"Making of Leone": Journalist erlebt Trubel vor Franziskus’ Beisetzung

Wie ein überkochender Wasserkessel

Papst Franziskus ist vor einem Jahr gestorben. Ein Journalist erlebte seinen Tod und die Entstehung des neuen Pontifikats aus nächster Nähe. In seinem Tagebuch schildert er Tage voller Spekulationen über Nachfolge und Begräbnis.

Autor/in:
Michael Feth
Menschen stehen dicht gedrängt in einer Schlange und verabschieden sich von Papst Franziskus, dessen Leichnam in einem offenen Sarg aufgebahrt ist, am 23. April 2025 im Petersdom im Vatikan. Viele fotografieren und machen Selfies mit ihrem Smartphone. / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Menschen stehen dicht gedrängt in einer Schlange und verabschieden sich von Papst Franziskus, dessen Leichnam in einem offenen Sarg aufgebahrt ist, am 23. April 2025 im Petersdom im Vatikan. Viele fotografieren und machen Selfies mit ihrem Smartphone. / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )

Die Tage bis zur Beisetzung, 24. und 25. April 2025

Nun war es endlich offiziell: Die Exequien auf dem Petersplatz und die anschließende Beisetzung des Pontifex sollten am kommenden Samstag stattfinden. Mit diesem Datum hatten zwar viel von uns gerechnet, aber es gab ein nicht unwesentliches Hindernis: 

Am kommenden Weißen Sonntag sollte ursprünglich die Heiligsprechung des "Internet-Apostels" und ersten Millennials, des mit nur 15 Jahren an Leukämie verstorbenen Carlo Acutis, sowie des Bergsteiger-Philosophen und Glaubenszeugen Pier Giurgio Frasacti, der mit frühen 28 Jahren an Krebs verstarb, stattfinden. 

Jugendliche halten ein Bildnis von Carlo Acutis in die Höhe / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Jugendliche halten ein Bildnis von Carlo Acutis in die Höhe / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Die Tage vorher waren im Rahmen des Heilig-Jahr-Programms den Heranwachsenden, also der Altersgruppe von Carlo Acutis, gewidmet, mit Gang durch die Heilige Pforte und einer Veranstaltung am Samstag auf dem Petersplatz. 

Dies war mit dem Tode von Franziskus zwar hinfällig, die Heiligsprechung abgesagt; aber es blieb die Tatsache, dass viele Tausende junge Menschen in Gruppen ihre Anreise aus aller Welt bereits gebucht hatten und diese nicht mehr stornieren konnten. Ein Dilemma und organisatorisches Hin und Her. 

Dann die Entscheidung der Kardinäle: Die Feier der Jugendlichen sollte nun in kleinerem Rahmen und ohne die geplante Andacht mit Konzert auf dem Petersplatz stattfinden, aber nicht gecancelt werden.

Die Beisetzung hatte selbstverständlich Vorrang. Dutzende gekrönte Häupter und Staatschefs wollten sich dazu auf den Weg nach Rom machen. Traditionell lädt der Vatikan dazu nicht ein. Wer sich anmeldet, kann kommen und wird entsprechend diplomatisch berücksichtigt. Es geschieht schon mal, dass sich Erzfeinde in der gleichen Reihe wiederfinden. 

So bei der "Beerdigung der Superlative" des Heiligen Johannes Paul II., als etwa US-Präsident Obama direkt vor dem iranischen Präsidenten Chatami saß. Leider hatte sich auf diese Weise auch Simbabwes geächteter Langzeit-Diktator Mugabe unter die Staatsgäste geschlichen. 

Menschen stehen am Morgen des 25.04.2025 im Petersdom Schlange, um Papst Franziskus die letzte Ehre zu erweisen. / © Andrew Medichini/AP (dpa)
Menschen stehen am Morgen des 25.04.2025 im Petersdom Schlange, um Papst Franziskus die letzte Ehre zu erweisen. / © Andrew Medichini/AP ( dpa )

Das vatikanische Presseamt war unterdessen am Ertrinken. Wie soll ein Team aus gut 30 Leuten den inzwischen auf 8000 angemeldeten Journalisten, Kameraleuten, Technikern, Fotografen und Bloggern gerecht werden? Die täglichen Szenen in und vor der Sala Stampa waren chaotisch. 

