Gedenktag für den Völkermord an den Armeniern

"Der Völkermord hätte verhindert werden können"

Am 24. April wird weltweit der Opfer des Genozids an den Armeniern gedacht. 1915 töteten die Osmanen bis zu 1,5 Millionen armenischer Christen. Zeitzeugenberichte wie der von Aurora Mardiganian geben der Tragödie ein Gesicht.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Die Genozid-Gedenkstätte in Armeniens Hauptstadt Jerewan  / © Ina Rottscheidt (DR)
Die Genozid-Gedenkstätte in Armeniens Hauptstadt Jerewan / © Ina Rottscheidt ( DR )

Aurora Mardiganian war 14 Jahre alt, als 1915 die Türken im damaligen Osmanischen Reich begannen, die armenischen Christen systematisch zu verhaften und zu vertreiben. Die Aktion mündete in Massakern und Todesmärschen in die Wüste, bei denen bis zu 1,5 Millionen Menschen starben. Aurora überlebte wie durch ein Wunder. Ihre gesamte Familie wurde getötet, sie selbst wurde deportiert und verkauft. 

Aurora Mardiganian überlebte den Genozid (Armenian Genocide Museum-Institute Foundation)

Zu den Bildern, die sie später aus dieser Zeit schilderte, gehörten von Leichen bedeckte Flüsse und Menschen, die um ihr Leben flehten. Nur durch ihren Mut, ihre Entschlossenheit und schicksalhafte Begebenheiten gelang ihr die Flucht, die sie über Russland und Norwegen schließlich in die USA führte. Dort wurde wenig später die Presse auf sie aufmerksam, ihre Geschichte erschien zunächst in der Zeitung, die Teenagerin wurde über Nacht zur Bestsellerautorin. 1919 brachte Hollywood ihre Geschichte als Stummfilm mit dem Titel "Auktion der Seelen" in die Kinos – mit ihr als Hauptrolle.

Hinter jeder Zahl stehen Einzelschicksale

Ihre Geschichte ist eines von vielen Einzelschicksalen, die heute im Genozid-Museum in Armeniens Hauptstadt Jerewan dokumentiert werden. "Aurora war eine der wenigen, die der Welt die Augen für diese Tragödie öffnete und von dem schrecklichen Geschehen berichtete", erzählt Meri Yeghikyan, die dort regelmäßig Besuchergruppen herumführt. Oft werde Aurora mit Anne Frank verglichen, die dem, was Millionen Menschen erleiden mussten, ein Gesicht gab.

Bei dem Völkermord wurden bis zu 1,5 Millionen armenische Christen getötet  (Armenian Genocide Museum-Institute Foundation)

Seit 1956 existieren die Gedenkstätte und das Museum in Jerewan, nachdem die Sowjets das Thema zunächst ein halbes Jahrhundert lang beschwiegen hatten. Erst Massenkundgebungen der Bevölkerung veranlassten die Behörden zum Errichten einer Gedenkstätte, ohne den Genozid jedoch damit offiziell anzuerkennen. Bis heute kämpfen die Nachkommen der Opfer für eine Anerkennung der Taten und für das Recht auf Erinnerung an das Leid. Die Türkei erkennt den Völkermord bis heute nicht an. Auch der Deutsche Bundestag hat die historischen Massaker erst 2016 offiziell als Genozid eingestuft.

Aus der Geschichte lernen

Die Botschaft dieses Museums sei ganz klar, sagt Meri Yeghikyan: "Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Und deshalb sprechen wir am Ende unserer Führungen immer über den Holocaust. Denn wir sind überzeugt: Hätten wir den Völkermord an den Armeniern verhindert, hätten wir auch andere Gräueltaten verhindern können."

Meri Yeghikyan, Tour Guide im Armenischen Genozid-Museum / © Ina Rottscheidt (DR)
Meri Yeghikyan, Tour Guide im Armenischen Genozid-Museum / © Ina Rottscheidt ( DR )

Der Westen hatte damals Kenntnis von den Verbrechen, aber das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich waren im Ersten Weltkrieg Verbündete. Auch Großbritannien, Frankreich und Russland beließen es bei einer diplomatischen Note. Hitler lernte später aus den Taten: Die Tatsache, dass sie keinerlei internationale Konsequenzen nach sich zogen, ermunterte ihn zu seinem Einmarsch in Polen, davon sind viele Historiker heute überzeugt.

5 Millionen Armenier in der Diaspora

Bis heute prägt der Genozid die Identität eines ganzen Volkes, er ist in der kollektiven Erinnerung der Armenier präsent, denn die meisten haben Verwandte, die damals getötet oder vertrieben wurden. Über 5 Millionen Armenier leben heute infolge des Genozids in einer weltweit verstreuten Diaspora.

Jedes Jahr am 24. April – der Tag, an dem die Verfolgung 1915 offiziell begann – kommen Hunderttausende zu der Gedenkstätte in Jerewan, um Blumen und Kränze niederzulegen und zu beten: "Es ist das Symbol für den Genozid und wir tragen in unseren Herzen und Seelen die Erinnerung an diese Taten weiter", sagt der geschäftsführende Direktor, Hrachya Tashchyan.

Unrecht bleibt eine Herausforderung

Auch eine Delegation von Renovabis war kürzlich dort, da Armenien eines der wichtigen Partnerländer des katholischen Osteuropa-Hilfswerkes ist. Das Unrecht gegen Menschen und ganze Völker sei kein Ereignis, das in der Vergangenheit liege, so der Hauptgeschäftsführer Prof. Thomas Schwartz: "Es ist eine tägliche Herausforderung und Verantwortung für uns heute, unsere Stimme zu erheben und unsere Hand zur Hilfe zu reichen, wo Unrecht geschieht."

Eine Delegation von Renovabis zu Besuch in Jerewan  / © Ina Rottscheidt (DR)
Eine Delegation von Renovabis zu Besuch in Jerewan / © Ina Rottscheidt ( DR )

Der Film über das Schicksal der Überlebenden Aurora Mardiganian wurde in den USA zum Kassenschlager. Sie selbst spendete später einen Teil ihrer Gage für Hilfsmaßnahmen und armenische Waisen und Geflüchtete. Aurora Mardiganian starb 1994 im Alter von 93 Jahren in Los Angeles. 

Kirchen in Armenien

Mit mehr als 1.700 Jahren Tradition als Staatsreligion ist Armenien die erste christliche Nation in der Geschichte. Im Jahr 301 ließ der armenische König Trdat III. sich und seine Untertanen taufen. Die armenische Kirche zählt wie die Kopten und Äthiopier, die syrische Kirche und die indischen Thomas-Christen zu den sogenannten altorientalischen Kirchen. Diese sind sowohl von Rom als auch von den orthodoxen Kirchen getrennt, weil sie die Lehre des Konzils von Chalcedon (451) von den zwei Naturen Christi nicht akzeptierten.

Kloster Noravankh in Armenien / © Alexander Brüggemann (KNA)
Kloster Noravankh in Armenien / © Alexander Brüggemann ( KNA )
Quelle:
DR

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