Die evangelische Theologin Uta Pohl-Patalong kritisiert, dass Kirchen trotz ihres dramatischen Mitglieder- und Ressourcenschwunds weiter oft in überkommenen Mustern dächten und handelten.
"Die Menschen wünschen sich eine Kirche mit Relevanz und Bedeutung für ihr eigenes Leben, das muss sich inhaltlich niederschlagen", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Professorin lehrt an der Universität Kiel Praktische Theologie und Religionspädagogik.
Theologischer Auftrag der Kirchen sei es, den Menschen zu ermöglichen, die "unbedingte Liebe Gottes" zu erfahren, sagte Pohl-Patalong. Auf welchem Weg die Liebe Gottes erlebt werde, ist ihr zufolge so vielfältig wie die Menschen selbst. Zugänge und Angebote der Kirchen müssten sich daran orientieren. Morgenkreis im Kindergarten, Pop-up-Kirche, Flughafenseelsorge oder Nachbarschaftstreffen – die Kommunikation des Evangeliums sei weit mehr als Gottesdienst und Predigt, sie laufe auch unbewusst, zufällig, nebenbei.
Einbezug von Nichtgetauften
In einer Gesellschaft, in der nahezu alles an Bedingungen geknüpft sei, komme der Liebe Gottes hoher Stellenwert zu, sagte Pohl-Patalong. In sozialen Medien erlebten die Menschen, dass ihre Meinungen, Äußerungen und ihr Äußeres hinterfragt und kritisiert würden: "Stets muss ich schauen, wie ich mich gebe, verhalte, äußere – Kirche kann wichtige Erfahrungsräume öffnen, die zeigen, dass es anders geht."
Die Theologin plädierte dafür, die Menschen in die Entwicklung der Kirche unabhängig von Taufe und Kirchenmitgliedschaft einzubeziehen: "Ich denke, dass die Kirchenmitgliedschaft weiterhin an Bedeutung verlieren wird, die Menschen sind auch weniger in Parteien, Vereinen oder Gewerkschaften Mitglied." Zwar würde sie ungern auf die Kirchensteuer verzichten. "Aber warum setzt die Kirche nicht stärker auf konsequentes Fundraising für konkrete Aufgaben und Projekte?"
Kirche muss inhaltlich denken
Entscheidend für die Zukunft der Kirche sei es, inhaltlich zu denken, gewohnte Bahnen zu verlassen und die Beteiligung von Menschen zu fördern. "Wir wissen aus Untersuchungen, dass die Menschen sich durchaus ehrenamtlich engagieren, aber selbstbestimmter als früher, mit festem Zeitbudget und der Frage nach einem Mehrwert – auch für sie selbst."
Auf diese Weise könnten neue Projekte, Räume, Netzwerke entstehen. "Ich stelle mir Kirche nicht als einen Ort vor, an dem gefragt wird, ob jemand getauft oder Kirchenmitglied ist oder es werden möchte, sondern als einen Ort, an dem Menschen miteinander Gutes für sich und andere tun."