Armeniens Politik und Kirche verstricken sich in schmutzigem Wahlkampf

"Peinlicher Streit"

Kurz vor den Parlamentswahlen in Armenien spitzt sich der Konflikt zwischen Klerus und Regierung zu. Das Kirchenoberhaupt Karekin II. und der Premierminister Nikol Paschinjan fordern sich gegenseitig zum Rücktritt auf.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Für die Armenier ist die Kirche identitätsstiftend  / © Ina Rottscheidt (DR)
Für die Armenier ist die Kirche identitätsstiftend / © Ina Rottscheidt ( DR )

Der Streit hat mitunter skurrile Auswüchse. Arman Yeghoyan lässt keinen Raum für Missverständnisse: "Der Katholikos soll sein Amt niederlegen!" Der Vorsitzende des Europa-Ausschusses im armenischen Parlament und Abgeordneter der Regierungspartei wiederholt, was Premierminister Nikol Paschinjan in den vergangenen Monaten bereits mehrfach gefordert hat: Das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche, Karekin II., soll abdanken. Das übersteigt allerdings die Kompetenzen des Premiers deutlich, denn in Armenien sind Staat und Kirche getrennt.

Arman Yeghoyan, Vorsitzender des Europa-Ausschusses im armenischen Parlament und Abgeordneter der Regierungspartei  / © Ina Rottscheidt (DR)
Arman Yeghoyan, Vorsitzender des Europa-Ausschusses im armenischen Parlament und Abgeordneter der Regierungspartei / © Ina Rottscheidt ( DR )

Anfang April hat Armeniens Regierungspartei "Zivilvertrag" ihr Wahlprogramm für die Parlamentswahlen am 7. Juni veröffentlicht: Darin vorgesehen ist auch eine Reform der armenisch-apostolischen Kirche und die Absetzung des Katholikos. "Mehrfach haben sich Priester und Bischöfe auf sein Geheiß hin an Kampagnen und öffentlichen Protesten gegen die Regierung beteiligt", sagt Yeghoyan. "Er benutzt seine Autorität und seinen religiösen Einfluss, um sich in politische Prozesse einzumischen, und er spaltet die Gesellschaft!"

Trennung von Staat und Kirche

In Etschmiadzin, dem geistlichen Zentrum der armenisch-apostolischen Kirche, ungefähr eine halbe Autostunde von der Hauptstadt Yerevan entfernt, sieht man es genau andersherum: "Die Reform ist eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Kirche", sagt der Katholikos im Gespräch mit deutschen Journalisten und verweist auf die Trennung von Staat und Kirche in Armenien. Allerdings hatte Karekin II. Premier Paschinjan auch schon mehrfach zum Rücktritt aufgefordert. Er macht ihn für den verlorenen Krieg gegen Aserbaidschan verantwortlich, für den Verlust von Berg-Karabach im Herbst 2023 und die Vertreibung von mehr als 100.000 Armeniern aus der Region.

Karekin II. Nersissian ist das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche / © Etschmiadsin (privat)
Karekin II. Nersissian ist das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche / © Etschmiadsin ( privat )

Seit Jahren schwelt in Armenien der Konflikt zwischen Klerus und Regierung. Im Kern geht es vor allem um die politische Ausrichtung nach der Samtenen Revolution im Jahr 2018, als Armenien eine demokratische Wende vollzog. Damals erteilte das Wahlvolk der Korruption und dem Amtsmissbrauch durch die Vorgängerregierung eine Absage.

Orientierung nach Westen

Premierminister Nikol Paschinjan orientiert sich Richtung Westen und strebt einen EU-Beitritt an. "Wir wollen den Post-Sowjetismus ablegen und unsere Außenbeziehungen neu ordnen", sagt der Abgeordnete Yeghoyan. In der Regierung ist man überzeugt, dass das kleine kaukasische Land einen weiteren Krieg nicht überleben würde.

Nach mehreren Kriegen hatte 2023 Armenien seine Enklave Berg-Karabach an den Nachbarn Aserbaidschan verloren. Beide Länder sind seit Jahrzehnten verfeindet und führten mehrere Kriege um das Territorium. Jetzt strebt Armenien ein Friedensabkommen mit dem Nachbarn an, ebenso wie eine Normalisierung der Beziehungen mit dem anderen großen Nachbarn, der Türkei.

Doch in den Augen vieler Bürger ist das ein Ausverkauf armenischer Interessen: Der Katholikos nennt den Verlust der Region Berg-Karabach eine "Tragödie": In seinen Augen ist das Abkommen ein Einknicken vor dem Erzfeind Aserbaidschan, dessen autokratischer Staatschef Ilham Alijew selbst gar kein ernsthaftes Interesse an Frieden habe: "Wir vernehmen aus Aserbaidschan weitere Gebietsansprüche", sagt Karekin. 

Die armenische-apostolische Kirche ist die älteste Staatskirche der Welt  / © Ina Rottscheidt (DR)
Die armenische-apostolische Kirche ist die älteste Staatskirche der Welt / © Ina Rottscheidt ( DR )

Die älteste Staatskirche der Welt versteht sich als Hüterin von nationaler Einheit, armenischer Kultur und Identität. Die Erinnerungen an den Genozid Anfang des 20. Jahrhunderts sind in Armenien allgegenwärtig. "Nur durch unsere Kirche und den Glauben konnte das armenische Volk jahrhundertelang auch in der Diaspora überleben", stellt der Patriarch klar. Natürlich sei seine Kirche für Frieden, aber es müsse ein "gerechter Frieden" sein. Er fordert ein Rückkehrrecht für die Geflüchteten aus Berg-Karabach.

