Glücksempfinden leidet unter Corona

Zuversicht bleibt

Es war zu erwarten, dass die Zufriedenheit der Deutschen unter der Corona-Pandemie leiden würde. Nach der Studie "Glücksatlas" ist der Einbruch jedoch moderat. Viele sehen dem kommenden Jahr sogar schon positiver entgegen.

Die Zufriedenheit in Deutschland ist etwas zurückgegangen / © Martin Gerten (dpa)
Die Zufriedenheit in Deutschland ist etwas zurückgegangen / © Martin Gerten ( dpa )

Zum Abschluss der flotten Video-Präsentation mit zwei redegewandten Experten, die Optimismus versprühten, wurde es für einen Moment fast etwas besinnlich. "Letztlich sind wir alle zu Besuch hier", sagte Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen, "und damit müssen wir leben."

Corona hat den Tod, der im Alltag oft weit weg erscheint, nähergerückt. Und die Schutzmaßnahmen bedeuten für viele Menschen existenzielle Einschränkungen - etwa durch Arbeitslosigkeit, prekäre Wohnverhältnisse oder Zukunftsängste. Dennoch bleibt eine Mehrheit der Deutschen offenbar zuversichtlich. Zu diesem Ergebnis kommt der "Glücksatlas", der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Auch schilderte die Hälfte der Befragten den Eindruck, dass die Gesellschaft während der Krise zusammengerückt sei.

Zufriedenheit soll nächstes Jahr wieder steigen

Im vergangenen Jahr hatte die Studie, die seit zehn Jahren von der Deutschen Post erstellt wird, ein Allzeithoch verzeichnet. Die Deutschen waren damals so glücklich wie zuletzt zur Zeit des Mauerfalls; auf einer Skala von 0 bis 10 lag die Lebenszufriedenheit bei 7,14 Punkten.

Ein gewisser Einbruch war laut Raffelhüschen im Corona-Jahr zu erwarten. Tatsächlich liegt der diesjährige "Glücksindex" bei 6,74 Punkten. Der Personalvorstand der Deutsche Post DHL Group, Thomas Ogilvie, sprach von einem "moderaten" Rückgang. 45 Prozent der Befragten gingen zudem davon aus, dass ihre Lebenszufriedenheit in einem Jahr höher liegen werde als momentan.

Lockerungen verbesserten die Zufriedenheit

Während des Herunterfahrens des öffentlichen Lebens im Frühjahr sei die Zufriedenheit "beträchtlich" zurückgegangen, erläuterte Raffelhüschen. "Flatten the curve" - ein Abflachen der Kurve, die in Schaubildern die Corona-Infektionszahlen abbildete - war das Ziel der Beschränkungen. Parallel dazu sei auch die "Glückskurve" gesunken.

Besonders stark habe sich dies bei Großfamilien und Familien mit älteren, zu Hause lebenden Kindern gezeigt: Die Schließung von Schulen und Kindergärten sei für diese Gruppen die "herbste Pille" gewesen, so der Wissenschaftler. Mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen habe sich zum Sommer hin auch die Lebenszufriedenheit wieder verbessert.

Viele halten Gemeinschaft für wichtig

80 Prozent der Befragten gaben an, sie seien froh, während der Krise in einem Land wie Deutschland zu leben. Dazu tragen laut Ogilvie eine hohe politische und wirtschaftliche Stabilität sowie die soziale und gesundheitliche Absicherung bei, aber auch Faktoren wie Kreativität.

83 Prozent erklärten, sie hätten entdeckt oder wiederentdeckt, wie wichtig Freunde und Familie seien. Das Jahr habe gezeigt, dass Gemeinschaft und die Übernahme von Verantwortung für andere dabei helfen könnten, Krisen zu bewältigen, betonte Ogilvie.

Gesundheit, Gemeinschaft, Geld und Genetik

Finanzwissenschaftler Raffelhüschen fügte hinzu: "Zufriedenheit hat einen Grund." Genauer gesagt, vier Gründe, die die Forscher als die "4 G" bezeichnen: Gesundheit, Gemeinschaft, Geld - Faktoren, die in Corona-Zeiten gelitten haben - und die genetischen Disposition.

Dass die glücklichsten Deutschen auch in diesem Jahr wieder in Schleswig-Holstein zu finden sind ("Glücksindex": 6,92), liege womöglich am "fast infektiösen" Einfluss Dänemarks, erklärte Raffelhüschen augenzwinkernd: Die Dänen werden in vergleichbaren Untersuchungen stets als eines der glücklichsten Völker der Welt beschrieben. Innerhalb Deutschlands hat sich das Glücksgefälle unterdessen weiter verringert.

Mut und Zuversicht sei wichtig

Der jetzige "Lockdown light" sorgt für Debatten, Kritik und Demonstrationen. Im Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsfest erwartet Raffelhüschen eine ähnliche Entwicklung wie im Frühjahr: Derzeit sacke die Zufriedenheit vermutlich wieder etwas ab, sagte er - sie werde jedoch auch wieder ansteigen. Wichtig seien "Mut und Zuversicht statt Panik und Hysterie".

Im weltweiten Vergleich befinde sich Deutschland im oberen Mittelfeld, was die Lebenszufriedenheit angeht. Die Deutschen seien nicht "diese Frustbeutel", wie es das Klischee wolle, sagte Raffelhüschen. Er warb zudem dafür, eines nicht zu vergessen: "Deutschland gehört auch zum oberen Drittel, was die Bewältigung der Krise angeht. Wir sind noch nicht an den Kapazitätsgrenzen, wir können weiterhin Menschenleben retten. Das spricht sich vielleicht langsam herum."

Autor/in:
Paula Konersmann
Quelle:
KNA