Theologe ordnet Münchner Tatort im Faktencheck ein

Wie realistisch war der Tatort?

Der Tatort "Wunder gibt es immer wieder" spielte am Sonntag in einem Kloster. Dabei es ging um Wunder, viel Geld und um den Erhalt des Klosters. Aber hatte das alles auch seine katholische Richtigkeit?

Tatort-Logo / © Christoph Schmidt (dpa)
Tatort-Logo / © Christoph Schmidt ( dpa )

DOMRADIO.DE: Ist das schöne Kloster aus dem Tatort ein reales Kloster?

Jan Hendrik Stens (Theologie-Redaktion von DOMRADIO.DE): Ja, es ist das Kloster Reisach. Das befindet sich im Landkreis Rosenheim in Bayern. Seit 2019 ist es allerdings verlassen. Da waren vorher Unbeschuhte Karmeliten drin. Weil sie immer weniger geworden sind, haben sie das Kloster 2019 aufgelöst. Die Ordensleute sind nach Polen abgezogen worden. Im Augenblick ist der Freistaat Bayern Eigentümer des ehemaligen Klosters Reisach. 

DOMRADIO.DE: Zu Beginn des Tatorts ging es um zwei vom Vatikan geschickte Monsignori (Anm. d. Red.: Priester mit päpstlichem Ehrentitel). Die kamen ins Kloster, um zu überprüfen, ob eine Madonna - so wie das eine Nonne beobachtet hatte - Bluttränen weint. Schickt der Vatikan denn in Wirklichkeit auch Gesandte aus, um Wunder zu überprüfen?

Stens: Ja, bevor es zu einer Anerkennung eines Wunders kommt, muss immer alles sorgfältig geprüft werden. Denken wir mal an den Wallfahrtsort Medjugorje in Bosnien, der in den letzten Jahren immer wieder im Gespräch war. Er ist vom Vatikan nicht offiziell anerkannt. Vor einigen Jahren ist ein Visitator vom Vatikan dort hingeschickt worden. Ähnlich werden auch in Lourdes immer wieder Heilungswunder überprüft.

Ob das dann immer Monsignori sind, die geschickt werden, sei mal dahingestellt. Im Film sieht das vielleicht schicker aus, wenn da zwei Italiener mit Priesterkragen ankommen. Im Normalfall handelt es sich aber um entsprechende Wissenschaftler. Im Fall Lourdes gibt es zum Beispiel eine Kommission des Vatikan, die von einem Arzt geleitet wird.

Im Jahr 2016 hat der Vatikan das Level für die Anerkennung von Wundern, die für Selig- und Heiligsprechungen erforderlich sind, deutlich angehoben. Von 7.000 Heilungen in Lourdes wurden zum Beispiel nur 69 als Wunder anerkannt. Insofern ist die Überprüfung durch Gesandte aus dem Vatikan in dem Tatort keine Erfindung.

DOMRADIO.DE: Im Kern ging es aber um die Existenz des Klosters, das die Nonnen als ihr Zuhause erhalten wollten. Im Film hieß es, dass ein Kloster geschlossen werden muss, wenn weniger als sieben Ordensschwestern oder Ordensbrüder darin leben und arbeiten. Stimmt das?

Stens: Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt auf den Orden an. Es gibt Orden, bei denen außer dem Mutterkloster noch viele kleinere Konvente existieren - zum Beispiel bei den Olper Franziskanerinnen. Das kann auch damit zu tun haben, welchen Auftrag diese Konvente haben. Meistens entscheidet der Orden, der General-Obere oder die entsprechende Kongregation, welche Niederlassung aufgelöst wird – nicht der Vatikan oder das Bistum. Es gibt aber auch Fälle, wo eingegriffen werden muss oder wo eine Gemeinschaft direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt ist. Zuständig für die Orden ist im Vatikan die Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens.

DOMRADIO.DE: Die Nonnen im Tatort haben immer wieder gebetet, gesungen, Stundengebete gehalten. Während der Mahlzeiten haben sie geschwiegen und sich einen Text verlesen lassen. Ist das im Klosterleben im Jahr 2021 auch noch so?

Stens: Das kommt darauf an, zu welchem Orden das Kloster gehört. Bei den Benediktinern gibt es das. Wer da zu Gast in der Klausur ist, kann an den Mahlzeiten teilnehmen. Da gibt es eine Tischlesung und beim Essen unterhält man sich nicht munter. Die Tischlesung würde ich also einem monastischen Orden zuschreiben, wie den Benediktinern. Im Film schauten unter dem Schleier der Ordensfrauen zum Teil die Haare hervor – das deutet wieder auf einen nichtmonastischen Orden hin.

Um welchen Orden es sich genau handelt, wurde im Tatort allerdings nicht thematisiert. Der Habit, den die Ordensschwestern in Film getragen haben, ließ sich auch nicht zuordnen. Das graue Skapulier, dieser Überhang, passt eigentlich nirgendwo hin. Das war eine Unschärfe. Aber da hat man natürlich mehr filmische Freiheiten in der Umsetzung - ein bisschen benediktinisch hier, ein bisschen franziskanisch da - eine bunte Mischung. Deswegen kommt es insgesamt zu ein paar Ungereimtheiten.

DOMRADIO.DE: Welche Ungereimtheiten hast du noch festgestellt, außer dass der Orden vage blieb?

Stens: Es gab zwei Dinge, die sehr klischeemäßig waren. Auf Twitter wurde dazu auch munter diskutiert. Zum einen gab es dieses Tischgebet, was die Oberin oder Priorin, gespielt von Corinna Harfouch, vorgebetet hat. Sie betete das Gebet "Aller Augen" und gleich darauf kam das Zitat aus Psalm 23: "Und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht". Das fand ich in dieser Verbindung sehr albern. Es hat mich an Sister Act erinnert, wo Dolores im Kloster diesen Psalm als Tischgebet vorgetragen hatte.

Auch das Stundengebet fand ich ein bisschen merkwürdig. Natürlich gibt es Orden, die ihre Stundenliturgie in lateinischer Sprache feiern. Aber dass die Oberin eine Oktave tiefer singt als die anderen Schwestern, fand ich eher ungewöhnlich. Außerdem hat bei den Psalmen irgendjemand Orgel gespielt, aber es war keine Orgel zu sehen. Ich dachte ja erst, das sei die siebte Schwester, von der immer wieder die Rede war.

DOMRADIO.DE: Fandest du persönlich den Tatort denn jetzt gut?

Stens: So richtig gepackt hat er mich nicht. Dass ein Film mit Klischees spielt, um bestimmte Dinge zu überspitzen, ist okay. Man will ja auch auf bestimmte Dinge hinweisen. Zum Teil war es aber ein bisschen zu stark konstruiert. Die Auflösung kam am Ende sehr geballt. Dem Kritiker vom Spiegel war er zu wenig kirchenkritisch, was auch immer das heißen mag.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR
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