"Sie können an der Schranke nicht stehenbleiben! Ausweis abgeben! Wenden Sie sich an die Wache!"
Die Eingangskontrolle an Baden-Württembergs größter Kaserne in Stetten am kalten Markt empfängt Besucher mit klaren Ansagen. Es wird genau kontrolliert, wer das Kasernengelände für fast 4.000 Soldatinnen und Soldaten betreten darf – besonders seit wiederholt unbekannte Drohnen Kasernen und Truppenübungsplätze in Deutschland überflogen.
Hinter der Schranke, im Büro des katholischen Militärpfarrers Pater Stefan Havlik geht es dann ruhiger zu. Zuerst muss Labrador Rocky jeden Neuankömmling beschnuppern. "Er gehört zum Seelsorge-Team und ist gleichzeitig mein persönlicher Wachoffizier", sagt Pater Stefan.
Streng geschützter Raum
Statt Priesterkragen oder Mönchsgewand trägt der 45-Jährige Bundeswehr-Flecktarn. Sein Schulterzeichen kennzeichnet ihn als Militärseelsorger. Er hat keinen militärischen Rang, steht außerhalb jeder Befehlskette. "Das ist entscheidend, denn wer sich mir anvertraut, weiß, dass ich niemandem von den Inhalten des Gesprächs berichten werde. Es gilt das absolute Schweige-Beichtgeheimnis."
Eine Voraussetzung dafür, dass sich Soldaten und Soldatinnen in einem besonders geschützten Raum an den Seelsorger wenden. "Häufig sprechen wir über Lebenskrisen wie Beziehungsprobleme oder Erkrankungen von Familienmitgliedern. Aber in den vergangenen Monaten auch immer häufiger über Sorgen und Ängste im Blick auf ihr Soldatsein. Die Kriegsgefahr ist plötzlich real geworden", sagt Pater Stefan.
Der seit vier Jahren dauernde russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat viel verändert. Auch in Stetten. Das nehmen auch die verantwortlichen Offiziere wahr.
"Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Soldaten und Soldatinnen in ein Krisen- oder Kriegsgebiet gehen müssen, ist nicht mehr nur theoretisch. Wir sind für die Landes- und Bundesverteidigung vorbereitet", sagt Oberstleutnant Chris Weißbrodt. Er ist seit 2024 Kommandeur des Artilleriebataillons 295 mit mehreren hundert Soldaten. Auch bei den Eltern von neuen Rekruten seien wachsende Sorge und Anspannung zu spüren.
"Seelsorge übernimmt Verantwortung"
Weißbrodt lobt das von der Bundeswehr angebotene Netz von sozialen und psychologischen Hilfen. Er bekennt sich gleichzeitig klar zur Militärseelsorge: "Pater Stefan und sein evangelischer Kollege Pfarrer Hans Wirkner tragen hier eine wichtige Verantwortung." Mehrere hundert Einzelgespräche führt Pater Stefan jährlich. Hinzu kommen wöchentliche Gottesdienste, auch zu kirchlichen Feiertagen und bei der Begrüßung der neuen Rekruten.
Eine zentrale Aufgabe ist der lebenskundliche Unterricht für die Soldaten und Soldatinnen. "Die Themen spreche ich gemeinsam mit den Soldaten ab. Es geht um ethische Fragen, um Schuld, Angst oder auch historische Themen. Manchmal haben wir einen zweistündigen Austausch, manchmal auch Tages- oder Wochenendseminare", berichtet der Pater, der dem Deutschen Orden angehört.
Wachsender Bedarf?
Deutschlandweit sind aktuell etwa 80 katholische sowie 100 evangelische und eine Handvoll jüdische Militärseelsorger im Dienst. Noch in diesem Jahr könnten die ersten muslimischen Militärseelsorger hinzukommen. Mit der jetzt geplanten Vergrößerung der Bundeswehr auf 260.000 Soldaten bis 2030 dürfte auch der Bedarf an Militärseelsorge wachsen; um rund 40 Prozent, heißt es in einer neuen Studie der evangelischen Kirche. Das katholischen Militärbischofsamt in Berlin betont, derzeit plane man keine Aufstockung.
Bedenken, dass ein zu enges Bündnis von Kirche und Militär auch Missbrauchsgefahr bergen könnte, etwa für ein Absegnen und Aufrufen zu militärischer Gewalt, haben Seelsorger Havlik und Oberstleutnant Weißbrodt nicht. "Es wäre das Falscheste, wenn Religion dazu missbraucht würde, um für den Kampf einzupeitschen. Das werden wir nicht zulassen", sagt Kommandeur Weißbrodt.
Blick nach oben
Er ist aber auch überzeugt, dass wegen der wachsenden Unsicherheit und erst recht – im aus seiner Sicht hoffentlich nicht eintretenden Krisenfall – Religion und Glaube eine wichtige Rolle für die Soldaten spielen. "Mit näherrückenden Bedrohungslagen suchen mehr Soldaten nach spiritueller und religiöser Unterstützung und richten den Blick hilfesuchend nach oben."
Der neue Operationsplan Deutschland, ein geheimes Dokument, das Grundzüge für die Verteidigung Deutschlands plant und derzeit ständig aktualisiert wird, setzt auch auf die Militärseelsorge; zur Begleitung von Soldaten und ihrer Angehörigen. "Wir Militärseelsorger wollen und können uns nicht plötzlich zurückziehen", sagt Pater Stefan.
Was das heißen könnte, will sich kaum jemand wirklich vorstellen. Dem Vernehmen nach ist die Militärseelsorge aber beispielsweise aufgerufen, darüber nachzudenken, wie im Kriegsfall Hunderte Kriegsopfer parallel beerdigt werden könnten.
Bischof fordert Begleitung im Kampf
Auch der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck fand zuletzt klare Worte: Falls es zu einem bewaffneten Konflikt mit Russland kommen sollte, müsse es eine seelsorgliche Begleitung von Soldatinnen und Soldaten während ihrer Einsätze geben. "Um es deutlich zu formulieren: Es geht hier um die Begleitung von Einheiten im Kampf beziehungsweise im Einsatz sowie um die Bereitstellung von Seelsorge für Verwundete und Sterbende."
Dem Krieg schon nahe gekommen ist Pater Stefan im November und Dezember bei seinem Auslandseinsatz im rumänischen Constanta. Er begleitete dort rund 170 Bundeswehrsoldaten, die für die Überwachung des Luftraums über dem Schwarzen Meer verantwortlich waren. "Von dort steigen täglich zweimal Eurofighter auf. Der Ukraine-Krieg ist direkt nebenan."
Havlik hat dort nach eigenen Angaben eine große Kameradschaft erlebt. Zum Abschied schenkten ihm die Soldaten ein Eurofighter-Modell, das jetzt auf seinem Schreibtisch in Stetten steht. Er spricht aber auch von einer emotional belastenden Zeit. Er habe auch an das Schicksal seines Urgroßonkels Karl Weller gedacht, der als junger Marinesoldat an den Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs zerbrach und sich im Heimaturlaub das Leben nahm.
"Vielleicht hätte ihn ein Militärseelsorger damals retten können, wenn es sie damals schon mit dem heutigen Impetus gegeben hätte. Das war ein wichtiger Anstoß, warum ich Militärseelsorger geworden bin."