Steinmeier kritisiert russisch-orthodoxe Kirchenführung

"Glaubensfeindlicher und blasphemischer Irrweg"

Heftige Kritik an der russisch-orthodoxen Kirche hat Bundespräsident Steinmeier bei der Eröffnung der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen geübt. Die Propaganda müsse einen Widerspruch finden – auch auf der Versammlung.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (m.) mit Winfried Kretschmann (l.) und Ioan Sauca (r.)  / © Uli Deck (dpa)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (m.) mit Winfried Kretschmann (l.) und Ioan Sauca (r.) / © Uli Deck ( dpa )

Ihre Führer lenkten ihre Gläubigen und ihre ganze Kirche "auf einen schlimmen, ja geradezu glaubensfeindlichen und blasphemischen Irrweg", sagte Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch in Karlsruhe. Sie rechtfertigten einen Angriffskrieg gegen die Ukraine - "gegen ihre eigenen, gegen unsere eigenen Brüder und Schwestern im Glauben".

Dialog müsse Unrecht zur Sprache bringen

(V.l.n.r.:) Marc Witzenbacher, Koordinator der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Heike Springhart, Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden, und Frank Mentrup, Oberbürgermeister von Karlsruhe, halten ein großes Banner mit der Aufschrift und dem Logo der 11. Vollversammlung des ÖRK / © Volker Hasenauer (KNA)
(V.l.n.r.:) Marc Witzenbacher, Koordinator der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Heike Springhart, Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden, und Frank Mentrup, Oberbürgermeister von Karlsruhe, halten ein großes Banner mit der Aufschrift und dem Logo der 11. Vollversammlung des ÖRK / © Volker Hasenauer ( KNA )

Der Bundespräsident sagte laut Redemanuskript: "Diese Propaganda gegen die freien Rechte der Bürgerinnen und Bürger eines anderen Landes, dieser Nationalismus, der willkürlich Gottes Willen für die imperialen Herrschaftsträume einer Diktatur in Anspruch nimmt, muss unseren Widerspruch finden, auch hier in diesem Saal, in dieser Versammlung."

Mit Blick auf die Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche in Karlsruhe sagte Steinmeier, ihre Anwesenheit sei in diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit. "Dass ihnen die Wahrheit über diesen brutalen Krieg und Kritik an der Rolle ihrer Kirchenführung nicht erspart bleiben wird, das erwarte ich von dieser Versammlung", fügte er hinzu. Dialog sei kein Selbstzweck. Dialog müsse Unrecht zur Sprache bringen und Opfer ebenso benennen wie Täter und deren Erfüllungsgehilfen. "Ein Dialog dagegen, der sich auf fromme Wünsche beschränkt und im Ungefähren bleibt, wird schlimmstenfalls zur Bühne für Rechtfertigung und Propaganda."

Anerkennung des Widerstands von russisch-orthodoxen Priester

Ausdrücklich würdigte Steinmeier, dass hunderte russisch-orthodoxe Priester trotz Bedrohung durch Putins Regime öffentlich widerstanden und sich gegen den Krieg gestellt hätten. "Möge eure Stimme auch in dieser Versammlung ein Echo finden", sagte er.

Der Bundespräsident erinnerte auch daran, dass die Kirchen in Deutschland schon 1948 bei der ersten Versammlung des ÖRK in Amsterdam dabei sein konnten und als gleichberechtigte Mitglieder begrüßt worden seien - nach dem Schrecken, den das Deutsche Reich über die Welt gebracht habe, sei das keine Selbstverständlichkeit gewesen. Der ÖRK habe damit vor dieser Schuld nicht die Augen verschlossen, aber mitgeholfen, einen neuen Anfang möglich zu machen. "Dafür sind wir bis heute dankbar", betonte Steinmeier.

Ökumenischer Rat der Kirchen

Dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), auch Weltkirchenrat genannt, gehören derzeit 352 protestantische, anglikanische, orthodoxe und altkatholische Kirchen sowie kirchliche Gemeinschaften in mehr als 120 Ländern an. Sie repräsentieren weltweit über 580 Millionen Christen. Der Dachverband versteht sich als Forum für Austausch und Dialog sowie als Impulsgeber der christlichen Gemeinschaften für Politik, Kultur und Gesellschaft.

Papst Franziskus besucht Weltkirchenrat / © Paul Haring (KNA)
Papst Franziskus besucht Weltkirchenrat / © Paul Haring ( KNA )
Quelle:
KNA