Kurschus ins höchste Amt der Protestanten gewählt

"Von den Rändern her denken"

Sie ist die zweite Frau nach Margot Käßmann im höchsten Amt der Protestanten. Im Unterschied zu ihrer Vorgängerin ist sie eher für leise Töne als für plakative Sprüche bekannt. Unterschätzen sollte man sie deshalb nicht.

Annette Kurschus / © Jens Schulze (epd)
Annette Kurschus / © Jens Schulze ( epd )

Annette Kurschus ist die neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Überregional ist die 58-jährige Theologin, die seit 2012 Präses und damit leitende Geistliche der Evangelischen Kirche von Westfalen ist, bisher noch wenig in Erscheinung getreten - und das, obwohl sie in den vergangenen sechs Jahren bereits stellvertretende Ratsvorsitzende war. Das mag damit zusammenhängen, dass sie plakativen Sprüchen und lauten Tönen misstraut; doch sollte man sie deshalb nicht unterschätzen.

So ist es kein Zufall, dass Kurschus vor wenigen Tagen den Ökumenischen Predigtpreis zuerkannt bekam - in der Kategorie "Lebenswerk". Sie habe in ihren Predigten bei Trauerfeiern nach Katastrophen "Standards" gesetzt, begründete die Jury die Preisvergabe. In Erinnerung geblieben ist nicht zuletzt ihre einfühlsame Predigt im Frühjahr 2015 im Kölner Dom im Gottesdienst nach dem Flugzeugabsturz mit 150 Toten in Südfrankreich.

Kirche von den Rändern her denken

"Ich setze auf die Kraft geistlich-theologischer Akzente", sagte Kurschus in ihrer Bewerbungsrede für den Rat der EKD. Zugleich warb sie damit, dass sie unterschiedliche Positionen und Interessen zusammenführen könne, "so dass Vielfalt als Reichtum erlebt wird und nicht als blockierender Hemmschuh". Es sei unerlässlich, fügte sie hinzu, als EKD gut abgestimmt und wirklich gemeinsam zu entscheiden und zu handeln. Nur dann könne die Kirche ihre Stimme zu Themen wie einer  Klimastrategie oder einer menschenwürdigen Migrationspolitik wirksam einbringen.

Ihr Anliegen ist es nach eigenem Bekunden, klare protestantische Akzente in die aktuellen gesellschaftlichen Diskurse einzubringen - "mit unverhandelbarer Option für die Schwachen". Die Kirche müsse von den - vermeintlichen - "Rändern" her denken und an diesen "Rändern die eigentliche Mitte unseres Tuns verorten", führte sie aus. Damit trifft sie sich bis in die Wortwahl mit Papst Franziskus.

Die Ökumene spielte für die westfälische Präses schon immer eine wichtige Rolle - wobei sie für Klarheit in der Benennung der Unterschiede zwischen den Konfessionen eintrat. Eine intensive Erfahrung war für sie die gemeinsame Pilgerfahrt des Rates der EKD mit Mitgliedern der katholischen Deutschen Bischofskonferenz ins Heilige Land 2016 im Rahmen des Reformationsjubiläums. Sie bekannte, in der gemeinsamen Woche eine der intensivsten geistlichen Erfahrungen ihres Lebens gemacht zu haben.

Auch das innerprotestantische Zusammenwachsen ist der Tochter eines aus Ostpreußen stammenden lutherischen Pastors und einer evangelisch-reformierten Mutter aus dem Siegerland ein bleibendes Anliegen. So warb sie nach den Feiern im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum für eine engere Zusammenarbeit von Lutheranern, Reformierten und Unierten. Die theologische Gemeinsamkeit "kann und muss zu weitergehenden konkreten Schritten vertiefter, sichtbar gelebter Kirchengemeinschaft führen - auf der Ebene der Weltgemeinschaften wie auf der Ebene ihrer Mitgliedskirchen".

Feines Gespür für "Zwischentöne"

Ihre eigene Landeskirche, die mit 2,1 Millionen Mitgliedern viertgrößte Gliedkirche der EKD, war wie die benachbarte rheinische Landeskirche früher eine Provinzialkirche der Altpreußischen Union.

Nach der kirchlichen Neuordnung 1945 entschieden sich die beiden Landeskirchen für das Amt des Präses als Leitungsamt, das freilich mehr Befugnisse hat als ein übliches evangelisches Bischofsamt. Es verbindet den Vorsitz in der Kirchenleitung und im Kirchenamt mit dem in der Synode.

Kurschus ist - ungewöhnlich für evangelische Geistliche - ledig und hat keine Kinder. Sie absolvierte nach dem Theologiestudium in Bonn, Marburg, Münster und Wuppertal ihr Vikariat in Siegen-Eiserfeld, wurde Gemeindepfarrerin in Siegen und 2005 Superintendentin des Reformierten Kirchenkreises Siegen. 2011 wählte die westfälische Landessynode sie zur Präses und bestätigte sie 2019 mit großer Mehrheit für eine weitere achtjährige Amtszeit. Kurschus selbst bescheinigt sich ein feines Gespür für die "Zwischentöne" und wache Sinne für das, was "dran" ist. Als Ratsvorsitzende wird sie beides brauchen können.

Autor/in:
Norbert Zonker
Quelle:
KNA
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