"Ich habe vorher noch das Glaubensbekenntnis auswendig gelernt - sogar auf Latein!" Das sei dann aber doch nicht abgefragt worden. Dieter Borrmann hat vor über drei Jahrzehnten der Kirche den Rücken gekehrt. Auslöser für seinen Austritt war eine "unangenehme Erfahrung", über die er nicht genauer sprechen möchte. Immerhin hat diese Erfahrung nicht seinen Glauben verändert. Es ging ihm dabei ausschließlich um die Institution und "die Haltung der Institution", betont er. Drei Jahrzehnte später hat er das Formular zum Wiedereintritt unterschrieben.
Der Prozess war erstaunlich einfach und unkompliziert, erzählt er. Borrmann informierte den örtlichen Pfarrer, der ihn prompt zuhause besuchen kam. Wer sein Haus betrete, könne seinen Glauben schnell sehen, so Borrmann. Im Flur und Wohnzimmer hingen christliche Symbole, und das nicht erst seit gestern. "Man merkt, dass es nicht spontan dekoriert ist", erzählt Borrmann.
Der Pfarrer kommt gebürtig aus Kerala in Indien. Dort begrüßt man sich nicht mit 'Namaste', sondern mit 'Namaskar'. "Das war ein richtiger Türöffner-Moment", erinnert sich Borrmann schmunzelnd. Er habe sich nicht geprüft gefühlt, im Gegenteil. "Der Pfarrer hat ein Formblatt mitgebracht und dieses Formblatt war sehr banal. Name, Geburtsdatum und so weiter."
Schwieriger gestaltete es sich, die Taufurkunde zu beschaffen. Zunächst konnte seine Heimatpfarrei die Urkunde nicht finden. Dann stellte sich heraus: "Das Krankenhaus hatte meinen Namen falsch weitergegeben. Aber die hatten die alten Akten noch und dann konnte die Urkunde gefunden werden."
Kein spontaner Entschluss
Schon im Februar 2023 sagte Dieter Borrmann im Interview mit DOMRADIO.DE, dass er sich mit dem Gedanken trage, wieder Katholik zu werden. Was genau der Auslöser für den Wiedereintritt war, kann Dieter Borrmann nicht sagen. Einen "Klick-Moment" habe es nicht gegeben, überlegt er. Schon länger sei er mit der Entscheidung "schwanger" gewesen und fügt etwas schelmisch hinzu: "Es war einfach gutes Wetter. Die Sonne schien!"
Auf die Nachfrage, ob es tatsächlich besonders schönes Wetter war oder er es vielleicht nur so wahrgenommen hatte, weiß er zunächst keine Antwort. Sein Blick schweift für einen kurzen Moment in die Ferne. "Früher habe ich oft gesagt, ich weiß nicht, wie das Wetter ist. Ich kam aus diesem Bau nicht raus. Morgens rein und erst abends spät raus. Manchmal auch über Nacht noch drin."
Dieser Bau, damit meint er seine Praxis. Dieter Borrmann ist Doktor der Neurologie und leitete viele Jahre eine Facharztpraxis. Seit kurzer Zeit ist er in Rente. "Ich bin zunehmend 'vergegenwärtigt'. Ich komme aus einer Schleife der Verpflichtungen heraus in einen Zustand von 'hier und jetzt'."
Ein Ort, um zur Ruhe zu kommen
Diese Ruhe im Moment verdankt Borrmann nicht etwa dem Rentner-Dasein, sondern dem, was er liebevoll seinen "Marsch durch den spirituellen Supermarkt" nennt. "Als ich ungefähr siebzehn war und mich schon mit dem Gedanken beschäftigte, aus der Kirche auszutreten, begegneten mir in der Einkaufsstraße meiner Heimatstadt Sanyassins." Diese rotgewandeten Menschen mit ihren Zimbeln und repetitiven Gesängen begeisterten ihn für die Meditation.
Eine Faszination, die sich auch auf seinen Beruf übertrug. Anfang der 90er-Jahre untersuchten Neurologen erstmals den Einfluss der Meditation auf das Gehirn. "Es macht erstaunlich viel mit dem Gehirn. Es wird schneller, effektiver, besser." Auch innerhalb der katholischen Kirche ist er auf die Suche nach meditativen Angeboten gegangen, zunächst aber nicht fündig geworden.
Trost habe er im täglichen Gebet gefunden. "Ich sage immer, ich telefoniere mit dem lieben Gott und mein Telefonapparat heißt 'Rosenkranz'." Ob der ihm denn auch antworte? Die Frage belustigt den Neurologen sichtlich. "Wenn man mit dem lieben Gott spricht, dann ist das in Ordnung. Aber wenn man mit ihm spricht und er antwortet, dann wird die Sache schnell pathologisch."
Er selbst hat keine "akustischen Halluzinationen". Dennoch bekäme er auf der emotionalen Ebene Antwort, denn seine Arbeit als Neurologe zeigt ihm eine Sache ganz deutlich: "Wir sind räumlich und zeitlich begrenzt. Der Tod droht uns allen."
Diese Konfrontation mit der Endlichkeit stärkte seine Sehnsucht nach einem Ort der Ruhe. "Ich brauchte ein spirituelles Zuhause, einen Platz oder ein Ventil." Seinen Freunden hat er es so erklärt: "Ich gehe durch den spirituellen Supermarkt und schaue, was es alles in diesem Werkzeugkasten gibt."
Auf seinem Weg zu spiritueller Zugehörigkeit hat er unter anderem beim Protestantismus und Buddhismus angeklopft. Letztlich ist er nach vielen Um- und Irrwegen wieder in der katholischen Kirche gelandet. "Das ist auch emotional eindeutig für mich. Ich brauche nicht mehr zu suchen. Ich bin jetzt da." Er nickt bekräftigend und wiederholt: "Ja, ich bin da."