Katholische Zentralstelle weiterhin für Entwicklungshilfe in Afghanistan

"Verhandlungen mit den Taliban müssen sein"

Kein Land hat mehr Entwicklungshilfe aus Deutschland bekommen als Afghanistan. Das könnte nun vorbei sein. Die Katholische Zentralstelle für Entwicklungshilfe hofft, dass auch unter den Taliban Unterstützung für die Menschen weiterhin möglich ist.

Afghanistan: Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer / © Str (dpa)
Afghanistan: Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer / © Str ( dpa )

DOMRADIO.DE: Für die militärische Sicherung und die Entwicklung Afghanistans hat Deutschland laut Angaben der "Wirtschaftswoche" rund 20 Milliarden Euro ausgegeben. Jetzt könnten die Taliban vieles davon für ihre eigenen Zwecke missbrauchen oder auch zerstören. War das jetzt alles umsonst?

Prälat Karl Jüsten (Leiter der Katholischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe): Zunächst einmal glaube ich nicht, dass alles umsonst war, was in Afghanistan geleistet worden ist. Es ist viel investiert worden in Bildung, Infrastruktur, und viele Menschen sind sehr dankbar, dass ihnen auch von der Welt geholfen wurde, ihre Verhältnisse – vor allen Dingen wenn sie in bitterer Armut leben – zu verbessern.

Wenn jetzt allenthalben die Angst geäußert wird, dass die Taliban möglicherweise das Geld für andere Zwecke missbrauchen, dann ist das vielleicht verständlich. Aber ich würde nochmal genau hinschauen. Nach diesem Umsturz ist jetzt erst einmal nicht erkennbar, dass die Taliban da schon diese Gelder zweckentfremdet haben.

Ich bin auch sehr dafür, dass wir die Enwicklungshilfe für Afghanistan weiter leisten. Denn das Ziel der Entwicklungshilfe war ja nicht, Staatsstrukturen zu unterstützen oder irgendwelche korrupten Systeme, sondern die Idee der Entwicklungshilfe, die wir hatten und auch haben, ist ja den Menschen vor Ort zu helfen, dass die Armut bekämpft wird, dass gerechte Verhältnisse hergestellt werden, dass die Menschen Teilhabe an Bildung haben und all diese Dinge.

DOMRADIO.DE: Ist es denn dann richtig, dass Deutschland ab jetzt keine Entwicklungshilfe mehr nach Afghanistan gibt?

Jüsten: Ich denke, dass sowieso die zugesagten Zahlungen jetzt erst einmal weiterlaufen werden, so sie überhaupt ankommen können. Im Moment ist die Situation in dem Land ja sehr chaotisch, da weiß man ja gar nicht ganz genau, ob das Geld überhaupt da ankommt, ob da überhaupt jemand ist, der das Geld entgegennehmen kann.

Sobald sich das jetzt etwas als sicher herausstellt, dann sind ja unsere Organisationen auch darauf angewiesen, dass sie die begonnene Arbeit weiterführen können. Sie würden ja im Grunde ein zweites Mal vom Westen verraten. Erst dadurch, dass wir holterdiepolter aus dem Land rausgehen und dann auch nochmal, dass die Mittel-Zusagen, die wir ihnen gemacht haben, eingestellt werden. Das fände ich verheerend.

DOMRADIO.DE: Sie fordern jetzt, mit den Taliban um Menschenrechte und zivilgesellschaftliche Freiheiten zu verhandeln. In der Vergangenheit ist es ja schon an Friedensverhandlungen gescheitert. Was wäre denn jetzt die Verhandlungsgrundlage?

Jüsten: Zunächst einmal verhandeln ja jetzt ja auch viele mit den Taliban. Unser deutscher Botschafter verhandelt mit den Taliban. Die amerikanische Seite verhandelt mit den Taliban. Es ist offenkundig ja nicht so, dass man mit den Taliban nicht verhandeln kann. Im Gegenteil. Sonst würden ja diese Unternehmungen jetzt nicht unternommen. Und die müssen ja auch sein. Sonst würden wir ja auch keinen einzigen Flieger im Moment nach Kabul hereinbringen.

Und deshalb vertraue ich auch darauf, dass wir mit den Taliban auch über die Fragen sprechen, die uns wichtig sind im Bereich der Bildung. Das Leben muss ja weitergehen, die Universitäten müssen weitergehen. Die Taliban werden auch ein Land mit Infrastruktur haben müssen. Es muss Strom geben, es muss Wasser geben. Die Geschäfte müssen öffnen können. Die Bevölkerung muss saniert werden.

An all dem werden die Taliban selber ein Interesse haben. Und da muss man mit denen darüber sprechen, wie das künftig gewährleistet werden kann, wenn sie denn unsere Hilfe dazu haben wollen.

DOMRADIO.DE: Die EU will ja jetzt die Entwicklungshilfe für Afghanistan in Zukunft an bestimmte Bedingungen knüpfen. Das bischöfliche Hilfswerk Misereor und auch andere Partnerorganisationen haben das heute als die falsche Maßnahme bezeichnet. Wie könnte denn dann Entwicklungshilfe für Afghanistan in Zukunft aussehen?

Jüsten: Zunächst einmal ist auch Entwicklungshilfe konditioniert. Es ist die Frage, welche Art der Konditionierung man macht. Ist die Konditionierung so, dass die Leute sich so verhalten müssen, wie ich es gerne hätte? Oder ist die Konditionierung so, wie Misereor und die anderen Organisationen das machen, dass man sagt, wir haben bestimmte Ziele, Ideale, bestimmte Werte, dafür treten wir ein. Wenn ihr bereit seid, mit uns diese Werte zu teilen, dann sind wir auch bereit, mit euch Entwicklungsschritte zu machen oder bestimmte Unternehmungen gemeinsam zu machen.

In diesem Falle ist Konditionierung ja auch sinnvoll. Wenn man jetzt aber sagt, Konditionierung findet nur statt, wenn die Taliban wieder nach Hause zurückgehen und die alte Regierung wieder eingesetzt wird, dann ist das utopisch.

Das Interview führte Florian Helbig.

Prälat Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe. / © Tim Brakemeier (dpa)
Prälat Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe. / © Tim Brakemeier ( dpa )
Quelle:
DR
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