Welche Rolle Maria im Islam spielt

Vorbild des Propheten Mohammeds

Maria ist für die Christen eine zentrale Figur des Glaubens. Ihr ist der Marienmonat Mai gewidmet. Weniger bekannt ist, dass sie auch im Islam eine herausragende Rolle spielt, erklärt der Bonner Theologe Klaus von Stosch.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Statue der Gottesmutter Maria / © Tanakorn Moolsarn (shutterstock)
Statue der Gottesmutter Maria / © Tanakorn Moolsarn ( shutterstock )

Im Koran ist Maryam – die muslimische Bezeichnung für Maria – die einzige Frau, die namentlich erwähnt wird. Sie erscheint dort als tiefgläubige, von Gott erwählte Frau, der sogar eine eigene Sure gewidmet ist. Damit nimmt sie eine Sonderstellung ein, die weit über das hinausgeht, was viele vermuten. 

So werde etwa der Gottesname der Barmherzigkeit im Zusammenhang mit ihr besonders hervorgehoben. Maria stehe damit für eine zentrale Eigenschaft Gottes im Islam: seine Barmherzigkeit. Das sagt der Bonner Theologe Klaus von Stosch, der zusammen mit der Autorin Muna Tatari ein Buch über Maria im Islam geschrieben hat.

Klaus von Stosch / © Julia Steinbrecht (KNA)
Klaus von Stosch / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Auch inhaltlich gibt es bemerkenswerte Parallelen zum Christentum: Die Jungfrauengeburt Jesu wird im Koran ausdrücklich bejaht, ebenso die besondere Erwählung Marias. Jesus gilt als "Wort Gottes" und als Messias – Titel, die auch Christen vertraut sind. Maria gilt demzufolge als die "Gebärerin des Wortes Gottes". "Da ist ganz viel Wertschätzung, an der man merkt, dass auch der Prophet Mohammed sie persönlich als Vorbild gesehen hat", so von Stosch im Interview mit DOMRADIO.DE. Daher habe sich im Laufe der Geschichte des Islam auch eine marianische Frömmigkeit ausgebildet.

Josef kommt im Koran nicht vor

Gleichzeitig betont der Koran jedoch klar die Menschlichkeit Jesu und weist seine Göttlichkeit zurück. Auffällig ist auch die unterschiedliche Darstellung der Geburt Jesu: Während die christliche Tradition von der Geburt im Stall erzählt, beschreibt der Koran Maria, wie sie allein in der Wüste ist – ohne Familie, ohne Beistand. Übrigens auch ohne Josef, denn er kommt im Koran gar nicht vor.

Die restaurierte Muttergottes vom Neumarkt hat ihren Platz in der Basilika St. Aposteln gefunden / © Alexander Foxius (DR)
Die restaurierte Muttergottes vom Neumarkt hat ihren Platz in der Basilika St. Aposteln gefunden / © Alexander Foxius ( DR )

Diese Erzählung hebe ihre existenzielle Not hervor, so von Stosch: "Dieses Motiv des Ausgesetztseins hat die islamische Frömmigkeit stark geprägt." Der Koran verstehe die Geschichte so, dass sie mit ihrer Familie in Konflikt geriet, weil diese glaubte, Maria habe ein Verhältnis mit einem Mann gehabt, so der Theologe. 

"Insofern ist sie in Lebensgefahr und wünscht sich zwischendurch sogar den Tod." Bis heute wendeten sich muslimische Frauen in Not oder wenn sie keine Kinder bekommen können an Maria und bitten sie um Hilfe. Auch viele Marienwallfahrtsorte würden von Musliminnen besucht.

Vorbild für Mohammed

Für Mohammed wurde sie ebenfalls zu so etwas wie einem spirituellen Vorbild: "Das Interessante ist, dass der Prophet, als er verzweifelt war und befürchtete, getötet zu werden, sich selbst mit Maria identifizierte. Offenkundig sieht er sich da in so einer marianischen Tradition in seiner Verkündigung."

Mohammed mit Erzengel Gabriel bei der Offenbarung / © Gemeinfrei
Mohammed mit Erzengel Gabriel bei der Offenbarung / © Gemeinfrei

Historisch betrachtet ist ihre Figur im Islam jedoch nicht frei von Kritik. Im 7. Jahrhundert – der Entstehungszeit des Korans – wurde Maria im Byzantinischen Reich politisch instrumentalisiert. Kaiser Herakleios ließ sie zur Symbolfigur militärischer Unbesiegbarkeit stilisieren. Der Koran reagiert darauf mit Kritik: Weder Maria noch Jesus könnten göttliche Macht im Sinne politischer Überlegenheit verleihen, heißt es in der 17. Sure, Vers 5. "Die Kritik richtet sich weniger gegen Maria selbst als gegen ihre Vereinnahmung für politische Zwecke", so von Stosch.

Islam als inklusive Religion

Ein besonders spannender Aspekt liegt für den Theologen in der frühen Ausrichtung des Korans. Dieser versuche, Judentum und Christentum nicht zu überwinden, sondern miteinander ins Gespräch zu bringen: "Das ist eine spannende Entdeckung, die wir in der Forschung in den letzten 30 Jahren gemacht haben, wie inklusiv der Koran selbst und der frühe Islam in den ersten Jahrzehnten gegenüber anderen Religionen eingestellt waren. Wie der Islam Judentum und Christentum miteinander versöhnen anstatt überwinden wollte", sagt von Stosch.

Diese inklusive Perspektive sei im Verlauf der Geschichte dann recht schnell verloren gegangen, fährt er fort, "in dem Moment, als der Islam eine imperiale Religion wird. Sie verschiebt sich zu einer antichristlichen Stoßrichtung, die wir heute aus dem Fundamentalismus kennen, die aber ursprünglich so nicht im Islam angelegt war." Dennoch bleibe Maria eine Figur, die verbindet: "Sie hat Menschen verschiedener Religionen immer wieder zusammengeführt." 

Gerade in einer Zeit wachsender religiöser Spannungen könnte der Blick auf Maria im Islam helfen, neue Gemeinsamkeiten zu entdecken. Ihre Figur zeigt: Die großen Religionen stehen sich nicht nur gegenüber – sie sind auch auf überraschende Weise miteinander verwoben.

Maria

Mutter Gottes. Die Evangelien berichten über die Jugend Marias nichts. Dagegen erzählt das apokryphe Jakobusevangelium wie eine Legende von den Eltern Marias Joachim und Anna sowie über das Heranwachsen Marias. Die Evangelien nennen Maria die Verlobte Josephs. Nach israelitischem Recht bedeutet die Verlobung schon das Zustandekommen einer wirklichen Ehe. Durch den Erzengel Gabriel wurde Maria der Ratschluss Gottes verkündet, dass sie durch ein Wunder Gottes die Mutter des Messias werden solle. Maria erklärte sich freiwillig bereit, Werkzeug des göttlichen Willens zu sein.

Thronende Muttergottes mit Kind und Heiligen (sog. Madonna della Cintola) / © Archivio Museo di Palazzo Pretorio, Prato
Thronende Muttergottes mit Kind und Heiligen (sog. Madonna della Cintola) / © Archivio Museo di Palazzo Pretorio, Prato
Quelle:
DR

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