DOMRADIO.DE überträgt am zweiten Sonntag der Osterzeit das Kapitelsamt aus dem Kölner Dom mit Dompropst Guido Assmann. Den Kantorendienst im Gottesdienst übernimmt Domkapellmeister Alexander Niehues. Die Orgel spielt Matthias Wand.
In der Liturgie erklingen österliche Lieder und Gesänge, darunter die gregorianische Antiphon "Vidi aquam" zum Taufgedächtnis, ein Gloria aus Taizé als Responsorialgesang und das Apostolische Glaubensbekenntnis in einer Vertonung von Karl Norbert Schmid.
Papst Johannes Paul II. hat im Jahr 2000 den zweiten Sonntag der Osterzeit zum Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit bestimmt. Er will die Barmherzigkeit Gottes als zentralen Aspekt der göttlichen Liebe zu uns Menschen stärker bewusst machen. Die Nähe zum Osterfest verdeutlicht, dass Gott allen Menschen Anteil geben will an der Erlösung durch Jesus Christus. Wenn Gott nur gerecht wäre, wer könnte dann vor ihm bestehen? Doch Gott, so sagt es die Bibel, ist barmherzig. Die barmherzige Liebe Gottes erst ist es, die uns hoffen lässt, dass Gott uns immer wieder einen Neuanfang schenken will, wenn wir selbst dazu bereit sind. Schon im Alten Bund (z. B. Ps 103,8; Ez 33,11; Hos 6,6) wird die Barmherzigkeit Gottes betont. Im Neuen Bund bezeugt Jesus in Wort und Tat diese barmherzige Liebe des Vaters. Bei Lukas heißt es z. B.: "Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes hat uns besucht das aufstrahlende Licht aus der Höhe" (Lk 1,78; vgl. Lk 1,50;15,1ff.). Diese Liebe anzunehmen und daraus zu leben, ist das eine; sie durch unser eigenes Handeln sichtbar zu machen, ist das andere.
Der Weiße Sonntag erinnert an den Brauch der frühen Kirche, dass die in der Osternacht Getauften eine Woche lang ihre weißen Taufkleider trugen. Die Osteroktav diente dazu, sie tiefer in die Heilsgeheimnisse der Sakramente einzuführen. Diese Weiße Woche, in der die Neugetauften im Mittelpunkt standen, erinnerte die Gemeinde so zugleich an die eigene Taufe und gab ihr Gelegenheit, sich auf das eigene Christsein zu besinnen. Die gemeinsame Erstkommunionfeier, wie wir sie heute vielerorts am Weißen Sonntag kennen, bildete sich im 18. Jahrhundert heraus.
Evangelium vom zweiten Sonntag der Osterzeit: Johannes 20,19-31
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.
Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen.
Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei.
Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.
Auslegung zum Sonntagsevangelium von Eugen Biser
Wir möchten [wie Thomas, Anm. d. Red.] Gewissheit, dass die Auferstehung tatsächlich geschehen ist, und wir möchten uns davon aus eigenem Augenschein überzeugen. Dieses Verlangen droht heute beinahe zur Ausnahme zu werden, nachdem ein Drittel der Christen beider Konfessionen demoskopischen Erhebungen zufolge im Begriff stehen, den Auferstehungsglauben mit der asiatischen Reinkarnationsvorstellung zu vertauschen. Vor nicht zu langer Zeit wurde der Auferstehungsglaube auf einer norddeutschen Synode sogar als "nicht konsensfähig" bezeichnet. Wenn das am grünen Holz geschieht, ist tatsächlich alles daran gelegen, dass wir uns der Auferstehung Jesu mit dem Aufgebot unserer ganzen Kraft vergewissern. Denn die angesprochenen Alarmzeichen sind ja nur die Folgen der Aufklärung, die in einem ihrer Initiatoren, dem Orientalisten Hermann Samuel Reimarus, das Christentum an seiner Wurzel angriff, als dieser in seiner Streitschrift "Vom Zwecke Jesu und seiner Jünger" die Auferstehung als einen Jüngerbetrug auszugeben suchte. Damit verschwand die Auferstehung nicht nur aus dem allgemeinen Sprachgebrauch; vielmehr wurde sie geradezu als denkunmöglich empfunden.