KGB-Verbindungen?

Die Regierung sieht in ihm wiederum einen verlängerten Arm Moskaus, Armeniens alter Schutzmacht. Karekin ist Träger mehrerer russischer Verdienstorden, sein Bruder in Russland Erzbischof der armenischen Kirche. "Es gibt Informationen, dass sein Bruder ein KGB-Agent ist", sagt der Regierungsabgeordnete Arman Yeghoyan. Eine Stellungnahme vom Katholikos habe es bis heute nicht gegeben. "Offenbar hält er dies nicht für wichtig. Das ist es aber", fährt der Politiker fort: "Immer wieder mobilisiert Karekin gegen unsere Entscheidungen. Wenn der Katholikos Außenpolitik betreiben will, sollte er eine Partei gründen und Politiker werden!"

Katholikos Karekin II.

"Die Kirche ist Beschützerin der nationalen Identität und wir legen Wert auf gute Beziehungen zu anderen Ländern, auch, weil Millionen Armenier in der Diaspora leben."

Der Katholikos weist das von sich: "Die Kirche ist Beschützerin der nationalen Identität und wir legen Wert auf gute Beziehungen zu anderen Ländern, auch, weil Millionen Armenier in der Diaspora leben. Aber sie sind keine Agenten!" Er ist überzeugt: "Der Staat will die Kirche unterwerfen!"

Vertrauensverlust bei der Kirche

Die Menschen in Armenien schauten sich diesen Schlagabtausch wie ein Pingpong-Spiel an, sagt Ani Poghosyan, Journalistin beim staatlichen armenischen Rundfunk. Ständig gebe es neue Erwiderungen und Schuldzuweisungen, vor allem über die sozialen Netzwerke. Ihren persönlichen Glauben berühre dieser Streit nicht, sagt sie: "Ich glaube, es geht hier vor allem um politische und weniger um religiöse Fragen." Sie bezeichnet sich als gläubige Christin, wie fast 90 Prozent der Armenier, die bis heute stolz darauf sind, im Jahr 301 n. Chr. als erstes Land das Christentum als Staatsreligion angenommen zu haben.

Die armenische Journalistin Ani Poghosyan  / © Ina Rottscheidt (DR)
Die armenische Journalistin Ani Poghosyan / © Ina Rottscheidt ( DR )

Wie sie hätten viele das Vertrauen in die Führung der Kirche verloren. Als 2008 nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen die politische Führung Armeniens die friedlichen Demonstrationen brutal niederschlagen ließ und zehn Demonstranten erschossen wurden, schwieg die Kirche. "Der Katholikos hat uns nicht unterstützt", sagt die armenische Journalistin, "das hat die Beziehung zwischen Volk und Kirche geschwächt, denn er hat uns im Stich gelassen. Niemand geht heute auf die Straße, um die Kirche zu unterstützen."

Ein Bischof als Putschist?

Der Streit zwischen Politik und Klerus wird mit harten Bandagen ausgetragen: 2025 soll der Erzbischof von Tawusch, Bagrat Galstanjan, einen gewaltsamen Putsch gegen Premierminister Paschinjan geplant haben. Galstanjan sitzt seitdem in Haft. Bereits im Jahr 2024 initiierte er eine Protestbewegung, erklärte sich zum Kandidaten für das Amt des Premierministers und forderte Premier Paschinjan zum Rücktritt auf, damals mit dem Segen des Katholikos Karekin II. Als Karekin im Februar dieses Jahres zu einer Bischofsversammlung nach Österreich reisen wollte, durfte er nicht ausreisen.

Mittlerweile geht die Auseinandersetzung auch unter die Gürtellinie: Der Premier spricht dem Katholikos öffentlich die moralische Eignung für sein Amt ab, weil dieser den Zölibat gebrochen habe und Vater eines unehelichen Kindes sei – das ist allerdings in Armenien seit Jahren ein offenes Geheimnis. Paschinjans ehemalige Partnerin ging sogar noch weiter und nannte die Priester die "Chef-Pädophilen des Landes".

Ani Poghosyan

"Der Streit ist ein bisschen peinlich, so etwas gab es in Europa im Mittelalter."

"Der Streit ist ein bisschen peinlich, so etwas gab es in Europa im Mittelalter", sagt die Journalistin Ani Poghosyan. Wie viele Menschen in Armenien wünscht sie sich vor allem Sicherheit und eine friedliche Zukunft. Wirtschaftliches Wachstum, Annäherungen an die EU, Reiseerleichterungen – das ist es, was vor allem die jungen Menschen in der Stadt wollen. 

Dass ein Frieden mit dem Erzfeind Aserbaidschan angesichts von 100.000 Geflüchteten nicht leicht vermittelbar sei, sieht sie aber auch: "Wir haben wichtigere Probleme als den Streit zwischen Politik und Kirche!" Ob Premier Paschinjan der Richtige ist, sie zu lösen? Bei den Wahlen 2021 gewann er mit seiner Partei rund 54 Prozent der Stimmen und bestätigte somit seine Stellung im Nationalparlament. Jüngsten Umfragen zufolge kommt er aktuell nur noch auf knapp 30 Prozent.

Quelle:
DR

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