wie es auch sonst bei solchen Großveranstaltungen vorkommt, ist ein Teil der Demokratie.
KNA: Viele Veranstaltungen drehten sich um aktuelle gesellschaftspolitische Fragen. Welches Signal soll von Würzburg ausgehen?
Stetter-Karp: Neben dem gerade erwähnten Beweis, dass man auch respektvoll über kontroverse Themen debattieren kann, war zu spüren, dass sehr viele Menschen eine ganz große Sorge umtreibt.
KNA: Nämlich?
Stetter-Karp: Die Angst, dass sich immer mehr Menschen dazu verführen lassen, autoritäre und extremistische Parteien und Personen zu wählen. Verbunden mit der Frage, was wir tun können gegen diese brandgefährliche Entwicklung. Denn wir dürfen diese Chance nicht verschlafen, sonst könnte es irgendwann zu spät sein.
KNA: Wäre es dafür vielleicht doch besser gewesen, auch mit Vertretern der AfD zu diskutieren? Es hieß, Sie als Veranstalter wollten der Partei keine Bühne bieten, aber gerne mit den Anhängern im Gespräch bleiben. Hat das stattgefunden?
Stetter-Karp: Ich selbst habe es nicht erlebt, aber von anderen gehört. Mich treibt die Frage um, wie wir den Kontakt zu den Menschen nicht verlieren, die die Partei wählen oder sich das zumindest vorstellen können. Wie das 2028 in Paderborn aussehen wird, müssen wir dann neu überdenken je nach aktueller Entwicklung.
KNA: Neben den politischen waren auch kirchenpolitische Fragen ein großes Thema. Sind Sie als ZdK mit Ihren Reformideen vorangekommen in Würzburg?
Stetter-Karp: Da bin ich zurückhaltend. Kann das ein Katholikentag? Ich kann nur sagen, dass ich persönlich sehr viel Unterstützung und Zuspruch bekommen habe – nach dem Motto 'Halten Sie durch, wir stehen hinter Ihnen.'
KNA: Sagen das auch die Bischöfe? Und klappt es, dass die beschlossene Synodalkonferenz bald zusammentreten und ihre Arbeit aufnehmen kann?
Stetter-Karp: Ich hoffe es. Beides! Und dass wir spätestens 2027 arbeitsfähig sind mit der Synodalkonferenz. Aber da sind wir nun einmal abhängig von der Entscheidung in Rom. Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen.
KNA: Aus dem Vatikan war Kardinal Mario Grech gekommen. Seine Botschaft könnte man als Warnung vor einem deutschen Vorpreschen verstehen...
Stetter-Karp: Bei diesem Podium konnte ich nicht dabei sein, aber wir hatten zuvor ein ausführliches Treffen mit ihm. Dabei habe ich solche Signale nicht gehört.
KNA: Zum Abschluss: Was soll von Würzburg bleiben – im Idealfall bis zum nächsten Katholikentag in Paderborn?
Stetter-Karp: Der Schwung aus dem Motto 'Hab Mut, steh auf'. Dass wir als Christen weiter spüren, dass wir viele sind und etwas bewegen können, wenn wir uns zusammentun. Dass nicht Rumjammern hilft, sondern Anpacken und Sich-Einbringen in Kirche und Gesellschaft. Natürlich können wir nicht alleine die Welt retten, aber wenn jeder an seinem Platz etwas dafür tut, können wir schon wichtige Impulse setzen.