Der Vatikan hat die Luftangriffe Israels und der USA gegen den Iran umfassend kritisiert. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sagte in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit dem Portal Vatican News, gemäß der UN-Charta sei ein Angriff nur erlaubt, nachdem alle Instrumente des politischen und diplomatischen Dialogs ausgeschöpft worden seien. Dies gelte im Übrigen nur im Rahmen einer multilateralen Ordnung.
Weiter sagte Parolin: "Würde den Staaten das Recht auf einen 'Präventivkrieg' nach eigenen Kriterien und ohne einen überstaatlichen Rechtsrahmen zuerkannt, könnte die ganze Welt in Flammen stehen." Derzeit sei an die Stelle der Kraft des Rechts das Recht der Stärke getreten.
Repression kein hinreichender Kriegsgrund
Auch die Unterdrückung der Menschenrechte durch das Mullah-Regime ist aus seiner Sicht kein hinreichender Kriegsgrund. Parolin betonte, die Menschen im Iran hätten ein Recht, in einer Gesellschaft zu leben, die allen garantiert, ihre Ideen frei und öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Doch müsse man fragen, ob wirklich geglaubt werde, dass die Lösung durch den Beschuss mit Raketen und Bomben kommen könne.
Mit Nachdruck forderte Parolin eine Rückkehr zu einer multinationalen Ordnung und erinnerte an das 20. Jahrhundert: "Nach dem Zweiten Weltkrieg, der etwa 60 Millionen Tote gefordert hat, wollten die Gründerväter mit der Schaffung der UNO ihren Kindern die Schrecken ersparen, die sie selbst erlebt hatten. Deshalb wollten sie in der Charta der UNO präzise Vorgaben zur Regelung von Konflikten festhalten."
Leider würden Prinzipien wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die territoriale Souveränität und die Regeln des Kriegsrechts infrage gestellt. Parolin erinnerte an Immanuel Kant, der bereits 1795 schrieb: "Die Verletzung des Rechts an einem Punkt der Erde wird an allen Punkten empfunden."
"Keine Toten erster und zweiter Klasse"
Weiter betonte der Kardinal: "Es gibt keine Toten erster und zweiter Klasse, und keine Menschen, die mehr Recht auf Leben haben als andere, nur weil sie auf einem bestimmten Kontinent oder in einem bestimmten Land geboren wurden." Die Einhaltung des internationalen humanitären Rechts dürfe nicht von strategischen Interessen abhängen.
Da die internationale Ordnung sich 80 Jahre nach Gründung der UN tiefgreifend verändert habe, sei es notwendig, "die Festigung supranationaler Normen zu fördern, die den Staaten helfen, ihre Streitigkeiten durch Diplomatie und Politik friedlich zu lösen".