Theologin fordert Bewusstsein für Macht der Russland-Kirche

Einfluss nicht unterschätzen

Patriarch Kyrill I. predigt in diesen Tagen eine aggressive politische Theologie, analysiert die Theologin Petra Bahr. Diese Theologie der russisch-orthodoxen Kirche dürfe nicht unterschätzt werden, denn sie habe großen Einfluss.

Kyrill I., Patriarch von Moskau und ganz Russland / © Corinne Simon (KNA)
Kyrill I., Patriarch von Moskau und ganz Russland / © Corinne Simon ( KNA )

Die deutsche Gesellschaft darf nach Meinung der evangelischen Theologin Petra Bahr den Einfluss der orthodoxen Kirche in Russland auf die politische Ideologie nicht unterschätzen. "Wenn man die Sonntagspredigten des russischen-orthodoxen Patriarchen Kyrill liest, sieht man, dass er in den vergangenen Jahren eine sehr aggressive politische Theologie mit imperialen Zügen entwickelt hat", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Kyrill hatte den russischen Angriffskrieg in der Ukraine von Beginn an befürwortet.

Hannovers Regionalbischöfin Petra Bahr / © P. Kunte/Sprengel Hannover (privat)
Hannovers Regionalbischöfin Petra Bahr / © P. Kunte/Sprengel Hannover ( privat )

In der deutschen Gesellschaft traue man einer Kirche einen solchen geschichtspolitischen Einfluss nicht mehr zu, sagte die hannoversche Regionalbischöfin. Das führe dazu, dass man sich nicht vorstellen könne, dass der Patriarch enormen Einfluss auf das politische Klima in Russland ausübe. Die Aggressivität der Predigten weise darauf hin, dass es kein Stillhalteabkommen zwischen Putin und der russisch-orthodoxen Kirche gebe, sondern eine wechselseitige Bestärkung.

Religionspolitische und imperiale Ziele

Die politische Theologie des Moskauer Patriarchen zeichne den Traum einer eurasischen, ostslawischen Vereinigung - also einer Vereinigung der Länder Russland, Belarus und Ukraine - auch in kirchenpolitischer Hinsicht. "Kyrill unterstützt nicht nur Putins imperiale Träume, er hat auch eigene religionspolitische Ziele, mit denen er den Krieg rechtfertigt. Außerdem agiert er ähnlich: nach außen aggressiv, nach innen repressiv", sagte Bahr, die auch Mitglied im Deutschen Ethikrat ist. Beispielsweise vertrete er das Interesse, die rund 40 Millionen ukrainisch-orthodoxen Christen "zurückzuholen".

Patriarch Kyrill I. und Wladimir Putin beim Ostergottesdienst 2015 / © Natalia Gileva (KNA)
Patriarch Kyrill I. und Wladimir Putin beim Ostergottesdienst 2015 / © Natalia Gileva ( KNA )

Kyrill erzähle den Überfall auf die Ukraine als Befreiung von der Dekadenz des Westens und wolle die orthodoxe Christenheit aus dem Griff der pluralistischen Moderne befreien. "Seine Predigten zeigen eine diabolische Verkehrung des Evangeliums zu einer Art Evangelium des Todes", sagte die Theologin.

Mehr Aufmerksamkeit nötig

"Er verliert über die Kriegsverbrechen und die Menschenrechtsverletzungen schon deshalb kein Wort, weil auch diese für ihn eine Erfindung des Westens sind." Dabei gehe es nicht darum, wie viele Menschen in Russland tatsächlich in den Kirchenbänken säßen. Kyrill liefere eine geistig-kulturelle Legitimation für den Krieg.

Der Blick auf diese gefährliche Verbindung von Religion und Staat lohne sich. "Friedensethische Debatten sind wichtig. Es ist aber auch Aufgabe der Theologie, in der Öffentlichkeit über diese Seite der Religion aufzuklären und sich von ihr abzugrenzen."

Bahr forderte, den kritischen Stimmen innerhalb der orthodoxen Kirche, den ganz wenigen in Russland und den deutlich größeren in der Ukraine, aber auch in anderen Ländern und in einigen Exilgemeinden, mehr Aufmerksamkeit zu geben. Dafür müsse man ein Bewusstsein in den Kirchen hierzulande schaffen. Auch die kleinen Religionsgemeinschaften in der Ukraine, die jüdischen Gemeinden und evangelischen Kirchen, bräuchten dringend Hilfe.

Russisch-orthodoxe Kirche

Die russisch-orthodoxe Kirche ist mit rund 150 Millionen Gläubigen die mit Abstand größte orthodoxe Nationalkirche. In Russland bekennen sich gut zwei Drittel der Bevölkerung zu ihr - etwa 100 Millionen Menschen. Fast alle übrigen früheren Sowjetrepubliken zählt das Moskauer Patriarchat ebenfalls zu seinem kanonischen Territorium.

Russisch-orthodoxe Kirche mit Baugerüst / © Balakate (shutterstock)
Autor/in:
Franziska Hein
Quelle:
epd