Warum haben Religionsgemeinschaften in der Pandemie nicht mehr Zulauf?

Trampolineffekt und Fitnessstudio-Syndrom

Lehrt Not wirklich beten? Davon kann man nicht ausgehen, sagt Carolin Hillenbrand. In Krisenzeiten suchten Menschen heute keineswegs mehr Antworten in den Religionen. Gelebter Glaube sei aber langfristig ohne eine Institution nicht möglich.

Kirchenbesuch in Zeiten der Pandemie / © Harald Oppitz (KNA)
Kirchenbesuch in Zeiten der Pandemie / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Münster und beschäftigen sich in Ihrer Doktorarbeit mit der Rolle der Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie wichtig ist Religion für diesen Zusammenhalt?

Carolin Hillenbrand (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster): Religion hat eine sehr bedeutende Rolle. Sie ist auch ambivalent, das möchte ich dazu sagen, aber natürlich sehr positiv. Wir haben jetzt gemerkt, wie Werte wie Nächstenliebe, Solidarität und Zusammenhalt eine große Bedeutung in der Pandemie gespielt haben und auch religiöse Menschen da immer wieder aus ihrem Glauben Kraft, Hoffnung und neue Energie bekommen haben, auch um sich für andere einzusetzen, für Hilfsbedürftige.

Auf der anderen Seite erleben wir aber leider immer wieder Spannungen, wenn diese Hilfe zum Beispiel nur für diejenigen aus der eigenen Religionsgruppe gewährt wird und nicht für andere. Deswegen muss man immer beide Seiten beleuchten. Aber in der Pandemie haben gerade religiöse oder spirituelle Menschen gezeigt, dass sie diese Werte praktiziert haben.

DOMRADIO.DE: Was konnten Glaube und Religion den Menschen bislang in dieser schwierigen Zeit bieten?

Hillenbrand: Einiges. Gerade diese Zeiten sind von Unsicherheit und Ungewissheit geprägt. Da geben Religion oder Glaube, so werden sie auch in der Religionssoziologie definiert, Halt. Ich vergleiche das gerne mit einem Trampolin. Selbst wenn man fällt, springt man auf dieses Trampolin und das lässt die Gläubigen wieder nach oben springen oder katapultieren. So ein tiefer Glaube oder eine persönliche Gottesbeziehung, genau dieses transzendente "Du" kann ganz stark sein und in diesen unsicheren Zeiten Hoffnung geben.

DOMRADIO.DE: Gilt das denn auch für Menschen, die sonst nicht religiös sind, gerade in diesen Zeiten?

Hillenbrand: Das lässt sich so aus den empirischen Studien nicht zeigen. Man kann nicht von einer Renaissance des Religiösen sprechen. Es gibt ja auch dieses bekannte Sprichwort: Not lehrt Beten. Das gilt jetzt so nicht. Wir sehen eher, dass Menschen in Krisenzeiten auf das zurückgreifen, was sie in dem Bereich bereits kennen oder haben. Wenn vorher schon gar keine Bindung zu einem Gott oder höheren Wesen da war, dann kommt das auch nicht in Krisenzeiten aus dem Nichts heraus.

Was wir aber sehen, ist eine spirituelle Sehnsucht der Menschen, auch spirituelle Bedürfnisse, die dann unterschiedlich befriedigt werden, zum Beispiel durch Yogapraktiken, durch Meditation oder durch Achtsamkeitstraining. Die Menschen waren schon sehr auf sich zurückgeworfen und haben dann ihre eigenen Rituale und Gewohnheiten entwickelt.

DOMRADIO.DE: Der Glaube hat also tatsächlich einen wichtigen Stellenwert in der Pandemie. Trotzdem scheinen die Kirchen davon nicht zu profitieren. Was meinen Sie, woran liegt das?

Hillenbrand: Das hat natürlich mehrere Gründe. Einerseits verstärkt eine Krise oft andere Krisen, wie zum Beispiel die Kirchenkrise bei dem Missbrauchsskandal oder Reformforderungen oder auch generell, dass sich Institutionen, Organisation in Krisen befinden. Ich nenne das gerne das Fitnessstudio-Syndrom, weil eben der Zeitgeist heute eher dahin geht, dass man möglichst flexibel sein möchte. Dann kommen, dann gehen, wann man möchte, aber sich zum Beispiel nicht an bestimmte Trainingszeiten halten möchte oder an gewisse Gottesdienstzeiten: Genau Sonntags von zehn bis elf Uhr muss ich da jetzt meinem Gott dienen. Das ist viel flexibler geworden und das spiegelt sich in den Mitgliedszahlen wider, aber auch bei politischen Parteien, Gewerkschaften. Und da gehört die Kirche als große Institution eben auch zu.

Aber man kann auch sehen, dass es schwer war, in der Pandemie in realer Gemeinschaft seinen Glauben zu leben. Da stellt sich die Frage, inwieweit so ein individueller oder persönlicher Glaube wirklich wachgehalten werden kann, wenn man allein ist. Tertullian hat damals schon gesagt: "unus christianus, nullus christianus", also ein Christ sei kein Christ, weil es diese Stärkung und Verstärkung der Glaubensgemeinschaft auch braucht. Und das war natürlich in Pandemiezeiten schwieriger zu leben.

DOMRADIO.DE: Ist gelebter Glaube denn ohne Kirche möglich?

Hillenbrand: Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, langfristig eigentlich nicht. Langfristig braucht es doch diese Institutionalisierung. Kirchen und auch andere Religionsgemeinschaften sind ja diejenigen, die über Jahrtausende bestehen. Wirklich Bestand haben Spiritualität und Glaube eigentlich nur in dieser institutionalisierten Form. Es gibt natürlich immer spirituellen Wildwuchs, wenn man es so bezeichnen möchte, oder charismatische Erneuerung, Bewegungen, die steigen auf und die steigen auch wieder ab. Aber auf so eine langfristige Dauerhaftigkeit sind natürlich Institutionen prädestiniert, auch wenn sie mal in der Krise sind.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Carolin Hillenbrand / © Jannis Butterhof (privat)
Carolin Hillenbrand / © Jannis Butterhof ( privat )
Quelle:
DR
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