Weihbischof Puff eröffnet Gebetsraum im sozialen Brennpunkt Kölnberg

Ein Dornbusch im Brennpunkt

Vor zwei Jahren hat der Kölner Weihbischof Ansgar Puff im Kölnberg einen Ort des Gebets und der Begegnung geschaffen. Im "Brennenden Dornbusch" wartet er auf Gespräche mit den Anwohnern, für die er inzwischen einfach mit dazugehört.

Autor/in:
Debora Flock
Blick auf den Kölnberg / © gerd-harder (shutterstock)

"Hier vorne, wo die Hauswand so schwarz ist, da war ein Feuer." Elf Kilometer vom Kölner Dom entfernt steht Weihbischof Ansgar Puff vor einer ausgebrannten Wohnung. "Das muss letzte Woche gewesen sein. Hier brennt ständig was."

Es ist ein sonniger Nachmittag im Kölner Stadtteil Meschenich. Zwischen Einfamilienhäusern mit Gärten wirft auch ein Ungetüm aus grau-braunem Beton seinen Schatten – der Kölnberg, bestehend aus neun Hochhäusern mit bis zu 26 Stockwerken.

Mittendrin sitzt Ansgar Puff auf einem schwarzen Klappstuhl aus Plastik. In der rechten Hand hält er einen Pappbecher mit Kaffee sowie zwei Stück Würfelzucker und einem Schuss Milch. "Das war irgendwie ganz merkwürdig", erzählt er. "Vor zwei Jahren habe ich beschlossen, nochmal ein bisschen Basisarbeit zu machen, und dann habe ich mich sofort in diesen Ort verguckt."

Weihbischof Ansgar Puff / © Beatrice Tomasetti (DR)
Weihbischof Ansgar Puff / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Der Besitzer des Büdchens nebenan kennt Puffs Kaffeevorlieben genauso gut wie der Weihbischof dessen Tattoos. Zumindest bemerkt er ein neues und fragt, ob es schmerzhaft war. Der breitschultrige Mann bejaht und zuckt gleichzeitig mit den Schultern.

"Das ist ein guter Mann", sagt Puff später, "der macht viel gute Arbeit hier." Vorsichtig nippt er an dem heißen Gebräu und blickt umher. Vor ihm liegt ein großer Innenhof mit Spielgeräten und einigen Bäumen, die in den kleinen ummauerten Beeten wie grüne Inseln den grauen Beton unterbrechen. Kinder spielen, Erwachsene stehen oder sitzen zusammen. Aus einer der Mülltonnen flitzt eine Ratte und verschwindet in einem zerbrochenen Kellerfenster.

"Das Grüppchen da vorne, das sind Ukrainer." Puff deutet auf eine Handvoll Männer, die ihm schräg-links gegenüberstehen. Der eine trägt eine grellrote Jacke und blickt kurz herüber. Dann widmet er sich wieder dem Gespräch und dem Bier in seiner Hand.

Ansgar Puff

"Ich fühle mich einfach zu solchen Milieus hingezogen. Ich habe den Eindruck, dass ich dahingehöre, dass ich dahin passe und dass ich mich da wohlfühle."

"Die Frauen da rechts mit den langen Röcken sind wahrscheinlich Roma oder Sinti. Vielleicht aus Rumänien oder Bulgarien." Ansgar Puff deutet mit einem Kopfnicken in die Richtung. Er fühlt sich in sozialen Brennpunkten heimisch: "Ich fühle mich einfach zu solchen Milieus hingezogen. Ich habe den Eindruck, dass ich dahin gehöre, dass ich da hin passe und dass ich mich da wohlfühle. Wie soll ich das begründen? Das ist einfach so."

Ganz ohne Plan und Strategie hat er seine Zeit im Kölnberg begonnen und schnell gemerkt: "Ich brauche einen Standort, an dem mich die Menschen finden können." Er bemerkte ein leerstehendes Lokal für Sportwetten. "Da war auf der Schaufensterscheibe eine fette Ratte drauf. Das fand ich lustig, weil die Ratte ja so ein bisschen das Symbol vom Kölnberg ist."

Obwohl das Ladenlokal bereits mehrere Jahre leerstand und richtig verkommen war, beschloss Puff, genau dort anzufangen. Doch wem die Räume gehörten, war nicht so leicht herauszufinden. Bei dem Besitzer des benachbarten türkischen Kiosks hatte er schließlich Erfolg. Dieser hatte das Geschäft ebenfalls angemietet, damit sich dort "keine Konkurrenz einnistet".

 

Gebetsecke im Brennenden Dornbusch / © Debora Flock (DR)
Gebetsecke im Brennenden Dornbusch / © Debora Flock ( DR )

"Er fragte mich, was ich denn aus den Räumen machen will. Und bis zu dem Moment hatte ich überhaupt keine Idee, was ich hier wollte. Es war alles völlig durcheinander in meinem Kopf. Dann kam mir die Idee: Wenn ich es mieten kann, dann würde ich einen christlichen Gebetsraum draus machen. Und dann sagte der, das wäre ja cool."

Ansgar Puff

"Ich habe in der Zeit und immer wieder gebetet: lieber Gott, wenn das nur eine bekloppte Idee von mir ist, dann verhindere das bitte."

