"Kevin, auch wenn du nicht an Gott glaubst, er liebt dich trotzdem". Mit diesem geistreichen Bonmot hat SPD-Politiker Hubertus Heil einst seinen Parteifreund Kevin Kühnert überrascht. In seiner Begrüßungsrede auf dem Katholikentags-Empfang der Sozialdemokraten erheitert der Politiker mit seinem Kühnert gewidmeten Zitat die Gäste. Bei Silvaner, Ochsenbäckchen und Mousse au chocolat klingt der Donnerstag würdig aus.
Ein Tag mit 17.000 Schritten auf meinem Pedometer. Es ist der Wahnsinn - jeden Tag meldet mein Schrittezähler neue Rekorde. Auch heute, am Freitag, bin ich schon nachmittags bei 16.000 Schritten. Mithalten kann da nur Bischof Heiner Wilmer, denn der hat sich gestern am Stand des Bistums Münster ein T-Shirt übergestreift und ist auf ein Laufband gestiegen. Während sukzessive das Tempo erhöht wurde, musste der Bischof auch noch nebenbei Interviews geben.
Mit seinem Lauf wolle er auch zeigen, dass die Kirche nicht stillstehe, sagt er. Und je länger er läuft, desto mehr muss das Bistum Münster blechen. Denn für jeden gelaufenen Kilometer spendet das Bistum zehn Euro für soziale Zwecke in der Ukraine. Bischof Wilmer wirkt gut durchtrainiert, er scheint öfter zu joggen, denn er redet locker und ist weit davon entfernt, mit Schweißperlen auf der Stirn weiterziehen zu müssen.
Wenn ich wollte, könnte ich bei meinem Langstreckenlauf durch Würzburg ungezählte kostenlose Bibeln einsammeln, denn verschiedene geistliche Gemeinschaften bieten an jeder dritten Ecke die Heilige Schrift an. Warum auch nicht, steht doch überall die gleiche frohe Botschaft drin, denke ich, und stecke mir das Johannesevangelium ein, das mir Vertreter der "christlichen Schriftenverteilung Hückeswagen" anbieten.
Meine erste Station am Freitagmorgen ist der Stand des Herder Verlags, an dem ich Anselm Grün zum Interview treffe. "Das kleine Buch der Zuversicht" heißt seine neueste Schrift. Und so spreche ich mit ihm über Zuversicht. "Wenn ich nur in meine Ohnmacht flüchte, dann geht von mir Lähmung aus", sagt der Benediktinermönch. "Als hoffender, zuversichtlicher Mensch habe ich eine andere Ausstrahlung." - "Und Trump und Putin und Xi Jinping, das sind doch drei mächtige Männer, die mit der Welt machen, was sie wollen?", frage ich nach. Anselm Grün legt kurz den Kopf zur Seite, überlegt nicht lange und sagt: "Diese Menschen leben auch nicht ewig".
"Hab Mut, steh auf", das Motto des Katholikentags soll Zuversicht ausstrahlen. Es ist aber auch ein Motto, das kreative Köpfe leicht umdichten können. "Hab Mut, Schirm auf", schrieb eine lokale Zeitung über den verregneten Eröffnungsgottesdienst. "Hab Mut, tritt aus", fordern Kirchenkritiker auf einem Plakat in der Fußgängerzone. Daran vorbei eile ich zur zweiten Station meines Tages, dem Congress Centrum, wo der Bundeskanzler zum Hearing mit jungen Leuten eingeladen hat.
"Hab Mut, gib auf" steht auf einem der vielen Plakate, mit denen hunderte Demonstranten am Congress Centrum den Kanzler empfangen. "Hab Mut - zum Sozialstaat", heißt es da auch oder ganz einfach "Sch-Merz". Drinnen nimmt sich der Kanzler über eine Stunde Zeit, um die Fragen junger Katholikentagsbesucherinnen und -besucher zu beantworten. Es geht um politische Themen, darum, dass die jungen Menschen sich nicht gehört fühlen, es geht um Klimaschutz und um soziale Medien (Merz ist gegen ein Verbot für unter 16-Jährige). Der Kanzler beantwortet alle Fragen routiniert und gut vorbereitet.
