Rita Süssmuth, die ehemalige Bundestagspräsidentin und Bundesministerin, ist tot. Sie starb im Alter von 88 Jahren, wie Bundestagspräsidentin Julia Klöckner am Sonntag mitteilte. Klöckner würdigte sie als "eine der bedeutendsten Politikerinnen der Bundesrepublik". Auch als Katholikin engagierte sich Süssmuth. So leitete sie die Kommission "Ehe und Familie" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und amtierte von 1980 bis 1985 als Vizepräsidentin des Familienbundes der Katholiken.
"Ich denke positiv und lasse mich nicht unterkriegen." Für die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) war dieser Satz ein Lebensmotto. Im Juni 2024 machte sie eine schwere Brustkrebserkrankung öffentlich. Angst vor dem Sterben habe sie nicht, betonte die Katholikin damals. Trotz Chemotherapie nehme sie aber weiter Termine wahr, sagte sie der "Bild"-Zeitung: Sie wolle weiter dazu beitragen, dass es der Gesellschaft besser gehe. "Dafür gebe ich alles." Jetzt hat sie den Kampf gegen den Krebs verloren.
Geboren 1937 in Wuppertal
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete sie als "eine große Politikerin und einen Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen". Für eine moderne und offene Gesellschaft habe sie beispielhaft gekämpft und Maßstäbe für Toleranz und Weltoffenheit gesetzt.
Geboren wurde Süssmuth 1937 in Wuppertal. Mit 34 Jahren wurde sie Professorin der Erziehungswissenschaften. Sie war in den 1970er Jahren Lehrstuhlinhaberin an der Universität Dortmund; zugleich wirkte sie in verschiedenen Gremien des Familienministeriums mit. Dass sie als Frau in Wissenschaft und Politik überhaupt erfolgreich wurde, schrieb sie ihrem Vater zu. Der habe sie von ihren typisch weiblichen Plänen abgebracht, Krankenschwester zu werden, und großen Bildungshunger in ihr geweckt.
Erste Bundesfrauenministerin, zweite Bundestagspräsidentin
1981 trat sie in die CDU ein. Dass sie sich in der CDU engagierte, führte sie auf ihre katholische Sozialisation zurück. Unter dem damaligen Kanzler Helmut Kohl wurde sie 1985 Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Ein Jahr später wurde ihr zusätzlich das Ressort Frauen zugesprochen. So wurde sie Deutschlands erste Bundesfrauenministerin. Aufgrund ihrer Vorarbeiten verabschiedete der Essener CDU-Parteitag 1985 Leitsätze für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch das Erziehungsgeld geht mit auf sie zurück."Ich hatte nie vor, in die aktive Politik zu gehen. Ich war glücklich als Erziehungswissenschaftlerin", resümierte sie im Rückblick. "Aber ich habe in den ganz großen politischen Auseinandersetzungen erfahren, dass Veränderung in der Politik möglich ist."
Von 1988 bis 1998 war sie als zweite Frau nach Annemarie Renger (SPD) Bundestagspräsidentin. In dieser Funktion setzte sie sich beherzt für die Verhüllung des Reichstagsgebäudes durch das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude im Sommer 1995 ein. Schnell geriet Süssmuth auch mit dem konservativen Flügel der Union aneinander. Bei Themen wie Vergewaltigung in der Ehe wurde sie als Liberale beschimpft. 1992 votierte sie für die Reform des Paragrafen 218, die eine Fristenlösung mit Beratungspflicht vorsah - und erntete heftige Kritik der katholischen Bischöfe.
"Engagierte Christin und herausragende Politikerin"
Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kirche reagierten betroffen auf den Tod. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, würdigte Süssmuth "als engagierte Christin und herausragende Politikerin".
Ihr Engagement aus ganzem Herzen sei ebenso vorbildlich wie überzeugt gewesen vom christlichen Menschenbild, schrieb er in einem Kondolenzschreiben an Bundestagspräsidentin Klöckner. Die Katholikin habe Politik verständlich gemacht und Verantwortung mit Haltung verbunden.
