Ukrainischer Weihbischof spricht über Krieg, Winter und Hoffnung

"Kirchen werden zu Zufluchtsorten"

Dauerfrost, Stromausfälle und Militärfriedhöfe, die wachsen. Weihbischof Wolodymyr Hruza spricht über den vierten Kriegswinter, die seelsorgliche Arbeit der Kirche und die Kraft des Glaubens in einer Zeit, in der vieles zerbricht.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Weihbischof Wolodymyr Hruza (Erzdiözese Lemberg)

DOMRADIO.DE: Die Ukraine erlebt den vierten Kriegswinter, doch dieses Jahr ist es extrem kalt, mit Dauerfrost unter 10 Grad. In Kiew sind schätzungsweise eine Million Menschen ohne Strom, tausende ohne Heizung. Bürgermeister Vitali Klitschko spricht von der härtesten Zeit seit Kriegsbeginn. Wie ergeht es den Menschen in der Ukraine?

Wolodymyr Hruza CSsR (Weihbischof von Lwiw/Lemberg, Ukraine): Ein Krieg bedeutet immer eine harte Zeit. Bei uns im Westen des Landes ist die Situation zum Glück etwas besser, wir haben Strom, auch wenn die Zufuhr immer wieder unterbrochen wird. Aber je weiter man Richtung Osten geht, desto katastrophaler wird die Lange angesichts der Kälte. Und das trifft natürlich besonders schlimm die Obdachlosen. 

Weihbischof Wolodymyr Hruza / © Ina Rottscheidt (DR)
Weihbischof Wolodymyr Hruza / © Ina Rottscheidt ( DR )

Alle Menschen versuchen sich jetzt zu retten und diesen Winter zu überstehen. Zum Beispiel ist unsere Kathedrale in Kiew jetzt Tag und Nacht geöffnet. Dort kann man sich aufwärmen, es gibt Essen, Internet und man kann sein Handy aufladen. Die Bedeutung darf man nicht unterschätzen: Viele haben Verwandte im Ausland oder in der Ostukraine oder warten auf Nachricht von ihren Männern an der Front. Keinen Kontakt zu haben, diese Ungewissheit, das ist das Schlimmste. Viele unserer Kirchen sind jetzt zu solchen Zufluchtsorten geworden.

Wolodymyr Hruza

"Jeder Mensch hat ein Recht auf Freiheit und ein Leben in seiner Heimat."

DOMRADIO.DE: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat US-Präsident Trump jetzt den ukrainischen Präsidenten Selenskyj getroffen. Trump betonte einmal mehr, dass seiner Meinung nach die NATO und Europa für die Ukraine zuständig seien: "Die USA sind weit entfernt. Wir haben einen großen, schönen Ozean, der uns davon trennt. Wir haben damit nichts zu tun", sagte er. Wie blicken Sie auf diese Worte?

Hruza: Wir müssen uns darüber klar sein, dass dies hier nicht in erster Linie ein Territorialkrieg ist. Es geht Russland nicht darum, seine Fläche zu vergrößern, sondern es geht um Imperialismus und die Machtdemonstration Richtung Europa. Und es geht um die Weltordnung. 

Gottesdienst in Lemberg (Erzdiözese Lemberg)

Wenn sich jeder nimmt, was er will, nur aufgrund seiner Stärke, wo führt das hin? In welcher Welt werden wir dann leben? Ich bin weder Politiker noch Militärexperte, aber aus Sicht eines Seelsorgers sage ich: Jeder Mensch hat ein Recht auf Freiheit und ein Leben in seiner Heimat.

DOMRADIO.DE: Seit Anfang des Jahres vervielfältigen sich die internationalen Krisen: die US-Intervention in Venezuela, die Entführung von Staatschef Maduro. Trumps unverhohlen vorgetragene Pläne, sich Grönland einzuverleiben, die NATO steckt in ihrer schwersten Krise. Die Konflikte in Nahost und im Iran. Sorgen sich die Ukrainer, dass sie mit ihrem Schicksal vergessen werden könnten?

Hruza: Ich glaube, die Ukrainer haben ihre Angst verloren, weil sie schon so viel erleiden mussten und so viele Opfer gebracht haben. Wir hoffen auf Gott und auf seine Hilfe: Der Mensch hat diesen Krieg begonnen und niemand ist mehr imstande, ihn zu beenden. Deswegen hoffen wir in diesem Chaos auf Gottes Hilfe und dass er uns aus diesem Leid herausführt.

Wolodymyr Hruza

"Wir wollen die Menschen an die frohe Botschaft erinnern. Wie sonst sollen die Menschen Kraft schöpfen? Wir wollen als Kirche ein Zufluchtsort sein."

DOMRADIO.DE: Vergangenes Wochenende haben Sie in Ihrem Bistum, der Erzdiözese Lemberg, eine Priesterweihe gefeiert: Ist das ein Stück Normalität in Kriegszeiten?

Hruza: Das pastorale Leben funktioniert bei uns gut und wir haben immer wieder Priesterweihen, die wir immer einzeln begehen, damit wir jede einzelne als freudiges Ereignis feiern können. Am vergangenen Wochenende waren es zwei, Ende Januar wird es eine weitere und eine Diakonenweihe geben. Denn wir wollen die Menschen an die frohe Botschaft erinnern. Wie sonst sollen die Menschen Kraft schöpfen? Wir wollen als Kirche ein Zufluchtsort sein. 

Priesterweihe (Erzdiözese Lemberg)

Bei uns mitten in der Stadt gibt es auch in Kriegszeiten viel Normalität und alltägliches Leben. Und wenn man dann ein oder zwei Kilometer weiter zum Militärfriedhof geht, herrscht eine ganz andere Realität: Dort gibt es keinen Platz mehr, er muss mittlerweile erweitert werden, weil es so viele gefallene Soldaten gibt. Aber das bedeutet nicht, dass die ganze Stadt ständig in Trauer ist.

DOMRADIO.DE: Sehen Sie das in Kriegszeiten als Hauptaufgabe der Kirche: den Menschen ein Stück Normalität und Hoffnung zu geben?

Hruza: Ja, natürlich. Wir haben nicht so viel Einfluss wie Politiker oder Militärs, aber wir können die Verwundeten versorgen und die Trauernden trösten. Wir können Tränen trocknen und Menschen umarmen. Ich nenne das die Arbeit "hinter der Front": Die Kirche steht an der Seite des Volkes, denn dieser Krieg ist ein Krieg gegen das Volk.

Wolodymyr Hruza

"Wir sind dankbar für die Solidarität, die Gebete und jede materielle Hilfe."

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich von der Weltkirche?

Hruza: Wir sind dankbar für die Solidarität, die Gebete und jede materielle Hilfe. Das Erzbistum Köln unterstützt uns derzeit beim Aufbau eines Rehazentrums für traumatisierte Kriegsopfer. Dafür sind wir sehr dankbar. Und wir wünschen uns von der Kirche, dass sie weiterhin an der Seite der Wahrheit steht. Denn im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Quelle:
DR

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