Dann aber geht es um seinen Glauben und Gott. "Beten Sie?", wird er gefragt. Bei seiner Antwort gerät er leicht ins Straucheln. "Ich gehe jeden Abend mit diesem Gedanken schlafen", sagt er und merkt, dass da noch mehr kommen muss. "Der Glaube bewegt und motiviert mich", fügt er hinzu, oft besuche er den morgendlichen Gottesdienst in der Kapelle des Bundestags. Und Zuversicht? Ist der Kanzler zuversichtlich? Merz zitiert den Philosophen Ernst Bloch, der gesagt hat: "Es gehört zum Wesen der Hoffnung, das sie enttäuscht werden kann, sonst wäre sie ja Zuversicht". Er sei also zuversichtlich, sagt Merz: "Auch weil die Bibel voller Zuversicht ist".
In einem imponierenden Korso von Fahrzeugen fährt der Kanzler dann davon. Sein nächstes Ziel ist die Kirchenmeile, über die er noch bummeln will. Während ich das Congress Centrum verlasse, schnappe ich einige Stimmen auf. "Ich fand es richtig cool", sagt ein Mädchen, "bei so etwas mal zuzugucken, ohne Witz". Eine andere Teilnehmerin ist enttäuscht, sie hätte sich einen kritischeren Dialog gewünscht.
Beeindruckt von der Freundlichkeit des Kanzlers ist Lisa Quarch vom BDKJ, eine von zwei jungen Frauen, die auf der Bühne mitreden durften. "Davor und danach hat Merz mit uns noch einen Kaffee getrunken", erzählt sie im DOMRADIO.DE-Interview. Sie habe es als ein Gespräch auf Augenhöhe empfunden. Nun - wenn sie so schwärmt, wird sie dann morgen den JU-Beitrittsantrag ausfüllen?, frage ich. Lisa Quarch lacht, nein das nicht, sie bleibe vorerst parteilos. Und in so manchen Dingen, besonders in Fragen der Klimakrise, hätte Merz konkreter werden müssen, sagt sie: "Da muss er noch nachschärfen."
Nach dem Gedränge und Trubel um den Kanzler und der stickigen Luft im Saal des Congress Centrums sehne ich mich nach frischer Luft und Ruhe. In Würzburg erlebt man viele Überraschungen, wenn man die Einladungen annimmt, die an manchen Hoftoren hängen, das Tor zum Hinterhof durchquert und in eine grüne Oase schlendert. Zum Beispiel der stille Garten des Priesterseminars. Hier ist die Pressestelle untergebracht und im Garten plätschert ein Brunnen. "Ich saß auf einem Steine" - ich folge dem Ratschlag des Dichters Walther von der Vogelweide, setze mich an den Brunnen und höre den zwitschernden Vögeln zu.
In einem anderen Garten in der Domerschulstraße, und das ist meine dritte Station an diesem Freitag, treffe ich Phillippa Warsberg. Sie ist geschäftsführende Referentin im Zentrum für Berufungspastoral. Ihr Angebot: Speed-Berufscoaching. "Bei uns sind Menschen, die vor wichtigen Entscheidungen stehen, eingeladen, mit uns darüber zu sprechen - in zeitlich begrenztem Rahmen, dafür steht das 'Speed'".
Und? Was sind das für Fragen, die hier gestellt werden? "Bin ich im Job, das heißt da, wo ich tätig bin, noch glücklich - oder wartet da mehr auf mich?", das sei so eine Frage, sagt Frau Warsberg, oder auch: "Wie könnte ich mein Leben intensiver mit Gott führen, oder eine jüngere Frau kommt, die sich mit dem Gedanken trägt, Ordensschwester zu werden".
So ein Speed-Coaching könnte vielleicht einen neuen Impuls setzen, denke ich, habe allerdings gerade keine Frage - nur Durst. Klar gibt es hier auch Wasser. Kurzes Durchatmen, kurz die Augen schließen, bis es weitergeht mit dem Katholikentagsmarathon, zurück zum Herder-Zelt, denn da wartet schon Wunibald Müller auf mich. Station vier ist das heute, ich spreche mit ihm über sein Buch: "Enkel ohne Gott. Wenn der Glauben in Familien verloren geht". Mehr darüber morgen und dann verrate ich auch, ob mein Pedometer explodiert ist - nach vermutlich fünfzigtausend weiteren Schritten.