Der Angriff auf Venezuela, das Tauziehen um Grönland, der Iran-Krieg: Das neue Jahr ist noch keine drei Monate alt und doch folgen Krisen und Kriege in scheinbar immer kürzeren Abständen.
Während sich die Politik und die Menschen in dieser Welt neu orientieren müssen, bleibt eine Stimme konstant: die des Papstes. Fast gebetsmühlenartig mahnt er Woche für Woche beim Angelusgebet und der Generalaudienz zu Frieden, Diplomatie und Dialog. Doch in einer Welt, in der immer häufiger militärische Antworten gefunden werden, stellt sich die Frage: Welche politische Wirkung kann eine moralische Stimme, die zu Diplomatie appelliert, heute überhaupt noch entfalten?
Der Politikwissenschaftler für Internationale Beziehungen Prof. Dr. Ralph Rotte von der RWTH Aachen sieht trotz des Chaos', das gegenwärtig herrscht, und trotz des Rückgriffs auf Gewalt, dass in den meisten Fällen Diplomatie immer noch angesagt sei. Früher oder später müsse man auf diplomatische Wege zurückgreifen, um aus Eskalationsspiralen herauszukommen.
Ein Mahner in der Wüste
Doch die Vorstellung, dass große Akteure derzeit dauerhaft globale Interessen oder langfristige Stabilität in den Mittelpunkt stellten, halte er derzeit für wenig realistisch. "Im Kontext von Diplomatie muss man heute wirklich ganz brutal klassisch nur noch an Eigeninteressen denken", sagt Rotte im Gespräch mit DOMRADIO.DE
Die moralischen Appelle, wie die des Papstes, würden vor allem bei schwächeren Akteuren oder Staaten Gehör finden, die selbst ein Interesse an einer regelbasierten internationalen Ordnung hätten. Mächte, die stark auf militärische Druckmittel setzten, ließen sich davon hingegen kaum beeinflussen, erklärt der Politikwissenschaftler und ergänzt: "Ich glaube, das ist im Augenblick die Position des Mahners in der Wüste".
Vatikanische "Soft Diplomacy" unter Druck
Die "Soft Diplomacy" des Heiligen Stuhls hält Rotte zwar grundsätzlich für zeitgemäß, sieht darin aber ein strukturelles Problem. Denn seit dem Pontifikat von Papst Franziskus habe der Vatikan stärker als zuvor eine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber militärischer Abschreckung eingenommen. Während frühere Päpste nukleare Abschreckung teilweise als Übergangslösung akzeptiert hätten, habe Franziskus sie deutlich zurückgewiesen.
Papst Leo XIV. knüpfe in vielen Aussagen an diese Linie an. Rotte beschreibt Leos Position so: "Im Großen und Ganzen will er einen entwaffneten Frieden haben", also eine langfristige Perspektive von Abrüstung und Deeskalation. Das führe allerdings heutzutage in eine Zwickmühle. "Eine richtige, pragmatische Lösung, wie man denn mit solchen großen Aggressoren umgeht, zeigt sich da nicht", sagt Rotte.
Neutralität als Prinzip
Diese Zurückhaltung ist Teil des Selbstverständnisses des Heiligen Stuhls. Schon 2022 betonte Erzbischof Paul Richard Gallagher, Diplomat und Außenbeauftragter des Heiligen Stuhls, im Interview mit DOMRADIO.DE, dass der Vatikan bewusst keine politischen Allianzen eingehe. "Wenn man sich mit jemandem alliiert, alliiert man sich auch gegen jemanden", erklärt er die vatikanische Nicht-Positionierung.
Neutralität bedeute allerdings nicht Gleichgültigkeit. Gallagher erläuterte damals: "Wir sind neutral, aber nicht ethisch gleichgültig." Bezogen auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine deutet er das wie folgt: "Wir sagen nicht, dass wir mit diesem furchtbaren Konflikt nichts zu tun haben wollen. Wir sagen: Wir sind hier. Was können wir tun?" Der Ansatz des Vatikans bestehe daher vor allem darin, Kontakte zu allen Seiten aufrechtzuerhalten und sich als möglicher Vermittler anzubieten.
Ein Papst aus den USA
Doch auch wenn die vatikanische Diplomatie nie sonderlich laut war, scheint es so, als habe der Vatikan gerade kaum einen Einfluss auf die Entwicklung internationaler Krisen und Kriege. Könnte da ein Papst aus den Vereinigten Staaten mehr bewirken?
Rotte sieht darin nur begrenzte Möglichkeiten, da der Katholizismus in den USA im Vergleich zu evangelikalen oder protestantischen Kirchen eine geringere Rolle spiele. Zudem könne ein Papst mit starken menschenrechtlichen Positionen schnell zum politischen Feindbild der US-amerikanischen Administration und damit des Präsidenten werden. Direkte Einmischungen in konkrete politische Debatten seien deshalb schwierig. Wahrscheinlicher sei, dass der Vatikan über kirchliche Strukturen arbeite – etwa über nationale Bischofskonferenzen.
Gleichzeitig könne die persönliche Präsenz des Papstes durchaus Wirkung entfalten. Große Papstbesuche mit öffentlichen Gottesdiensten und internationaler Medienaufmerksamkeit könnten Debatten anstoßen. "Ein Besuch im Heimatland von Leo XIV. wäre eine Möglichkeit, da eine Analogie zu Johannes Paul II. ein positives Beispiel sein könnte", sagt Rotte.
"Schwache Karten", aber moralischer Kompass
Kurzfristig "kommt der Vatikan aber nicht aus der Zwickmühle raus, ohne die eigene Lehre oder das eigene Selbstverständnis abzuschwächen", findet Rotte, denn der Heilige Stuhl verfüge über ein eher schwaches Kartenblatt. Dennoch könne seine Strategie langfristig Wirkung entfalten.
In dem Zusammenhang stellt der Politikwissenschaftler die Frage auf, ob sich der Nationalstaat nicht überlebt hat, denn nationalstaatlicher Wettbewerb und Nationalismus seien selten stabilitäts- und friedensfördernd. Perspektivisch könnte es notwendig sein, internationale Institutionen stärker zu denken und supranationale Strukturen auszubauen, so wie die Vereinten Nationen, bei denen der Vatikan als Beobachter aktiv ist.
Daher bleibe die moralische Stimme des Papstes wichtig. Ohne solche Appelle würde die Hoffnung auf eine friedlichere internationale Ordnung schnell verloren gehen, meint Rotte. Leo XIV. erinnere immer wieder daran, dass es zunächst darum gehe, angesichts von Gewalt und Chaos die Hoffnung nicht aufzugeben. Genau hier sieht der Politikwissenschaftler langfristig die besondere Rolle des Vatikans. "Der Vatikan hat vielleicht kein besonders gutes Blatt, aber das Spiel ist nicht hoffnungslos", fasst Rotte zusammen.