Ich hatte mich am ersten Tag der Aufbahrung bewusst nicht für einen der sechs täglichen Pools angemeldet, mit dem wir exklusiven Zutritt in den Petersdom hatten, ohne uns in die ewig lange Warteschleife der Menschen einzureihen. 

Ich tat dies am zweiten Nachmittag. Am Ende war man sich in meiner Gruppe einig: Hätten wir uns normal in der Schlange angestellt, wären wir wahrscheinlich schneller in den Petersdom gelangt. 

Ein Wirrwarr an Kompetenzen zwischen offiziellen Begleitern, von der die eine Hand nicht wusste, was die andere tat, strengen Einlasskontrollen und ewig lange Wartezeiten an den Schleusen machten den Besuch bei Franziskus zur Tortur. Neben mir stand der bekannte CNN-Anchorman Carl Anderson. Während andere vor sich hin schimpften, ertrug er alles mit stoischer Gelassenheit.

Kardinäle erweisen dem verstorbenen Papst Franziskus im Petersdom im Vatikan die letzte Ehre / © Alessandro Di Meo/ANSA POOL (dpa)
Kardinäle erweisen dem verstorbenen Papst Franziskus im Petersdom im Vatikan die letzte Ehre / © Alessandro Di Meo/ANSA POOL ( dpa )

Auch in der Basilika wusste man offenbar nicht so recht, wohin man unseren Pool schieben sollte. Ich machte mich kurzerhand selbstständig. Die trauernden Menschen, die Abschied von ihrem Heiligen Vater nehmen wollten, wurden durch das Mittelschiff zum Petrusgrab geführt. Dort war der offene Sarg am Boden aufgebahrt. 

Eine von Franziskus gewollte Abkehr vom bisherigen Zeremoniell, bei dem die Päpste mit der Unterstützung von Kissen offen auf einem roten Katafalk gebettet wurden – so zuletzt bei Benedikt XVI. zu sehen. Für Franziskus, den Asketen, war es eine letzte Geste der Demut. Vier Schweizer hielten Ehrenwache, dahinter leuchtete die Osterkerze als Symbol für die Auferstehung.

Stehenbleiben durften die Gläubigen nicht, die Wächter scheuchten sie schnell weiter. Zu viele Menschen warteten draußen. Die Menge wurde sodann um den Papstaltar mit dem bronzenen Baldachin, der sich etwa sechs Meter über dem historischen Petrusgrab erhebt, herumgeleitet und durch ein Seitenschiff wieder zum Ausgang geführt. Im Hintergrund waren Lesungen aus den Psalmen und leise Orgelmusik zu hören.

Wer Glück hatte, konnte den Blick auf einen Prominenten erhaschen, der von Protokoll-Beamten zumeist seitlich hereingeführt und zu einer Kniebank neben dem Sarg gebracht wurde; etwa auf einen Monarchen. Ich selbst erlebte König Philippe von Belgien und Königin Mathilde, wie sie vom Pontifex Abschied nahmen.

Papst Franziskus und Donald Trump / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus und Donald Trump / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

In Atem hielt uns insbesondere die Nachricht, dass sich US-Präsident Donald Trump persönlich für den Samstag angesagt hatte. Offensichtlich wollte er seine katholische Wählerschaft nicht enttäuschen, denn mit dem Papst aus Argentinien verband ihn zu Lebzeiten ein herzliches "Nicht-Verhältnis". Man konnte gespannt sein, wie er sich in diesem besonderen Kontext verhalten würde. 

Den ohnehin erheblichen Sicherheitsaufwand für die Beisetzungsfeierlichkeiten steigerte die Anwesenheit des umstrittenen US-Präsidenten noch einmal erheblich; die italienischen Behörden waren nicht zu beneiden. 

Allein der logistische Aufwand, die zahllosen Delegationen von ihrer Ankunft auf den römischen Flughäfen sodann quer durch den schon zu normalen Zeiten irren Metropolen-Staus, zuerst zu ihren jeweiligen Residenzen und dann am Samstag alle einigermaßen pünktlich zum Vatikan zu bringen. 

