Vatikan und Kurden warnen vor einer humanitären Krise in Nordostsyrien

"Christen in Not"

Der Druck auf Christen, Jesiden und Kurden in Syrien wird größer. In Deutschland demonstrieren Betroffene und auch die Diplomaten im Vatikan sowie der Religionsfreiheitsbeauftragte Thomas Rachel fordern Minderheitenschutz in Syrien.

Demo Pro Kurdistan Köln / © Carolina Graef Alarcón (DR)
Demo Pro Kurdistan Köln / © Carolina Graef Alarcón ( DR )

Am Bahnhof in Köln-Deutz tummeln sich die Fahnen der syrischen und irakischen Regionen der Kurden: Rojavas und Kurdistans sowie Plakate mit der Aufschrift "Jin, Jiyan, Azadî" – auf Deutsch: Frauen, Leben, Freiheit. Mitten im Getümmel, den Protestrufen und der Kälte hebt ein Mann ein Plakat nach oben. Auf der weißen Leinwand ist ein schwarzes Kreuz zu sehen. Baran* reckt seine Hände in die Höhe und stimmt in die Protestgesänge mit ein. Baran ist Kurde aus Rojava, jener Region in Syrien, die von Kurden regiert wird. Seine Stimme steht beispielhaft für viele Christen aus der Region, die um ihre Familien und Freunde, aber auch um einen Teil ihrer Freiheit und Identität bangen.

Baran ist konvertierter Christ. Er musste Syrien aufgrund der religiösen und politischen Verfolgung als Christ und Kurde verlassen. "Ich bin Christ geworden, weil Jesus für mich der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Er ist der Schlüssel zum Vater", sagt er. Auch wenn er dafür seine Heimat verlassen musste, war es für ihn der richtige Weg. Was in Rojava geschieht, ist für ihn keine politische Randfrage: "Es ist eine humanitäre Katastrophe. Keine Religion, kein gläubiger Mensch, sollte hier wegschauen", fordert er, denn Rojava werde von Radikalen angegriffen, die die kurdische Identität auszulöschen wollen.

Kreuz während einer kurdischen Demo / © Carolina Graef Alarcón (DR)
Kreuz während einer kurdischen Demo / © Carolina Graef Alarcón ( DR )

In Syrien verschärft sich die Lage der christlichen Minderheit. Die Berichte von Selbstmordanschlägen, Bedrohungen, Schulschließungen und zunehmendem Druck auf Gemeinden gelangen bis nach Europa. Viele christliche Familien fliehen erneut. Von den einst zwei Millionen Christen im Jahr 2011 sind heute nur noch schätzungsweise 300.000 im Land. 

Der Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 bedeutete für viele Syrerinnen und Syrer zunächst einen historischen Freudentag. Foltergefängnisse öffneten, Zehntausende Oppositionelle kehrten zurück. Thomas Rachel, Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, weist jedoch auf die schwierige Lage der Kurden in Syrien hin. Sie stellen rund zehn Prozent der Bevölkerung und leben vor allem in Nordost-Syrien. Dort kämpfen sie, schon seit der Gründung des syrischen Staates und, besonders nach dem Fall des Assad-Regimes, um die volle Anerkennung ihrer Rechte. Viele Kurden leben als Staatenlose. Denn unter Assads Herrschaft hatten sie keine Möglichkeit, die syrische Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Zu Besuch beim Papst

Dass der christliche Glaube auch im aktuellen Syrienkonflikt eine Rolle spielt, zeigt der Besuch des ehemaligen Präsidenten der Autonomen Region Kurdistans, Masoud Barzani, im Vatikan. Vergangene Woche traf er während seiner Italienreise nicht nur Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, sondern auch den Papst und den Patriarchen der chaldäisch-katholischen Kirche im Irak, Kardinal Louis Raphael Sako. Dieser bezeichnete den Besuch im kurdischen Nachrichtensender Kurdistan24 als "äußerst bedeutsam für die Region und darüber hinaus". Barzanis Botschaft konzentrierte sich auf den Schutz der Menschenwürde, Dialog statt militärischer Lösungen und die Förderung friedlicher Koexistenz. 

Papst Leo XIV. winkt den Gläubigen zu / © Gregorio Borgia (dpa)
Papst Leo XIV. winkt den Gläubigen zu / © Gregorio Borgia ( dpa )

Auch gegenüber Kardinal Parolin betonte Barzani die Notwendigkeit, ein stabiles Syrien zu schaffen und Minderheiten zu schützen. Die Autonome Region Kurdistan sei Vorbild für religiöse Koexistenz, in der Muslime, Christen, Jesiden und Angehörige anderer Glaubensrichtungen friedlich zusammenleben.

Rojava und die humanitäre Katastrophe

Auch im 2.500 Kilometer entfernten Berlin treibt es Nalin Ciftci mit ihren Freundinnen auf die Straße. Sie haben ihre Haare zuvor zu Zöpfen geflochten. Ein Zeichen der Solidarität mit den Frauen in Kurdistan. Nalin ist Jesidin und demonstriert derzeit fast täglich. Als Content-Creatorin und Aktivistin macht sie öffentlich auf die strukturelle Unsicherheit von Minderheiten aufmerksam. Sie beklagt fehlende rechtliche Absicherung, das Ausbleiben internationaler Schutzmechanismen und die politische Marginalisierung kurdischer Interessen.

