Osterdienstag, 22. April 2025
Heute gab es in der Weltpresse nur ein einziges Topthema – den Tod des Papstes. Sogar der schreckliche Ukraine-Krieg war für einen Moment in den Hintergrund gedrängt worden. Matteo Bruni, der letzte im Reigen der Vatikan-Sprecher unter Franziskus, hatte ein Briefing angekündigt. Schließlich wollten wir alle wissen, wie es nun weiterging, vor allem in terminlicher Hinsicht.
Als ich den Pressesaal betrat, merkte ich, dass sich die Atmosphäre völlig verändert hatte. Den chaotischen Szenen von gestern war würdevoller Professionalität gewichen. Die Angestellten schienen vollständig zur Stelle, sogar mit zusätzlichen Helfern, alle in Schwarz gekleidet. Und auch der gestrige Ferien-Look vieler Journalisten war vorbei.
Alle erschienen dem Anlass entsprechend dezent gekleidet. Die aufgeregte Hektik war einer gedämpften Stimmung gewichen. Die Informationen, die gestern noch recht dürr waren, flossen nun reichlich. Das präzise vatikanische Uhrwerk war nach dem Schock wieder in Gang gekommen. Wie sollte es nun weitergehen?
Papst Franziskus hatte zu Lebzeiten das ausgefeilte und jahrhundertealte Ritual vom Sterben und des Begräbnisses der Päpste überholt und neu definiert. Was zunächst von manchen als revolutionär angesehen wurde, sollte bei der Gelegenheit seines Ablebens sichtbar werden.
Um es vorwegzunehmen: Die Einschnitte in die zeremoniellen Abläufe waren minimal. Das Ableben eines Papstes bis zu seiner Beisetzung und der Trauerzeit danach folgte noch immer einem ausgeprägten römischen Ritus. Das erfuhren wir heute, als uns von Matteo die nächsten Etappen bekannt gegeben wurden.
Für den morgigen Mittwoch war die Überführung des Leichnams von seinem bisherigen Aufenthaltstort in der Hauskapelle der Santa Marta in den Petersdom vorgesehen. Und hier sollte die volle Sinnlichkeit der päpstlichen Liturgie greifen. Was war nun konkret anders als bei Franziskus' Vorgängern Johannes Paul II. oder Benedikt XVI.?
Für den äußeren Betrachter machte es ehrlich gesagt keinen Unterschied. Statt auf einem hohen Katafalk, gebettet auf Kissen, lag der Leichnam nun direkt im Sarg aufgebahrt – bei offenem Deckel. So nahm etwa Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella (die zwei verband ein wirklich inniges Verhältnis) als erster ausländischer Staatschef von Franziskus Abschied.
Gebannt verfolgten wir die Live-Bilder aus dem vatikanischen Pressezentrum. Dabei fiel auch ein Hämatom an der linken Schläfe des verstorbenen Pontifex auf. Hinterher wurde erklärt, dass er wohl beim tödlichen Ictus auf den Nachtisch gestürzt sei. Bis heute Abend konnten seine persönlichen Mitarbeiter und die Spitzen des Vatikans Abschied von ihrem ehemaligen Chef in der Kapelle nehmen; ab morgen wurde er dann den Gläubigen gehören, die nach Sankt Peter strömten.
Auch draußen auf dem Platz nahm ich eine deutlich veränderte Atmosphäre wahr. Gruppen von Ordensleuten, Priestern und normalen Gläubigen beteten den Rosenkranz oder sangen leise Litaneien.
Von den Großleinwänden lächelte Franziskus in Schwarz-Weiß-Optik. Dazu die Einladung zum gemeinsamen Rosenkranzgebet um 19.30 Uhr. Ein solches hatte bereits am gestrigen Abend stattgefunden, unter Führung von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Sein Name fiel am häufigsten, wenn es um die Nachfolge auf dem vakanten Stuhl Petri ging, aber darauf werden wir im Verlauf des Buches noch zu sprechen kommen.
