DOMRADIO.DE: Sie kannten Rita Süssmuth, wie haben Sie sie erlebt?
Andreas Süß (Leitender katholischer Pfarrer in Neuss): Ich bin seit dem Jahr 2021 Leitender Pfarrer in Neuss. Rita Süssmuth hat in Neuss gewohnt, deswegen haben wir uns bei verschiedenen Anlässen in der Kirchengemeinde, der sie angehört, gesehen. Sie gehörte an den Festtagen zu den Gottesdienstbesuchern oder nahm an der Quirinus-Oktav teil.
Bei uns wird der Stadtpatron, der Heilige Quirinus, sehr verehrt. In der Wallfahrts-Oktav kommen unterschiedliche Gruppen von Kindergärten über Grundschulen und weiterführenden Schulen zusammen, aber auch die Honoratioren der Stadt, die mit dem Schrein des heiligen Quirinus um das Quirinus-Münster herumgehen.
Rita Süssmuth hat in den vergangenen Jahren daran teilgenommen, aber auch an politischen Foren. Beim Schützenfest war sie zu meiner Zeit Ehrengast. Da sind wir uns ebenfalls jedes Jahr begegnet. Am rheinischen Brauchtum hat sie Anteil genommen sowie an den Messen und am Glauben der katholischen Kirche hier in Neuss.
DOMRADIO.DE: Wenn Sie Frau Süssmuth begegnet sind, wie haben Sie sie da erlebt?
Süß: Sie ist bis zuletzt eine sehr wache Persönlichkeit gewesen. Sie hat Anteil an politischen Entwicklungen genommen, auch an Fragen und Sorgen, die wir in der Gesellschaft zurzeit haben. Das war immer ein sehr schöner Austausch und für beide Seiten gewinnbringend, glaube ich. Es war immer sehr herzlich und freundlich.
DOMRADIO.DE: Hat Sie sich von ihrem Glauben getragen gefühlt?
Süß: Sie war in den letzten Jahren krank. Das hat sie auch öffentlich gemacht. Sie hat immer wieder betont, wie sehr ihr der Glaube Kraft und Halt gibt. Das hat man gespürt, dass sie an ein ewiges Leben glaubt. Sie hat sich gefreut, ihren lieben Mann, der schon im Jahr 2020 gestorben ist, wiederzusehen.
Man hat gespürt, dass der Glaube ihr Kraft gegeben hat und dass sie wirklich aus diesem Glauben heraus ihr Leben gestaltet hat.
DOMRADIO.DE: Eine Sache, die ihr sehr am Herzen lag, war auch der interreligiöse Dialog, oder?
Süß: Als sie die Ehrenbürgerschaft der Stadt Neuss bekommen hat, hat sie gesagt, dass sie das nicht nur als Ehre ansieht, sondern sich auch einsetzen will, besonders für die Jugend. Sie wollte, dass die Jugend ins gesellschaftliche Leben hineinfindet, zum Beispiel durch eine gute Berufsausbildung.
Nach ihr wurde vor kurzer Zeit eine Schule in Neuss benannt. Sie hat sich um ein gutes Verständnis unter den Völkern und unter den Religionen bemüht. Dabei war ihr Musik besonders wichtig. Sie hat erzählt, dass sie auf wichtige Missionen, auf denen sie die Bundesrepublik Deutschland vertreten musste, auch immer schöne und gute Musik mitgenommen hat.
Deshalb war das auch bei unterschiedlichen Anlässen und Gottesdiensten wichtig, dass es großartige Musik gab, weil die Musik die Herzen der Menschen öffnet. Dadurch können sie aufeinander zugehen und erblicken im Anderen eine neue Seite, die auch den eigenen Blick auf die Welt und auf die Gesellschaft erneuern kann.
DOMRADIO.DE: Gibt es bereits Planungen für eine Trauerfeier?
Süß: Wir sind gerade dabei, mit ihrer Tochter zu schauen, wie dieser Weg aussehen kann. Es ist klar, dass es eine heilige Messe für sie geben wird. Dabei werden wir sie und ihr ganzes Leben miteinander vor Gott bringen und Gott danken für all das, was sie für unser Land eingebracht hat.
Wir wollen Gott um sein Erbarmen für sie bitten, dass er sie mit weiten Armen aufnehme und ihr seine Barmherzigkeit schenken möge, an die sie geglaubt hat und auf die sie gehofft hat.
Das Interview führte Johannes Schröer.