In seiner Predigt sprach Domkapitular Thomas Weitz über das Übersehenwerden. Er begann mit einer aktuellen Szene aus der Öffentlichkeit: König Charles wurde kürzlich bei einem Besuch des US-Präsidenten beim Händeschütteln übergangen. Nach außen habe der König ruhig reagiert. Ob und wie sehr ihn die Situation getroffen habe, lasse sich nicht sagen. Weitz nutzte diese Szene, um auf die Würde des Menschen zu sprechen zu kommen - und auf die Frage, was es bedeutet, übersehen zu werden.
Von dort führte Weitz zu den Lesungen des Tages. In der Apostelgeschichte schildere Lukas die frühe Gemeinde in Jerusalem nach Pfingsten: Die Apostel verkündeten den Auferstandenen, die Gemeinde wachse, zunächst scheine sie "ein Herz und eine Seele" zu sein. Doch bald entstehe ein Konflikt zwischen Hebräern und Hellenisten, also griechischsprachigen Juden aus der Diaspora. Die Witwen der Hellenisten würden bei der Versorgung übersehen.
Menschen in den "toten Winkeln"
Es sei zu einem Murren gekommen, also dem Ausdruck einer Stimmung, die ein Miteinander gefährden könne. Wer wiederholt übersehen werde, verliere irgendwann die königliche Ruhe. Besonders verletzend sei es, wenn nicht nur eine Aufgabe vergessen werde, sondern der Eindruck entstehe: Ich als Person werde nicht wahrgenommen.
Der Domkapitular übertrug diese Erfahrung auf viele Lebensbereiche: Betriebe, Vereine, Freundeskreise, Staat, Kirche und Familie. Wo Menschen in den "toten Winkel" gerieten, entstehe Murren. Gefährdet seien dabei nicht die Könige oder Präsidenten, Mächtigen oder Lauten, sondern die Armen und Abhängigen, wie die Witwen in der Apostelgeschichte. "Letztlich lebt jeder von uns aus dem Wissen heraus, dass er oder sie keine vernachlässigbare Größe ist", betonte Weitz.
Die Zwölf hätten damals reagiert, indem sie alle Jünger zusammenriefen. In einer Situation, in der Spaltung drohte, hätten sie einen Raum geschaffen, in dem die Zusammengehörigkeit sichtbar wurde. Es sei damals nicht um Schlagabtausch, Beschuldigung oder Verteidigung gegangen, sondern um die Lösung eines Problems.
Die Gemeinde sollte sieben Männer auswählen, die für den Dienst an den Tischen geeignet seien - Menschen von gutem Ruf, voll Geist und Weisheit. Weitz hob hervor, dass die Auswahl offenbar Männer aus dem griechischen Umfeld betraf. Sie konnten die betroffenen Witwen verstehen, ihre Sprache sprechen und sie anders wahrnehmen. Es sei also nicht nur darum gegangen, Essen auszuteilen, sondern erfahrbar zu machen: "Du bist gesehen, du gehörst dazu. Weh uns, wenn wir dich vernachlässigen."
Anschließend verband Weitz diese Erfahrung mit dem Evangelium, der Abschiedsrede Jesu zu den Jüngern: "Glaubt an Gott und glaubt an mich." In der Stunde, in der er auf Leiden und Tod zugegangen sei, habe er an seine Jünger gedacht und sie wissen lassen, dass er keinen von ihnen übersieht. "An Christus zu glauben, bedeutet, zu wissen, dass ich einen Platz in seinem Herzen habe. Und dass ich in seinem Himmel einen Platz habe." Bei Gottes Versorgung werde niemand übersehen.
Mit einem Gedanken der heiligen Katharina von Siena unterstrich Weitz diese Zusage. Christus lasse sich von menschlicher Unwissenheit oder Undankbarkeit nicht davon abhalten, Heil zu wirken. Gerade Menschen, die sich verworfen fühlten, fänden darin Trost. Zum Abschluss rief Weitz dazu auf, Augen und Herz offen zu halten, damit das Murren nicht überhandnehme und keine Seelen zertrampelt würden - weder die eigenen, noch die der anderen. Die Kirche habe die Aufgabe, durch Wort und Verhalten sichtbar zu machen: "Niemand wird übersehen, weil Er sieht."
DOMRADIO.DE hat am fünften Sonntag der Osterzeit das Kapitelsamt aus dem Kölner Dom mit Domkapitular Thomas Weitz übertragen. Es sangen die Männer des Domchores unter der Leitung von Valentin Bauer. Die Orgel spielte Winfried Bönig. Im Gottesdienst erklang die "Short Mass in C" von Richard R. Terry sowie das gregorianische Credo III. Die Liturgie wurde auch in einigen Akklamationen und Gebeten der Gemeinde zum Teil in lateinischer Sprache gefeiert. Diese sind zusammen mit den jeweiligen Übersetzungen im Gotteslob unter den Nummern 582 bis 591 zu finden.
Evangelium vom 5. Sonntag der Osterzeit: Johannes 14,1-12
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.
Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?
Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.
Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
Jesus sagte zu ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!
Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.
Auslegung zum Sonntagsevangelium von Aurelius Augustinus
Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?
Gott wird in solcher Weise allen alles sein, dass, weil Gott die Liebe ist, durch die Liebe allen gemeinsam gehört, was die Einzelnen haben. Wenn einer nämlich beim anderen liebt, was er selbst nicht hat, besitzt er dies auch selbst. So wird es keinerlei Neid mehr geben wegen mehr oder weniger großer Herrlichkeit, weil unter allen die Einheit der Liebe herrschen wird.
Aurelius Augustinus (Bischof von Hippo, Kirchenlehrer, 354–430), hier nach: Thomas von Aquin, Catena Aurea. Kommentar zu den Evangelien im Jahreskreis, hg. v. Marianne Schlosser und Florian Kolbinger, 183, © EOS Verlag, St. Ottilien, 2. Auflage 2012
Quelle: Magnificat - das Stundenbuch