Deutsche Katholiken suchen eine neue Sexualmoral

Theologische Drahtseilakte beim Synodalen Weg

Nach langem Ringen liegen beim Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland Vorschläge für eine neue Sexualmoral vor. Das Ergebnis ist nicht frei von Spannungen und könnte doch mehrheitsfähig sein.

Auftakt der Beratungen der Synodalversammlung am 31. Januar 2020 / © Harald Oppitz (KNA)
Auftakt der Beratungen der Synodalversammlung am 31. Januar 2020 / © Harald Oppitz ( KNA )

Vieles dreht sich bei den aktuellen Reformbestrebungen in der katholischen Kirche um Sexualität. Das hat vor allem drei Gründe: Zum einen war der unmittelbare Auslöser der Reformbestrebungen eine pervertierte Form von Sexualität: der Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker, dessen Ausmaß 2018 durch eine deutschlandweite Studie dramatisch belegt wurde.

Zum anderen schwelt von der katholischen Basis bis zu den theologischen Lehrstühlen bereits seit 1968 ein ungelöster Konflikt: Die berühmte Enzyklika "Humanae vitae" von Paul VI., die eine Untrennbarkeit von Sexualität in der Ehe mit der menschlichen Fortpflanzung verbindlich festzulegen versuchte, wurde von einer Mehrheit der Katholiken nie akzeptiert - und zwar weder in der Theorie noch in der Praxis.

Hinzu kommt seit einigen Jahren die fundamentale Neubewertung homosexueller Beziehungen. Seit der Staat und weite Teile der Gesellschaft diese als gleichberechtigt ansehen, wächst in der Kirche der Druck, dies ebenfalls zu tun und gleichgeschlechtliche Paare kirchlich zu segnen.

Treibende Kraft im Reformprozess

Die Forderung nach einer Sexualmoral, die der Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert entspricht, war deshalb von Anfang an eine treibende Kraft im Reformprojekt des Synodalen Wegs. Die Beschlussvorlagen ("Voten"), die nun von der zuständigen Arbeitsgruppe dazu vorgelegt wurden, werden Anfang Oktober von der Synodalversammlung debattiert und vermutlich auch verabschiedet werden. Wenn es wirklich so weit kommt, wäre das ein Meilenstein in der Entwicklung der katholischen Moraltheologie.

Eine Überraschung ist es schon, dass die Gruppe - im Synoden-Deutsch spricht man vom "Forum" - sich überhaupt auf zehn gemeinsame Anträge einigen konnte. Das Spektrum der Forums-Teilnehmer reicht von einem klaren Konservativen wie dem Passauer Bischof Stefan Oster bis hin zu einem radikalen Reformer wie dem BDKJ-Vorsitzenden Gregor Podschun.

Die beiden Vorsitzenden, der Aachener Bischof Helmut Dieser und die familienpolitische Sprecherin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Birgit Mock, hatten es nicht leicht, die zunächst sehr widersprüchlichen Positionen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Noch vor einem Jahr, als das Forum seine ersten Zwischenergebnisse vorlegte, gab es zu den damals elf Voten nicht weniger als sieben Alternativ-Voten, weil man sich nicht auf eine Linie einigen konnte.

Auch die jetzt vorliegenden zehn Voten enthalten noch deutliche Spuren der unterschiedlichen Positionen - etwa wenn es darum geht, die "Pillen-Enzyklika" von 1968 im Nachhinein zu bewerten. Das Forum hält fest, dass sie stets umstritten war, und betont dann: "Das macht sie keineswegs unwahr." Im nächsten Satz heißt es dann, dass "sich ihr Sinngehalt weder theologisch noch lebenspraktisch als zwingend erschließt".

Im Votum zum Thema Sexualität und Fruchtbarkeit findet sich schließlich die Kompromissformel: "Die christlich gelebte Ehe... schöpft aus der Offenheit für diese Fruchtbarkeit. Das bedeutet aber nicht, dass ausnahmslos jede geschlechtliche Vereinigung diese Offenheit biologisch realisieren muss." Man darf gespannt sein, wie solche Formulierungen in den Medien - und vor allem im Leben - verstanden und gedeutet werden.

Intensives moraltheologisches Ringen

Spuren des intensiven moraltheologischen Ringens finden sich in etlichen Voten. Mancher Konflikt konnte offenbar nur in eher wolkigen theologischen Abstraktionen auf eine höhere Ebene des Kompromisses gehoben werden. Aber die Mitwirkenden haben auch befreiende und im guten Sinne richtungweisende Formulierungen gefunden, etwa beim Thema sexuelle Identitätsfindung, Lust, Berührung, Ehe, gleichgeschlechtliche Paare und lebenslange Liebe. Vieles davon lässt die in Enzykliken und im Katechismus formulierten Lehren der Kirche unmissverständlich hinter sich.

Die Autoren machen in einer Präambel klar, dass sie die von ihnen geforderten Änderungen nicht selbst in Kraft setzen können. Sie betonten, dass manche ihrer Vorschläge eine "Neuakzentuierung" der kirchlichen Lehre durch den Papst erfordern. Deshalb schlagen sie der Synodalversammlung vor, den Papst eindringlich zu bitten, die Voten zum Thema Sexualität "als ortskirchlichen Ausdruck der Mitverantwortung aller Getauften und Gefirmten für das Wohl der einen Kirche Christi zu prüfen und aufzugreifen."

Und weiter: "In diesem Sinne nimmt die Ortskirche in Deutschland verbunden mit den Ortskirchen weltweit und dem Bischof von Rom ihre Verantwortung für das dreifache Amt Christi wahr: im Amt des Heiligens, im Amt des Leitens und im Amt des Lehrens."

In Normalsprache übersetzt, bedeutet das: Wenn das Papier eine Mehrheit findet, schlagen die deutschen Katholiken - einschließlich der großen Mehrheit ihrer Bischöfe - dem Papst vor, die kirchliche Lehre gemäß diesen Ideen umzuschreiben. Der Ball läge dann in Rom - sei es im Rahmen einer Weltbischofssynode, eines Konzils oder in einem neuen päpstlichen Lehrschreiben.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
Quelle:
KNA
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