DOMRADIO.DE: Wie haben Sie von dem Unglück erfahren?
Propst Ralph Kochinka (Propst der katholischen Propsteigemeinde St. Trinitatis in Leipzig): Ich war zu dem Zeitpunkt im Auto, auf der Rückfahrt von einem Termin. Es kamen viele Nachrichten und Informationen von verschiedenen Vertretern der Stadt und der Presse auf meinen Anrufbeantworter. Erst am späten Abend habe ich es geschafft, mich mit dem Superintendenten Sebastian Feydt (evangelischer Superintendent in Leipzig, Anm. d. Red.) abzustimmen und zu klären, wie es weitergehen kann.
DOMRADIO.DE: Bietet die Kirche in solchen Situationen einen Trostraum an?
Kochinka: Ja. In diesem Fall ist es die Nikolaikirche unmittelbar neben der Grimmaischen Straße (dort hat sich die Amokfahrt abgespielt, Anm. d. Redaktion). Auf dem gestrigen Weg zum Friedensgebet am Abend sind einige Leute genau dort vorbeigekommen. Daher wurde das auch direkt mit ins Gebet reingenommen. Am Ende der Amokfahrtstrecke liegt unmittelbar in der Nachbarschaft auch die Thomaskirche. Beide evangelische Stadtkirchen sind direkt betroffen und bieten Räume an, in denen Menschen Kerzen anzünden und beten können. Das wird schon rege angenommen.
DOMRADIO.DE: Was bedeutet das für die Menschen aus Leipzig?
Kochinka: Alle sind verunsichert. Ein Kommentar hat mich sehr wachgerüttelt. Er besagt, dass das viele befürchtet hatten, aber dass es jetzt Realität geworden sei. Das ist schockierend. Leipzig ist eine Stadt mit ganz vielen unterschiedlichen Menschen. Offenbar hat der Vorfall aber einen Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung des mutmaßlichen Täters.
DOMRADIO.DE: Was ist gerade die Priorität der Seelsorge?
Kochinka: Zuhören, bei den Menschen sein und Räume schaffen. Das wollen wir heute mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Nikolaikirche um 17 Uhr tun. Beide Bischöfe, der evangelische Landesbischof Tobias Bilz und der katholische Bischof Heinrich Timmerevers kommen. Auch Ministerpräsident Kretschmer wird kommen, um den Bürgern der Stadt deutlich zu machen, dass eine große Solidarität herrscht. Mitgefühl wird so gezeigt und ein Raum des Gebetes wird dadurch geschaffen. Dadurch bekommt auch das Unsagbare einen Raum.
DOMRADIO.DE: Wie reagieren Sie auf Fragen, wie Gott sowas zulassen kann?
Kochinka: Wir werden heute den Psalm 31 nehmen. Darin wird deutlich gemacht, dass Gott ein Gott der Solidarität ist. Dass er da ist, auch wenn solche Fragen kommen oder Menschen Situationen nicht fassen können. Auf die Fragen des "Warum" und "Wieso konnte Gott das nicht verhindern" ist dann die Antwort, dass er dabei war und jetzt auch dabei ist bei denen, die es nicht fassen können und die damit nicht abschließen können, was sie da erlebt haben. Wie zum Beispiel Ladenbesitzer, vor deren Türen sich das abgespielt hat, Augenzeugen, die dabei waren, sowie Ersthelfer und so weiter. Das ist bei solchen Katastrophen immer schlimm.
DOMRADIO.DE: Welche Räume hat die Kirche bereits geschaffen?
Kochinka: Einer unserer umsichtigen Küster hat gestern Abend noch vor der Abendmesse ein Gedenklicht und einen Aufsteller in unser Schaufenster der Propsteikirche gestellt. Daran gehen viele Leute vorbei. Dort brennt ein Licht, da wird gebetet und da ist ein Raum, wo man auch Kerzen anzünden und ein Gebet vor Gott bringen kann.
Das Interview führte Johannes Schröer.