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, hob Süssmuths Rolle als Bundestagspräsidentin bei der parlamentarischen Gestaltung der deutschen Einheit hervor: "Sie hat mit ihrem beharrlichen Eintreten für Gerechtigkeit die Entwicklung unseres geeinten Landes in jener Zeit maßgeblich mitgeprägt." Die evangelische Kirche sei dankbar dafür, dass Süssmuth "ihren christlichen Glauben und ihre kirchliche Verankerung nie verborgen
hat".
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte, mit Rita Süssmuth verliere unser Land "eine großartige Frau und eine leidenschaftliche Kämpferin für die Demokratie". Sie sei "stets vorweg gegangen, war Vordenkerin, Vorkämpferin und Vorbild, insbesondere auch für viele Frauen".
"Charismatische Vorkämpferin für Gleichberechtigung "
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) würdigte ihre Amtsvorgängerin als "eine überzeugte, mutige und charismatische Vorkämpferin für Gleichberechtigung und sozialen Zusammenhalt. Sie hat für Frauen in der Politik den Weg geebnet". Im Umgang mit dem damals neuen Thema HIV/AIDS habe sie als zuständige Bundesministerin auf Aufklärung statt Stigmatisierung und damit auf Menschlichkeit sowie wissenschaftliche Evidenz gesetzt. Auch Bundesfrauenministerin Karin Prien (CDU) bezeichnete ihre Amtsvorgängerin als ein großes Vorbild. "Sie hat sich über Jahrzehnte mit starker Stimme für Familien und Frauen eingesetzt, nicht nur als Familien- und Frauenministerin. Sie hat frauen- und gleichstellungspolitische Themen ganz oben auf die Agenda gesetzt, wo sie auch heute noch hingehören."
Auch in der Migrationspolitik setzte die Politikerin Schwerpunkte. Bereits Mitte der 90er Jahre war sie die erste prominente CDU-Politikerin, die ein Bekenntnis zu Deutschland als Einwanderungsland forderte. Ab 2000 leitete sie die von der rot-grünen Bundesregierung eingesetzte Zuwanderungskommission. Von 2002 bis 2004 übernahm sie den Vorsitz des Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration. Von 2003 bis 2005 arbeitete sie in der Global Commission on International Migration mit, die die UNO eingesetzt hatte.
Von lovely zu lonely Rita
Anfangs auch als "lovely Rita" charakterisiert, verkehrte sich Süssmuths Spitzname später in "lonely Rita". "Ich habe Ablehnung in meiner Partei erfahren, ich habe viel Fremdheit empfunden (...) Es sind so wenige, auf die man sich wirklich verlassen, bei denen man ein offenes Wort wagen kann." Als ein Lebensmotto zitierte sie den Schriftsteller Samuel Beckett: "Scheitern, weitermachen, nochmal scheitern, besser scheitern, weitermachen".
Mit ihrem Mentor Kohl stand sie schließlich auf Kriegsfuß. 1989 gehörte sie zu denen, die den Parteivorsitzenden auf dem Bremer Parteitag stürzen wollten. In ihren Memoiren ging Süssmuth streng ins Gericht mit dem "System Kohl". Auch nach ihrer politischen Karriere übernahm sie weiterhin zahlreiche öffentliche Ämter.
Zahlreiche Ämter nach der politischen Karriere
2003 wurde sie in die neu gegründete Beratende Kommission zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz ("Limbach-Kommission"), berufen. Seit 2005 war sie Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts, dessen Ehrenpräsidentin sie zuletzt war. Ebenso war Rita Süssmuth über 27 Jahre die Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes, seit 2015 Ehrenpräsidentin des Verbandes.
2021 gehörte Süssmuth in dem Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen" zu den Protagonistinnen. Zusammen mit Christa Nickels von den Grünen und Ursula Männle von der CSU beschrieb sie die teilweise sehr chauvinistischen Zustände in der Bonner Republik. Bis zuletzt setzte sie sich für mehr Frauen in Führungspositionen ein und kämpfte für eine Parität von Männern und Frauen im Bundestag und in den Landesparlamenten.