Und dies inmitten all des Trubels von Hunderttausenden Menschen, die sich auf den Weg zum Petersplatz machen würden. Dieses logistische Kunststück überstieg jede Vorstellungskraft. Und doch habe ich über die Jahre die Erfahrung gemacht: Es mag zwar vieles nicht optimal funktionieren in der Ewigen Stadt mit ihren legendären Infrastruktur-Problemen, die Römer können ein Lied davon singen. 

Doch bei der Organisation von Großveranstaltungen kommt das unglaubliche italienische Improvisationstalent zum Tragen. Rom kann Massenveranstaltungen. Vielleicht liegt es in den Genen – man hat seit über 2000 Jahren damit zu tun.

Abseits des kurz bevorstehenden Abschieds von Franziskus richteten sich die Blicke vor allem in den Medien bereits voraus: Das "Papa-Toto", wie es die Italiener nennen, nahm an Fahrt auf: Die Zeitungen spekulierten wie wild über die mögliche Papst-Nachfolge, obwohl der Pontifex noch nicht einmal unter der Erde war. Man möchte dies als pietätlos empfinden, doch es lässt sich erklären. Das Ende des Pontifikats hatte sich seit Anfang des Jahres abgezeichnet. 

Schon während seines quälend langen Aufenthalts in der Gemelli-Klinik, als Franziskus dem Tod mehrmals von der Schippe sprang, bereitete man sich hinter den vatikanischen Mauern und im Kreis der Kardinäle auf die Frage der Nachfolge vor. Genauso tat dies natürlich die Presse, die mitunter eifrig gefüttert wurde. Es war wie ein überkochender Wasserkessel, von dem jetzt der Deckel flog. 

Die Hemmungen der letzten Monate waren weg. Zudem wäre es geradezu fahrlässig, würden sich die Verantwortlichen und Spitzenvertreter einer der größten Organisationen der Welt nicht rechtzeitig Gedanken um die Nachfolge ihres obersten Chefs machen, wenn der Zeitpunkt abzusehen war. 

Die Tage der Trauer und der Vorbereitung vergingen in einer Mischung aus geschäftigem Treiben und ehrfürchtiger Erwartung. In den Cafés rund um den Vatikan wurde hitzig diskutiert: Wie wird die Stadt mit dem Ansturm fertig? Welche Persönlichkeiten werden erscheinen, welche Gesten des Respekts werden den Abschied prägen? 

Gerüchte machten die Runde, wer noch kurzfristig sein Kommen angekündigt hatte; überall spürte man eine gewisse Spannung, als läge ein unsichtbarer Strom über Rom. Am Vorabend der Exequien erstrahlten die Straßen im hellen Licht der Laternen, Pilgergruppen zogen singend zur Engelsbrücke, während Security-Personal diskret die Zufahrtswege kontrollierte.

Die Hotels waren komplett ausgebucht, selbst die einfachsten Pensionen hatten ihre Zimmer an Trauergäste aus aller Welt vergeben. Über den Dächern summten, mal lauter, mal leiser, die Hubschrauber, die im Minutentakt die Sicherheit der Umgebung überprüften. 

In den Stunden vor dem großen Moment des Abschieds wurde der Petersplatz von einer Menschenmenge geflutet, in der sich die Farben und Gesichter der Kontinente mischten. Die feinen Nebel der Morgendämmerung legten sich wie ein Schleier über die Reihen der Wartenden, und aus dem Inneren der Basilika drangen die ersten Akkorde der liturgischen Musik auf den Platz. Die Ewige Stadt hielt den Atem an.

Zum Autor:

Vatikan-Korrespondent Michael Feth (privat)
Vatikan-Korrespondent Michael Feth / ( privat )

Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren. 

Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.

Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.

Papst Franziskus †

Jorge Mario Bergoglio wurde am 17. Dezember 1936 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geboren. Von 1950 bis 1954 machte er eine Ausbildung als Chemietechniker. In den Jesuitenorden trat er 1958 ein. Danach vervollständigte er seine humanistischen Studien in Chile.

Er kehrte 1963 nach Argentinien zurück und schloss sein Philosophiestudium ab. Im kommenden Jahr wurde er zum Professor für Literatur und Psychologie, erst in Santa Fe, dann in Buenos Aires. Ab 1967 studierte er Theologie, in der Zeit erhielt er auch seine Priesterweihe (1969).

Papst Franziskus † (KNA)
Papst Franziskus † / ( KNA )
Quelle:
DR

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