Schon wieder Premieren für den - nicht mehr ganz so neuen - Papst: Erstmals hielt Leo XIV. am Sonntag in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern das Vespergebet zur Gebetswoche für die Einheit der Christen. Dabei prangte hoch über dem von Männern und Frauen vieler christlicher Traditionen bevölkerten Kirchenschiff sein neues Mosaik-Porträt.
Lächelnd reiht sich der erste US-Amerikaner im Papstamt als Nummer 267 in die Galerie der Nachfolger Petri. Zudem hatte Leo XIV. wenige Stunden zuvor seine erste Botschaft zum Sonntag der Weltmission veröffentlicht.
Dass er bei dieser an sich rein katholischen Initiative starke ökumenische Akzente setzt, ist nicht ungewöhnlich. Denn Ökumene und Evangelisierung sind eng miteinander verknüpft, Spaltungen innerhalb der Christenheit machen den Glauben für Fernstehende nicht gerade attraktiv, was Kirchenvertreter bereist mehrfach bereut haben.
Darauf ging Leo sowohl in seinem Text zum 100. Sonntag der Weltmission ein - in Deutschland am 18. Oktober - als auch in seiner Predigt am Sonntagabend: Alle Christen seien aufgerufen, das gemeinsame Engagement für die Verbreitung des Glaubens zu erneuern; auch wenn Spaltungen "das Licht Christi nicht daran hindern zu leuchten", trübten sie es doch. Und mit Blick auf den Missionssonntag warnte er: Konflikte, Polarisierungen, Missverständnisse und Misstrauen unter Christen schwächen ihr Zeugnis gegenüber der Welt.
Wie schon bei der Heilig-Jahr-Feier der Missionare und Migranten am 5. Oktober beschwor Leo XIV. "ein neues missionarischen Zeitalter". Dazu wünscht er intensivere Beziehungen zu allen christlichen Kirchen. Dabei seien auch die Chancen zu nutzen, "die sich aus der gemeinsamen Feier des 1.700. Jahrestages des Konzils von Nizäa ergeben haben", erinnerte er an das Treffen Ende November im türkischen Iznik, dem antiken Nizäa.
Die Grundlagen für das historische Treffen in der Türkei hatte Leos Vorgänger Franziskus (2013-2025) mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. gelegt. Immer wieder machte Leo deutlich, dass dies keinesfalls ein ererbter Pflichttermin sei, sondern dass er selbst aus vollem Herzen hinter der Initiative steht.
Der "Moment der Geschwisterlichkeit" in Iznik sei ein "wertvolles und unvergessliches Zeugnis unserer Einheit in Christus" gewesen, sagte er. "Möge der Heilige Geist auch heute in uns die fügsame Intelligenz finden, um den Männern und Frauen unserer Zeit mit einer Stimme den Glauben zu verkünden!"
Dabei sprach der Papst eine der wichtigsten Initiativen der katholischen Kirche der vergangenen Jahre an: die Weltsynode zur Synodalität, die auch durch die Teilnahme "zahlreicher brüderlicher Delegierter" von "tiefem ökumenischen Eifer" geprägt gewesen seien.
Schon Franziskus habe gesagt, dass das Streben der katholischen Kirche nach Synodalität, also neuen Formen von Mitsprache und Teilhabe, "ökumenisch ist und sein muss, genauso wie der ökumenische Weg synodal ist", so sein Nachfolger. "Ich glaube, dass dies ein Weg ist, um gemeinsam im gegenseitigen Verständnis der jeweiligen synodalen Strukturen und Traditionen zu wachsen", sagte Leo.
Noch ist es zu früh, um Leos Handeln in Sachen Einheit der Christen valide zu beurteilen. Doch schon sein päpstlicher Wahlspruch "In Illo uno unum" ("In dem, der eins ist, sind wir eins", den er bereits als Bischof in Peru hatte, ist in dieser Hinsicht vielversprechend.
Die Worte stammen von Kirchenvater Augustinus (354-430), den Leo als Mitglied des Augustinerordens bei jeder sich bietenden Gelegenheit zitiert. Die Texte aus der Zeit der Alten Kirche sprechen die Sprache einer noch nicht von Spaltungen gezeichneten Christenheit - vielleicht eine starke Brücke zu den ökumenischen Partnern.
Auch in deren Namen dankte der Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, dem Papst zum Abschluss der Vesper. Damit habe er "eine schöne Tradition fortgeführt", so der Ökumene-Minister des Papstes. "Wir danken Ihnen für Ihr offenes Herz für die Ökumene", schloss Koch. "Wir versprechen, Sie in unseren Gebeten und in Ihrem petrinischen Dienst für die Einheit der Kirche zu begleiten."
Derzeit dürften Kochs Mitarbeiter allerdings noch tief Luft holen nach den intensiven Vorbereitungen für Nizäa und das Heilige Jahr mit seinen zahllosen Terminen. Am ökumenischen Horizont leuchten aber bereits weitere Großereignisse auf: 2030 der 500. Jahrestag der Veröffentlichung der "Confessio Augustana", eine der wichtigsten lutherischen Bekenntnisschriften. Sie wurde 1530 Kaiser Karl V. übergeben und gilt als Meilenstein der Reformationsgeschichte.
Schon 1980 zum 450. Jahrestag des Augsburger Bekenntnisses gab es eine gemeinsame Erklärung von Papst Johannes Paul II. und den Lutheranern. In vier Jahren könnte auch Leo XIV. mit dem Lutherischen Weltbund auf den fruchtbaren Dialog der letzten 50 Jahre blicken. Für ein solches "Joint Statement" steht den ökumenischen Drahtziehern auf allen Seiten noch viel Arbeit ins Haus.
Und schließlich das Jahr 2033: 2.000 Jahre Tod und Auferstehung Jesu Christi sollen nach dem Willen von Papst Leo mit einem großen Treffen aller Kirchen in Jerusalem gefeiert werden. In Vorbereitung auf 2033 "wollen wir uns bemühen, die ökumenischen synodalen Praktiken weiterzuentwickeln und einander mitzuteilen, wer wir sind, was wir tun und was wir lehren", sagte Leo am Sonntag. "Wir sind eins!", bekräftigte er. "Wir sind es bereits! Erkennen wir es an, erleben wir es, bekunden wir es!"
Der Eindruck verfestigt sich: Auch beim Thema Ökumene ist der gebürtige Chicagoer, der lange in Peru wirkte und intensive Erfahrungen auch auf dem europäischen Kontinent hat, ein Sammler auf dem Stuhl Petri: Leo XIV. will Katholiken jedweder Couleur, Christen verschiedenster Traditionen und "alle Menschen guten Willens" hinter sich vereinen, um mit ihnen an einer Welt der Liebe und des Friedens zu bauen.