Für Regens Regamy Thillainathan ist es eine Überraschung. Eine, die jahrelange Überlegungen und Auswertungen belohnt, aber so nicht unbedingt erwartbar war. Nun ist jedoch seit Anfang März schwarz auf weiß nachzulesen, dass Ideen, die er bereits 2018 gemeinsam mit Erzbischof Kardinal Woelki in einer Arbeitsgruppe mitentwickelt, daraufhin in Rom vorgestellt und nach Rücksprache mit dem im Vatikan zuständigen Dikasterium für den Klerus "ad experimentum" in der Kölner Diözese umgesetzt hat, nun in das offizielle Abschlussdokument einer römischen Studiengruppe eingeflossen sind.
Diese hatte noch unter Papst Franziskus ihre Arbeit aufgenommen und später auf ausdrückliches Geheiß seines Nachfolgers Leo XIV. das Thema weiterentwickelt und mit handfesten Empfehlungen ausformuliert. "Wenn Köln auch nicht eigens namentlich genannt wird, freut es mich doch sehr, dass einige unserer Anregungen in diesem Schreiben aufgegriffen werden. So erfährt unser regionales Konzept, wie es bei uns schon seit fünf Jahren gelebt wird, weltkirchliche Anerkennung und Bestätigung", erklärt Thillainathan.
Konkret geht es beim Kölner Modell, das sich grundsätzlich viel mehr an der Lebenswirklichkeit junger Männer orientiert, um eine hybride Ausbildung, das heißt, sie findet etwa zur Hälfte außerhalb des Priesterseminars statt, zum Beispiel in Wohngemeinschaften, in denen von den Theologiestudenten mehr Eigenständigkeit und Selbstorganisation ihres Alltags, aber auch ihres geistlichen Lebens gefordert wird. Und es reagiere auf die innerkirchlichen Umbrüche und veränderten Bedingungen, unter denen sich heute Berufungen ereigneten bzw. Entscheidungen für den Beruf des Priesters getroffen würden, stellt der Regens fest.
"Immerhin hatten wir deutschlandweit die erste Frau als gleichberechtigtes Vorstandsmitglied", betont der Regens nicht ohne Stolz und verweist darauf, dass Köln auch hier seit geraumer Zeit Pionierarbeit leistet. "Dass solche Entwicklungen möglich sind, hängt auch mit der Leitungsentscheidung von Kardinal Woelki zusammen, der solche Schritte mitträgt und den Verantwortlichen vor Ort die nötigen Freiräume lässt."
Pionierarbeit in Köln
Auf der anderen Seite ermögliche diese Form der Priesterausbildung aber auch mehr Freiheiten und arbeite so bewusst dem in der Gesellschaft gängigen "closed shop-Denken" entgegen. "Fortschrittlich" nennt Regens Thillainathan selbst dieses Konzept, weil es auf der Basis von Synodalität entstanden sei – sprich die Seminaristen immer einbezogen habe, so dass sie nicht Objekt, sondern Subjekt dieser Ausbildung seien.
Zudem sehe es eine völlig neue Struktur vor. Und Frauen, auch das eine Empfehlung des römischen Berichts, würden mit in Ausbildungsverantwortung genommen, um letztlich eine gute, die Realität abbildende Gemeinschaft erfahrbar zu machen. "Immerhin hatten wir deutschlandweit die erste Frau als gleichberechtigtes Vorstandsmitglied", betont der Regens in diesem Zusammenhang nicht ohne Stolz und verweist darauf, dass Köln auch da schon seit geraumer Zeit Pionierarbeit leistet.
Im römischen Dokument liest sich das so: Die Ausbildung im Priesterseminar soll ein gültiges Modell bleiben. Es werde aber auch eine Ausbildung vorgeschlagen, die stärker mit dem späteren Leben der Priesterkandidaten übereinstimme. In der Ausbildungsordnung sei daher zu berücksichtigen, dass das Priesterseminar nicht der einzig legitime Ort zur Ausbildung sein könne.
Hervorgehoben wird außerdem, dass eine Trennung der Priesteramtskandidaten vom Gottesvolk nicht sinnvoll sei. Entsprechend solle es immer wieder Ausbildungsphasen geben, in denen die Kandidaten das menschliche Leben wirklich erfahren könnten und eine stabile Einbindung in das Leben der christlichen Gemeinschaft möglich werde. Auch müsse es folglich eine möglichst ausreichende Zahl an Kandidaten geben, um so gute Gemeinschaftserlebnisse überhaupt zu ermöglichen.
Grundsätzlich gehe es um ein Aufbrechen der Binnenperspektive – auch mit einer Öffnung der Kirche in den digitalen Raum hinein – was letztlich auf Vorstellungen des Zweiten Vaticanums rekurriert: dass sich die Sendung der Priester eben nicht im Innen der Kirche, sondern draußen, bei den Menschen und im Gottesvolk konkretisiert.