Für Nalin ist Rojava nicht nur ein politisches Territorium, sondern ein Vorbild für die kulturelle und religiöse Koexistenz, Selbstverwaltung und Minderheitenschutz. So sähe es auch der Vatikan. Rojava sei dafür bekannt, dass alle Religionen und Menschen zusammenleben können. Dort gebe es Moscheen, da gibt es Kirchen, da gibt es auch von uns Jesiden verschiedene Tempel, sagt Nalin: "Wenn wir als Minderheiten auf einem Tablett für diese Islamisten, diese Faschisten und Dschihadisten präsentiert werden, dann sind wir alle Opfer. Umso wichtiger ist es, dass wir Minderheiten zusammenhalten."

Schützt die neue Regierung wirklich Minderheitenrechte?

Dieser Zusammenhalt bekommt eine besondere Bedeutung, seit Syrien einen neuen Präsidenten hat. Ahmed al-Scharaa kämpfte in seiner Vergangenheit für den Islamischen Staat. Die Rolle, die er Minderheiten im neuen syrischen Staat zukommen lassen will, ist widersprüchlich. Zwar beteuert er - insbesondere Richtung Westen - Minderheitenrechte und hat dafür stellvertretend eine Christin zur Ministerin ernannt. Kritiker jedoch kaufen al-Scharaa diese neue Rolle nicht ab.

Syriens neuer starker Mann radikalisierte sich in den 2000er-Jahren. Er gab sich den Kampfnamen Abu Mohammed al-Dschulani, als er sich der Terrororganisation Al-Qaida anschloss. Infolge dessen geriet er kurzzeitig in US-Gefangenschaft, kehrte aber 2011 nach Syrien zurück und übernahm dort Führungspositionen bei islamistischen Milizen – unter anderem bei der HTS. Daraufhin setzten die USA ein Kopfgeld in Millionenhöhe auf ihn aus. Im Herbst 2024 eroberte al-Dschulani gemeinsam mit der HTS in kürzester Zeit weite Teile Syriens. 

Ahmed al-Scharaa vs. Abu Mohammed al-Dschulani

Nach dem Sturz des syrischen Machthabers Assad präsentierte sich al-Dschulani als Garant von Stabilität und Minderheitenschutz. Unter anderem machte er Zugeständnisse an die Kurden. Der Kommandant der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) zeigte sich kompromissbereit. Beim zweiten Treffen forderte al-Dschulani jedoch die vollständige Kontrolle über die kurdischen Gebiete in Syrien. Für die SDF war eine "rote Linie" überschritten. Die Verhandlungen scheiterten.

Ahmed al-Scharaa, auch bekannt als Abu Mohammed al-Dschulani ist Syriens Übergangspräsident  / © Mosa'ab Elshamy (dpa)
Ahmed al-Scharaa, auch bekannt als Abu Mohammed al-Dschulani ist Syriens Übergangspräsident / © Mosa'ab Elshamy ( dpa )

Seitdem sind die Kämpfe wieder aufgeflammt. Parallel verschärft sich die schwere humanitäre Krise. Bei Minusgraden seien Wasser und Strom gekappt worden. Besonders schlimm sei es in Nordostsyrien, nachdem dort viele Zufahrtsstraßen gesperrt wurden. Die Situation verschlechtere sich, teilte das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten mit. 

Beunruhigend sind auch Berichte aus den sozialen Medien. Es kursieren Videos, die Gewalt gegen kurdische Zivilisten zeigen, darunter gefangene Frauen mit abgeschnittenen Zöpfen. Internationale Menschenrechtsorganisationen warnen, dass diese Gräueltaten sowohl von syrischen Regierungstruppen als auch von dschihadistischen Gruppen verübt werden. 

Rolle des Westens

Währenddessen wechselten die USA faktisch die Seiten. Während sie die SDF lange als Partner im Kampf gegen den IS unterstützten, stellten US-Diplomaten al-Scharaa als politischen Partner in Aussicht, ungeachtet der Offensive gegen kurdische Gebiete. Diese Neuorientierung der US-Politik verstärkt die Unsicherheit über die Zukunft Rojavas. Thomas Rachel betont, dass die langfristige Stabilisierung Syriens für die deutsche Bundesregierung oberste Priorität habe. Dafür sei zunächst ein inklusiver und transparenter Transitionsprozess notwendig. Die syrische Regierung müsse mit allen Bevölkerungsgruppen, darunter Kurden, Drusen, Alawiten und Christen, Abkommen zur Teilhabe am neuen Syrien schließen.

Laut Rachel liege es an der Regierung unter al-Sharaa, Sicherheit für alle Syrerinnen und Syrer zu gewährleisten - unabhängig von Ethnie, Geschlecht oder Religion. Die Religionsfreiheit wird in Artikel 3 der neuen syrischen Verfassung formal garantiert. Entscheidend sei jedoch, so Rachel, dass diese Garantie auch tatsächlich umgesetzt werde. Die internationale Gemeinschaft müsse diese Erwartung regelmäßig und gemeinsam deutlich machen. Zugleich unterstreicht er, dass die Verbrechen der Vergangenheit aufgearbeitet und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Redaktioneller Hinweis: *Der Name wurde geändert. 

Christen in Syrien

Syrien gilt als Wiege des Christentums. Vor dem 2011 ausgebrochenen Bürgerkrieg waren laut Daten der Linzer "Initiative Christlicher Orient" etwa 7 Prozent der damals 21 Millionen Syrer christlich. Aktuelle Zahlen sind schwer zu ermitteln, auch weil mindestens 5,5 Millionen Syrerinnen und Syrer aus dem Land geflohen sind. Nach verschiedenen Schätzungen soll es noch maximal 500.000 Christen in Syrien geben.

Außenansicht der Kirche Sankt Georg in Izra (Syrien) / © Karin Leukefeld (KNA)
Außenansicht der Kirche Sankt Georg in Izra (Syrien) / © Karin Leukefeld ( KNA )
Quelle:
DR

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