DOMRADIO.DE: Sie sind chaldäisch-katholisch. Wie gefällt es Ihnen hier auf dem Katholikentag?
Reem Alabali Radovan (Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung): Sehr gut. Es ist nicht mein erster Katholikentag – ich war vor einigen Jahren bereits in Stuttgart dabei. Das diesjährige Motto "Steh auf, hab Mut" passt gerade in diesen Zeiten besonders gut.
DOMRADIO.DE: Als Entwicklungsministerin haben Sie es derzeit nicht leicht: Die USA kürzen ihre Hilfen massiv, USAID wird nahezu abgewickelt. Auch der Bundeshaushalt lässt kaum Spielräume. Wie gehen Sie damit um?
Alabali Radovan: Auch wir müssen Einsparungen vornehmen – und das ist schmerzhaft. Gleichzeitig sind die Kürzungen zum Glück nicht mit denen der USA vergleichbar, die sich sehr stark zurückziehen. Mir ist wichtig zu zeigen: Deutsche Entwicklungszusammenarbeit bleibt verlässlich und wirksam. Deshalb habe ich eine Reform auf den Weg gebracht, um die Entwicklungszusammenarbeit fit für die Zukunft zu machen. Diese Reform setzen wir jetzt um, damit wir auch in einer sich verändernden Welt maximale Wirkung erzielen können.
DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielt dabei Ihr Glaube?
Alabali Radovan: Mein Glaube gibt mir Mut. Und vor allem erinnert er mich daran, die Nächstenliebe nie aus dem Blick zu verlieren.
DOMRADIO.DE: Ihre Familie stammt aus dem Irak. Sie blicken sicher mit großer Sorge auf den Nahen Osten. Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung?
Alabali Radovan: Die Lage bereitet mir große Sorgen. Da ist zum einen die weiterhin katastrophale humanitäre Situation im Gazastreifen, aber auch die Gewalt von Siedlern im Westjordanland und in Ost-Jerusalem. Hinzu kommen mehr als eine Million Binnenvertriebene im Libanon und die weiterhin unsichere Lage in der Golfregion. Das sind äußerst besorgniserregende Entwicklungen der vergangenen Monate und Wochen.
Ich setze mich dafür ein, dass wieder stärker über Frieden und Verhandlungen gesprochen wird. Denn das sind keine Naturkatastrophen, sondern menschengemachte Krisen. Deshalb müssen wir Wege finden, wie Frieden in der Region möglich werden kann.
DOMRADIO.DE: Gestern sprach ich mit Abt Nikodemus Schnabel. Er sagte, es sei toll, dass Sie als Entwicklungsministerin die Sprache der Menschen in der Region sprechen.
Alabali Radovan: Ja, das ist tatsächlich ein großer Vorteil. Viele sind überrascht, wenn die deutsche Entwicklungsministerin Arabisch spricht. Aber genau das schafft Zugang – nicht nur zu Regierungen, sondern vor allem zu den Menschen vor Ort. Dadurch bekommt man noch einmal ganz andere Perspektiven.
DOMRADIO.DE: Was macht Ihnen persönlich Mut?
Alabali Radovan: Die vielen Ehrenamtlichen, die ich auch hier in Würzburg getroffen habe. Menschen, die sich neben Beruf, Familie und all den Belastungen des Alltags engagieren – in Kirchen, Sportvereinen, Feuerwehren oder zivilgesellschaftlichen Organisationen. Menschen, die sagen: Wir nehmen uns Zeit für andere. Das zu erleben, macht mir wirklich Mut.
DOMRADIO.DE: Trotzdem hat man oft den Eindruck, dass die Spaltung zwischen reicher und armer Welt immer größer wird - und ein Entwicklungsministerium letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann.
Alabali Radovan: Die weltweite Ungleichheit nimmt tatsächlich weiter zu. Deshalb ist die Bekämpfung von Ungleichheit ein Schwerpunkt meiner Arbeit. Aber das können wir nicht allein als Deutsches Entwicklungsministerium leisten. Wir brauchen Partner weltweit. Und wir dürfen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich nicht aus dem Blick verlieren.
DOMRADIO.DE: Welche Rolle kann Religion dabei spielen?
Alabali Radovan: Religion gibt vielen Menschen – gerade in schwierigen Situationen – Mut, Hoffnung und Halt. Das ist enorm wichtig. Gleichzeitig setze ich darauf, dass religiöse Organisationen und Institutionen ihre Stimme noch stärker für Gerechtigkeit erheben. Und das geschieht ja auch – etwa durch den Papst, der diese Themen immer wieder klar anspricht.
DOMRADIO.DE: Zwischen den chaldäischen Katholiken und der römisch-katholischen Kirche gibt es eine fruchtbare Ökumene, oder?
Alabali Radovan: Die chaldäisch-katholische Kirche ist mit Rom uniert – insofern besteht diese Verbindung selbstverständlich.
Das Interview führte Johannes Schröer.