Erhebungen in der Weltkirche hätten gezeigt, argumentiert Regens Thillainathan indes, dass die meisten Priester, die aus ihrem Dienst ausscheiden würden, dies in den ersten Jahren täten. Diese Auffälligkeit habe fast zwangsläufig zu der Frage geführt: Was läuft bei der Ausbildung falsch, dass in den acht bis zehn Jahren Vorbereitung auf die Weihe falsche Vorstellungen von diesem Dienst existierten.
"Andersherum gefragt: Wie gewinnen wir reife Persönlichkeiten für den priesterlichen Dienst, die keine romantisierte Vorstellung von dieser Berufung haben?" In diesem Kontext sei schon lange klar, dass das traditionelle Kommunitätsleben im Seminar mit einer festen vorgegebenen Struktur und mehr Abgrenzung inzwischen nicht mehr funktioniere.
Wohngemeinschaften wirken nach außen
"Angesichts der kleiner werdenden Zahlen an Kandidaten ist die Begleitung durch den Seminarvorstand mittlerweile viel individueller möglich. Darin liegt auch eine Chance", meint der Kölner Theologe. "Wir sind unmittelbarer miteinander im Austausch, auch wenn wir uns in der WG-Phase nicht täglich sehen. Dennoch halten wir natürlich an festen Kommunitätsabenden im Seminar mit Gottesdienst, Stundengebet und gemeinsamem Essen einmal in der Woche fest. Und auch thematisch geprägte Wochenenden in Gemeinschaft finden regelmäßig bei uns im Haus statt."
Diese Elemente gehörten zu den festen Rahmenbedingungen des Seminars. Aber wenn es um ein verstärkt missionarisches Selbstverständnis von Kirche gehen solle, seien gerade Wohngemeinschaften für die Seminaristen ein Ort, wo sie ihren Tag frei gestalten, aber die Tür auch für andere öffnen könnten, so dass eine selbstverständliche Außenwirkung entstehe und WGs so auch zu Orten der Begegnung würden. Hinzu käme, dass sich die Theologiestudenten in der Rolle des Gastgebers erlebten. Allesamt Erfahrungen, die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung weiterbrächten.
Aufgabe des Seminars, die Berufungsfrage zu klären
Nach und nach sei in dem neuen Konzept – zu Beginn sieht es erst einmal ein Orientierungsjahr im Seminar vor, danach den Eintritt ins Seminar und dann ein bis zwei Jahre WG-Leben mit darauffolgendem Freisemester in einer selbstgewählten Stadt – die Zugehörigkeit der WG-Bewohner zum Seminar ausdifferenziert und auch evaluiert worden. Und natürlich bestehe auch das Risiko, dass die Hälfte von ihnen danach nicht mehr in die Priesterausbildung zurückfinde. "Das ist mir bewusst", so der Ausbildungsleiter, "aber das ist dann auch ehrlich und schützt vor einem blinden Automatismus in der Ausbildung.
Am Ende ist doch das Ziel, dass wir ein realistisches Priesterbild vermitteln wollen und die Seminaristen eine überzeugte und verantwortliche Entscheidung treffen, mit der sie gut und glücklich ein Leben lang auf ihren persönlichen Ruf Gottes antworten können." Darin liege die entscheidende Aufgabe des Seminars: die Berufungsfrage zu klären. "Aber allein – das hat sich inzwischen herauskristallisiert – kann es das nicht mehr."
Regens Regamy Thiallainathan, der mit dem Subregens Peter Seul, der Studienpräfektin Carmen Breuckmann-Giertz und dem Spiritual Ralf Neukirchen über die Jahrgänge verteilt gerade 23 Priesterkandidaten im Kölner Priesterseminar St. Albert betreut, hat die Kölner Ordnung für die Priesterausbildung jedenfalls vor ein paar Wochen – nach Erscheinen des römischen Abschlussdokuments – als Best-practice-Beispiel bei Kardinal Lazarus You Heung-sik, dem Präfekten des Dikasteriums für den Klerus, eingereicht und damit der Weltkirche erst einmal zur Verfügung gestellt.
Für ihn steht inzwischen fest: "Wir sind gemeinsam als Suchende und Glaubende miteinander unterwegs." Und die grundlegende Erkenntnis, die die Vorstandsmitglieder mit den Seminaristen aus den letzten Jahren für sich aus der Arbeit an dem Konzept für die Priesterausbildung gewonnen haben, formuliert er so: "Ein Priester wird nicht nur im Seminar und durch Bücher geformt, sondern vor allem durch das Volk Gottes, dem er dient. In seinen Freuden und Sorgen, in seinem Glauben und in seinen Fragen wächst immer auch der eigene Glaube, und so gewinnt der priesterliche Weg Gestalt."