Kurz vor Mitternacht auf der alten Mainbrücke in Würzburg. Auf einer transportablen Werbefahne steht "Kneipen-Seelsorge". Daneben treffe ich Stefan Michelberger, er ist Pfarrer in Würzburg und hat sich das mit der "Kneipen-Seelsorge" ausgedacht. Würzburg ist die wahrscheinlich einzige Stadt der Welt, in der eine alte Brücke einen, na sagen wir es so: Kneipenstatus hat. Denn die alte Mainbrücke ist eine Fußgängerbrücke, die für ihren "Brückenschoppen" berühmt ist. Und so treffen sich hier auf dem Katholikentag ungezählte Menschen auf einen Schoppen Wein.
Pfarrer Michelberger bietet allen ein Gespräch an. Ganze Lebensgeschichten habe er schon gehört, sagt er. "Oder die Studierenden aus Jena, die kamen zu mir und haben mich nach Jena eingeladen, um mit mir dort Gottesdienst zu feiern." Jetzt unterhält er sich mit drei Frauen, die wissen wollen, ob sie zu später Stunde irgendwo noch ein Eis bekommen. Die drei sind Katholikentagsbesucherinnen aus Düsseldorf - nebenbei bitten sie den Pfarrer, dafür zu beten, dass ihr Fußballverein Fortuna am Wochenende nicht absteigt.
Es sind die vielen Begegnungen von Menschen aus ganz Deutschland, die diesen Katholikentag prägen. So treffe ich am Samstagmorgen vor dem Hauptbahnhof eine Ministranten-Gruppe. Lilly, Lara, Leni, Christine und David sind gerade angekommen, sie sind Tagesbesucher aus Rannungen, einem kleinen Dorf 60 Kilometer von Würzburg entfernt. Stolz erzählen sie mir, dass von den 1200 Bewohnern im Dorf 50 Messdiener sind. David ist schon etwas älter, er studiert in Würzburg. "Man erkennt die Stadt nicht wieder", sagt er: "Da ist eine Energie in der Stadt. So etwas kenne ich nur von Ministrantenwallfahrten nach Rom". Vor dem Bahnhof deckt sich die Gruppe zuerst mit den gelb-blauen Mottoschals ein, dann geht es los in die Stadt.
In Würzburg ist in diesen Tagen nichts davon zu merken, dass die katholische Kirche immer mehr an Bedeutung verliert. Und doch ist es so. Das sagt auch Wunibald Müller, der auf dem Katholikentag sein Buch "Enkel ohne Gott? Wenn der Glaube in Familien verloren geht" vorstellt. Obwohl der Buchtitel etwas anderes verspricht, glaubt Müller nicht, dass der Glaube verdunstet. "Die Bedeutung der Kirche verdunstet, aber Gott verdunstet nicht", sagt er im DOMRADIO.DE-Interview.
Aber was tun, wenn den Enkeln Gott, Glaube und Religion ganz egal sind? Müller empfiehlt, nicht mit Gott hausieren zu gehen, aber die eigene Glaubenspraxis auch nicht zu verschweigen und zu hoffen, dass die Enkel sich dafür interessieren könnten, was die Oma oder der Opa da macht und lebt. Oft komme es vor, dass die Enkel, wenn sie älter werden, fragen, ob es irgendetwas für sie geben könnte, was größer ist, wo sie sich verankern können, wohin sie sich wenden können, wenn sie in Not sind.
Ich sehe ein Angebot für einen Eselspaziergang von Würzburg zum Kloster Oberzell. Leider verbietet es mir die Zeit, gerne wäre ich mitgegangen. Der Katholikentag ist vielfältig und bietet allen etwas. Vorher hörte man oft, das spirituelle Angebot käme zu kurz, in den Foren gehe es nur um Kirchenpolitik, Klimaschutz oder KI. Ich habe das nicht so erlebt. Die Taizénacht im Dom war so überfüllt, dass Hunderte in der Kälte ausharrten und sich die Übertragung auf Leinwänden anschauten. "The Tabernacle" verband Anbetung und Lobpreis mit einer Lichtshow, auch das ein übervoller Gottesdienst. Natürlich gab es auch viele herkömmliche Messfeiern als spirituelle Angebot.
Ganz begeistert vom Katholikentag war die Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Ihr Statement zusammengefasst: Geht doch, wenn so viele Menschen aus ganz Deutschland zusammenkommen und sich Mut machen. Dann kann aus dieser Gemeinschaft Großes wachsen und keiner denkt mehr "Nützt doch eh nix", alle fühlen sich angespornt, anzupacken, die Welt besser und gerechter zu machen. Und dann sagt sie diesen einen Satz, den ich als Ohrwurm heute durch den Tag trage. Auf meine Frage, was ihr Mut mache, antwortet sie: "Die Welt, wie sie mich jeden Morgen anstrahlt, wenn wir nur hingucken".