Plötzlich war Puff der Besitzer eines Ladenlokals, dessen Zustand kaum schlechter hätte sein können. "Hier im Keller stand wohl wochenlang das Wasser kniehoch. Da war alles verschimmelt." Nach und nach sanierte er die Räumlichkeiten, doch auch nach zwei Jahren sind die Bauarbeiten nicht beendet. "Ich habe in der Zeit immer wieder gebetet: Lieber Gott, wenn das nur eine bekloppte Idee von mir ist, dann verhindere das bitte."

Zumindest im Erdgeschoss kann man sich inzwischen entspannt aufhalten. Hier veranstaltet der Weihbischof monatliche Andachten. Doch meist sitzt er einfach nur da, die Tür weit geöffnet, und versucht, möglichst wenig beschäftigt auszusehen. "Man kann nicht einfach was machen, sondern man muss immer nach außen signalisieren, dass du ansprechbar bist."

Weihbischof Ansgar Puff im Brennenden Dornbusch im Kölnberg / © Debora Flock (DR)
Weihbischof Ansgar Puff im Brennenden Dornbusch im Kölnberg / © Debora Flock ( DR )

Es sei ein wenig wie Angeln, grinst er: "Man schmeißt die Angel aus und wartet, ob etwas anbeißt. So mach ich das auch. Ich setze mich hin und warte." Das hat er selbst erst lernen müssen.

Ansgar Puff

"De facto geht es mir darum, deutlich zu machen, dass Gott hier in diesen Hochhäusern anwesend ist. Nicht durch mich, sondern schon vorher."

Seine erste Idee von Gesprächsabenden und Plakaten in verschiedenen Sprachen scheiterte. "Ich habe am Anfang gedacht, dass man hier hinkommen kann, um zu missionieren. Inzwischen habe ich gelernt, dass das falsch ist." Nun versucht er es mit dem Angeln und betont: "De facto geht es mir darum, deutlich zu machen, dass Gott hier in diesen Hochhäusern anwesend ist. Nicht durch mich, sondern schon vorher."

Deshalb hat er seinem Begegnungsort den Namen "Brennender Dornbusch" gegeben. Die Geschichte erzählt, dass Gott mitten in einer unwirklichen Situation anwesend und den Menschen nah ist. Außerdem gibt es sie sowohl im Alten Testament der Bibel als auch im Koran.

Nur kurz nachdem der Weihbischof sich gesetzt hat, tauchen ein paar Mädchen auf. Sie scheinen den weißhaarigen Mann gut zu kennen und winken. "Hier wohnen viele Kinder. Die haben es nicht leicht. Die Jungen müssen einen auf total cool machen und sich ganz hart und taff zeigen." Bei ihm dürfen sie Kinder sein. Puff verteilt Schokolade und hat Stifte und Ausmalbilder parat.

Offiziell leben 4.000 Menschen in den insgesamt neun Hochhäusern des Kölnbergs. Weihbischof Puff schätzt, dass es durchaus mehr sind. "Es könnten auch 5.000 sein. Man weiß nicht genau, wer hier noch alles als Untermieter wohnt."

Viele der Mieter arbeiten im Niedriglohnsektor, haben einen Migrationshintergrund und stehen aus den unterschiedlichsten Gründen am Rand der Gesellschaft. Die Lage abseits der Stadt und die nur schlecht ausgebaute Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Zentrum Kölns trugen in den vergangenen Jahren zur Isolation der Siedlung bei.

"Der Kölnberg hat einen richtig schlechten Ruf", sagt Puff. Das treffe vor allem die jungen Erwachsenen hart. "Die erzählen mir immer wieder, dass sie in Bewerbungsverfahren gar keine Chance bekommen, wenn diese Adresse hier in den Unterlagen steht." Genauso geht es auch denen, die nach einem neuen Wohnort suchen. "Viele wollen hier weg, aber die kriegen einfach nichts."

Dabei habe sich in den letzten Jahren bereits vieles verbessert. Es gibt zum Beispiel einen kleinen elektrischen Traktor, mit dem ein Arbeiter in der Siedlung umherfährt, die Müllsäcke einsammelt und zu den Tonnen auf der anderen Straßenseite bringt. Denn für die Müllabfuhrwagen ist die enge Durchfahrt in den Hof zwischen den Hochhäusern nicht möglich.

Der 70-Jährige sitzt ruhig auf seinem Plastikstuhl in der Sonne. Ab und zu grüßt er einen der Vorbeilaufenden. "Ich finde es sehr entspannend. Ich muss nichts machen, sondern einfach nur da sein." Das 'Dasein und nichts tun' ist für den Kölner Weihbischof eine wohltuende Abwechslung zum alltäglichen Terminstress.

Ansgar Puff

"Die Leute leben eher südländisch. Wenn man da ist, ist man da. Wenn man sich verabredet, bedeutet das gar nichts."

Hier passiert nichts nach Plan. "Die Leute leben eher südländisch. Wenn man da ist, ist man da. Wenn man sich verabredet, bedeutet das gar nichts." Er erzählt, dass er schon mehrfach versetzt worden sei. Einmal ist er dann am Abend angerufen worden: Ich konnte doch nicht, lass uns nächste Woche treffen. Ob sie nächste Woche tatsächlich kommt? "Ich weiß es nicht."

Aber er wird da sein. Mit einem dampfenden Kaffee im Pappbecher sowie zwei Stück Würfelzucker und einem Schuss Milch. Er wird die Tür zum "Brennenden Dornbusch" aufschließen und vier schwarze Plastikklappstühle vor dem Fenster aufstellen. Und er wird sich setzen und da sein. 

Quelle:
DR

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