DOMRADIO.DE: Warum hat es so lange gedauert, bis ein Papst eine Moschee besucht hat?
Dr. Matthias Kopp (Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, er war 2001 als Journalist beim Moscheebesuch von Johannes Paul II. in Damaskus dabei): Immerhin hat dieses denkwürdige Treffen überhaupt stattgefunden. Papst Johannes Paul II. hat vor 40 Jahren, also im Jahr 1986, die Friedensgebete von Assisi begonnen. Damit hat er dem interreligiösen Dialog eine neue Dynamik gegeben. Wenn man das bedenkt, ist es schon bemerkenswert, dass der Papst dann über ein Jahrzehnt später nach Damaskus gefahren ist.
Es musste für diese historische Reise im Regime des damaligen Herrschers von Syrien, Baschar al-Assad, viel vorbereitet werden. Schließlich ist es gelungen, und das war ein Meilenstein. Danach haben Päpste immer wieder Moscheen besucht. Johannes Paul II. selbst besuchte die große Moschee von Rom, nachher war Benedikt XVI. in der Blauen Moschee von Istanbul und viele weitere Besuche sind gefolgt.
DOMRADIO.DE: Was war das denn für eine besondere Moschee in Damaskus, die Papst Johannes Paul II. damals besucht hat?
Kopp: Die Umayyaden-Moschee in Damaskus ist eine der ältesten Moscheen der Welt. Sie ist über eine alte christliche Kirche gebaut, die Johannes-Basilika. In der Moschee wird bis heute eine wertvolle Reliquie von Johannes dem Täufer verehrt. Dieser historische Bau der Umayyaden, der ersten großen Dynastie des Islam, stammt aus dem 7. Jahrhundert. Parallel wurde zum Beispiel auch der Felsendom in Jerusalem gebaut. Diese Moschee liegt heute in der Innenstadt von Damaskus. Die Altstadt ist übrigens durch den Bürgerkrieg nicht zerstört worden.
Damals war es so, dass der Papst im Papamobil die lange Basarstraße an allen Geschäften vorbei entlangfahren musste, um an der Außenmauer der Moschee auszusteigen. Er ging in den Innenhof, um sich dann, wie in Moscheen üblich, die Schuhe auszuziehen. Er traf sich mit dem damaligen Großmufti von Damaskus, Ahmad Kuftaro, um gemeinsam etwas zu sagen. Ihr gemeinsamer Appell lautete, dass die Religion nicht im Namen Gottes missbraucht werden darf. Das waren damals schon historische Momente.
DOMRADIO.DE: Sie waren damals dabei und haben gesagt, dass Sie überwältigt gewesen seien von der Wirkung dieser beeindruckenden Bilder. Warum hat Sie dieses Treffen so tief bewegt?
Kopp: Da saßen zwei sehr alte Männer. Man muss sich mal überlegen, dass Johannes Paul II. vier Jahre später starb. Ahmad Kuftaru starb drei Jahre später. Beide Religionsführer, der eine aus Rom und der Großmufti von ganz Damaskus in Syrien, bitten ihre Gläubigen, den Namen Gottes nicht für die Gewaltanwendung in der Religion zu pervertieren. Das war schon bemerkenswert.
Dieser Satz ist immer wieder auch von den Päpsten danach zitiert worden. Soweit ist der religiöse Dialog damals gelungen, dass man gemeinsam sagte, dass Gewalt nicht im Namen der Religion gerechtfertigt werden darf. Das sei gegen jede Form der Religion, deshalb war der Besuch so bedeutend.
Es war wichtig, um zu zeigen, dass Johannes Paul II. mit all seinen Bemühungen in der Annäherung an den Islam damit einen unüberbietbaren Höhepunkt gesetzt hat. Das begann bei ihm 1984, als er im Sportstadion von Casablanca in Marokko vor einer halben Million muslimischen Jugendlichen sprach, und da schon fragte: Was macht die Religion frei? Wenn sie für Gott verehrt wird und wenn sie den Menschen dient. Dann kam das Friedensgebet von Assisi 1986 und die Annäherung, die den Besuch 2001 in Damaskus ermöglichte.
DOMRADIO.DE: Der Papst benutzte damals auch den arabischen Friedensgruß "Salam Aleikum" und formulierte eine Vergebungsbitte. Das war eine echte Überraschung.
Kopp: Das war eine Überraschung. Das war allerdings die logische Fortsetzung vom Heiligen Jahr 2000. In diesem Heiligem Jahr hatte der Papst verschiedene Vergebungsbitten geäußert, insbesondere auch in Richtung Judentum. Mit der Vergebungsbitte damals in der Moschee bat der Papst um Vergebungen für das, was die Kreuzzüge an Leid über diese Region gebracht haben. Das war damals sensationell.
Wenn man sich überlegt, dass vier Monate später die Anschläge der Islamisten auf die Twin Towers in New York die Welt erschütterten, dann merkt man und spürt man ein bisschen, wie schnell diese Friedensbotschaft von Damaskus damals leider verhallt ist.
DOMRADIO.DE: Papst Leo XIV. hat den Frieden in der Welt zu seinem zentralen Thema gemacht. Das heißt Papst Leo XIV. setzt sich auch für ein friedvolles Miteinander der Religion ein. Wie schätzen Sie Leos Beziehung zum Islam ein?
Kopp: Sehr positiv. Wir haben das vor wenigen Wochen bei seinem Besuch in Algier gesehen, wo er die große Moschee besucht hat. Im November war er schon in der Blauen Moschee in Istanbul. Da wirkte er noch ein bisschen unsicher. Das war eine Welt, die ihm noch nicht vertraut ist. Aber vor wenige Wochen beim Besuch in Algier, hat er sich auf dem Parkett doch sehr sicher bewegt.
Er hat den Dialog gesucht und ich glaube, man kann mit diesen beiden Moscheebesuchen von Leo in Istanbul und in Algier sagen, dass er klar in die Fußstapfen seiner Vorgänger tritt.
Das Interview führte Johannes Schröer.