In dieser Frage führte der wohl größte Dichter der Romantik, Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, den entscheidenden Wandel herbei, als er durch seine Hymnen an die Nacht den Begriff Auferstehung wieder in den deutschen Sprachraum zurück holte. Davon spricht, fast bekenntnishaft, seine Strophe:
Ich sag es jedem, dass er lebt
Und auferstanden ist,
Dass er in unsrer Mitte schwebt
Und ewig bei uns ist.
Aber war die Auferstehung damit auch wieder denkbar gewor den? Darüber kann nur eine Rückbesinnung auf den Kern dieses Glaubensartikels Aufschluss geben. Er besagt, auf diesen Kern zurückgeführt, dass Gott in das bitterste aller Weltgesetze, nämlich in das der universalen Todverfallenheit, eingegriffen und dieses Gesetz durch die Auferweckung seines gekreuzigten Sohnes durchbrochen und außer Kraft gesetzt hat, sodass wir fortan alle samt unsere eigene Auferstehung erhoffen dürfen. Aber können wir etwas Derartiges denken? Gibt es vergleichbare Eingriffe Gottes in das Weltgeschehen?
Hier zeigt sich die tiefe Verwurzelung unseres Glaubens in der jüdischen Glaubenswelt. Denn sie lebt von der Überzeugung, dass die Befreiung Israels aus dem "Sklavenhaus Ägypten", der das Gottesvolk seine religiöse und nationale Identität verdankt, auf einen göttlichen Eingriff in die Geschichte zurückzuführen ist. Unwillkürlich fragen wir uns: Gibt es in unserer Weltzeit etwas damit Vergleichbares? Denn unter dieser Voraussetzung würde ein Ereignis wie die Auferstehung Jesu für uns nicht nur sagbar, sondern auch denkbar.
Unter diesem Gesichtspunkt springt uns die schon halb vergessene Wende von 1989 in die Augen und mit ihr ein Ereignis, das von keinem Politiker und Historiker vorausgeahnt wurde und trotzdem, ganz unerwartet, die lange und mit schwindender Hoffnung ersehnte Befreiung der Ostgebiete von terroristischer Unterdrückung, Deutschland die Wiedervereinigung und der Welt das Ende des alle Verhältnisse lähmenden Ost-West-Konflikts brachte: ein Ereignis, das selbst die Französische Revolution an Bedeutung weit überstrahlt.
Aber im Unterschied zur Französischen und jeder vorangehenden Revolution gab es in diesem Fall keine Führer, kein Programm und vor allen Dingen kein Blutvergießen, sodass sich der Begriff der „sanften Revolution“ eingebürgert hat. Wer diesen Begriff ernst nimmt, muss zugestehen, dass es für dieses Befreiungsereignis von 1989 zwar eine Reihe von Symptomen gab, die darauf hingewiesen haben, nicht zuletzt die Demonstrationen und die Friedensgebete, die in vielen evangelischen Kirchen gehalten worden sind. Aber das Ereignis selbst überstieg alles, was an Kausalitäten aufgeführt und in Betracht gezogen werden kann. Wer dieses Geschehen nicht unerklärt stehen lassen will, sieht sich gezwungen, ähnlich wie beim Auszug Israels aus Ägypten, tatsächlich an ein Eingreifen Gottes in unsere Weltgeschichte zu denken.
Wer so denkt, ist kein Phantast, sondern ein Realist. Er weigert sich, angesichts dieses größten historischen Ereignisses unserer Zeit zu einem Kausalitätsverzicht Zuflucht zu nehmen, und er fasst stattdessen in Erinnerung an den Anfang der jüdischen Ge schichte den Gedanken an einen göttlichen Eingriff in unsere Zeit- und Weltgeschichte. Das bedeutet für unseren Osterglauben, dass etwas Derartiges tatsächlich wieder denkbar geworden ist. Sagbar durch die Dichtung des Novalis, denkbar durch das Ereignis des großen historischen Umbruchs in unserer Zeit. So sind wir denn gerüstet, an dieses größte Geheimnis unseres Glaubens ganz anders heranzutreten, als es früheren Generationen möglich war.
Eugen Biser (dt. Theologe, 1918–2014), aus: Ders., Gott für uns. Predigten zum Lesejahr A, Düsseldorf 1995, 64–66, © Eugen-Biser-Stiftung, München
Quelle: Magnificat - Das Stundenbuch