Heute erfuhren wir noch einige Details aus der letzten Stunde von Papst Franziskus, die das Bild von seinem Tod rundeten. Die Kollegen von Radio Vatikan hatten recherchiert und die Abläufe ab Ostersonntag rekonstruiert. Sie fassten es wie folgt zusammen:
"Danke, dass du mich auf die Piazza zurückgebracht hast": Zu den letzten Worten von Papst Franziskus gehört sein Dank an Massimiliano Strappetti, seinen persönlichen Gesundheitsassistenten, der ihn ermuntert hatte, am Ostersonntag noch einmal im Papamobil über den Petersplatz zu fahren.
Strappetti war während der 38 Tage seines Krankenhausaufenthalts in der Gemelli-Klinik und während seiner Rekonvaleszenz in der Casa Santa Marta rund um die Uhr an der Seite des Papstes und begleitete ihn auch am Ostersonntag während des Segens "Urbi et Orbi".
"... 'Glaubst du, dass ich das schaffe?', fragte der Papst seinen Pfleger, als es nach dem Ostersegen um eine mögliche Fahrt über den Platz ging. Dieser beruhigte ihn, und so kam es zu diesem denkwürdigen, letzten Bad in der Menge.
Franziskus ruhte sich dann am Nachmittag aus und nahm das Abendessen ein. Doch gegen 5.30 Uhr am frühen Morgen des Ostermontages traten dann die ersten Anzeichen einer gesundheitlichen Krise auf, und die Pfleger griffen sofort ein.
Mehr als eine Stunde später – er hatte Strappetti gerade mit der Hand zugewunken – fiel der Papst auf dem Bett in seiner Wohnung im zweiten Stock der Casa Santa Marta ins Koma. "Er hat nicht gelitten, es ging alles sehr schnell", sagen diejenigen, die in diesen letzten Momenten bei ihm waren. ..."
Diese Beschreibung bewegte mich sehr. Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr wurde mir bewusst, dass Papst Franziskus letztendlich einen perfekten Heimgang ins "Haus des Vaters" gehabt hatte. Ein Akt der Gnade. Ein letztes Mal ist ihm, dem Todkranken, eine überirdische Kraft zugewachsen, um sein langes geistliches Leben zu einem guten Abschluss zu führen.
Da war am Gründonnerstag sein letzter Ausflug ins naheliegende Gefängnis "Regina Coeli", wo er mit den Insassen betete. Da war seine spontane Fahrt im Rollstuhl, mit einem Poncho über den Schultern, in den Petersdom, um sich die eben fertiggestellten Restaurierungen in der Apsis anzusehen:
Der Heilige Vater in seiner ganzen Fragilität, wie die meisten Rollstuhlfahrer angewiesen auf fremde Hilfe, umringt von Besuchern der Basilika, die ihren unverhofften Glücksmoment kaum fassen konnten. Die Bilder wurden ikonisch.
Da war der gehauchte Ostersegen mit allerletzter Kraft, der dem berühmten, sprachlosen letzten Auftritt von "Papa Wojtyla" glich. Da war sein letztes Bad in der Menge, der bewusste Abschied von seinen Gläubigen, die er 12 Jahre lang geführt hatte. "Bringen Sie mich noch einmal auf die Piazza", soll er seinen Pfleger gebeten haben.
Ein paar Tage später sollte ich aus einem Umfeld in der Casa Santa Marta erfahren, dass sich Franziskus akribisch auf seine Begegnung mit Gott vorbereitet hatte. So hatte er bei einer Begegnung mit einer Kleingruppe von vatikanischen Spiritualen gesagt, er bereite sich auf den "Heimgang zum Vater" vor.
Gegenüber Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin soll er geäußert haben, als dieser mit dem Papst die Planungen für Ostersonntag besprach und Franziskus dabei wiederholt einschlief: "Morgen ist ein wichtiger Tag für mich. Es wird mein Abschied sein."
Zum Autor:
Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren.
Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.
Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.