"Seifenbüchse" kämpft für Sichtbarkeit obdachloser Jugendlicher

Im Duschmobil auf Pilgerfahrt nach Rom

Zwei Wohnmobile des Berliner Sozialdiensts katholischer Frauen machen sich auf den Weg zu einer Audienz bei Papst Leo XIV. in Rom. Die Aktion steht unter dem Leitmotiv "Alle Wege führen nach Rom – Obdachlosigkeit kennt keine Grenzen".

Autor/in:
Heike Sicconi
Simona Zahner und Jeannine Hennicke am Standort Wassertorplatz in Berlin / © Heike Sicconi (DR)
Simona Zahner und Jeannine Hennicke am Standort Wassertorplatz in Berlin / © Heike Sicconi ( DR )

Es ist ein aufregender Morgen für Jeannine Hennicke, als sie in die Kabine ihrer Seifenbüchse klettert. Ihr Weg führt nicht wie gewohnt zum Berliner Alexanderplatz, sondern Richtung Süden – nach Rom zu einer Audienz bei Leo XIV. 

Viele Kolleginnen und Kollegen sind gekommen, um die Seifenbüchse für obdachlose Jugendliche und das Duschmobil für Frauen – beides Angebote des Sozialdienstes katholischer Frauen e. V. Berlin – zu verabschieden. 

Und dann rollen die beiden Wohnmobile los. Ihr Leitmotiv: "Alle Wege führen nach Rom – Obdachlosigkeit kennt keine Grenzen." Die Sozialarbeiterin Jeannine Hennicke drückt noch einmal auf die Hupe des umgebauten Peugeot Master 3 mit extra großer Dusche, Toilette, einem 300-Liter-Wassertank und einem 300-Liter-Abwassertank und biegt um die Ecke. 500 Kilometer liegen auf der ersten Etappe vor ihr. Erste Station ist der Katholikentag in Würzburg. Dann geht es über Nürnberg und München weiter nach Italien. Am Montag wird ihre Teamkollegin Simona Zahner dazustoßen. 

Die roadtorome4home-Teams vor der Abreise. / © Heike Sicconi (DR)
Die roadtorome4home-Teams vor der Abreise. / © Heike Sicconi ( DR )

Ein mobiles Angebot für junge Menschen

Die beiden freuen sich auf die Reise, auch wenn die Fahrt mit der Seifenbüchse nicht ohne ist. Hauptsache, das Auto hält, hatten die beiden am Dienstagnachmittag gelacht, als sie an ihrem zweiten Standort am Wassertorplatz unweit des Drogenhotspots Kottbusser Tor auf Jugendliche warteten. Das Angebot an dem neuen Standort muss sich erst noch herumsprechen. 

Dabei ist der Bedarf groß. Etwa 3.000 Kinder und Jugendliche gelten allein in Berlin als wohnungslos. "Aber man nimmt sie im öffentlichen Raum nicht wahr", sagt Jeannine Hennicke. "Viele Jugendliche betreiben sogenanntes Sofa-Hopping, weil sie sozial noch vergleichsweise gut eingebunden sind. Selbst wenn sie von zu Hause rausgeworfen wurden oder sich selbst zum Gehen entschieden haben, kommen sie zunächst oft bei Freunden unter. Und einige leben tatsächlich in Zelten oder unter Brücken. Um Notunterkünfte machen viele einen großen Bogen, weil sie Gewalt fürchten." 

Der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) ist der Träger der beiden Projekte. Sowohl die "Seifenbüchse" für obdachlose Jugendliche als auch das Duschmobil für wohnungslose Frauen. / © Heike Sicconi (DR)
Der Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) ist der Träger der beiden Projekte. Sowohl die "Seifenbüchse" für obdachlose Jugendliche als auch das Duschmobil für wohnungslose Frauen. / © Heike Sicconi ( DR )

Duschen, reden, kurz durchatmen

Die meisten Jugendlichen, die zur Seifenbüchse kommen, sind etwa zwischen 16 und 25 Jahre alt. Geschätzt – denn offenlegen müssen sie ihr Alter nicht. In der Seifenbüchse können sie duschen, die Toilette nutzen, bekommen frische Kleidung und Hygieneartikel. Auch ein Kaffee oder Schokoriegel sind mal drin. Vor allem aber finden die Jugendlichen ein offenes Ohr. 

Das erleben die beiden Sozialarbeiterinnen, wenn sie mittwochs und freitags mit der Seifenbüchse auf dem Alexanderplatz stehen. Ein gutes Dutzend Jugendliche kommt im Schnitt vorbei. Manche wollen auf den Stühlen vor dem Wohnmobil auch einfach nur durchatmen, sagt Simona Zahner. So wie eine verschlossene junge Frau, die zwar immer noch nicht viel von sich preisgibt, sich mittlerweile aber regelmäßig mit dem Satz verabschiedet: "Es ist schön, hier sein zu können."

Wenn Drogen Leben zerstören

Aber es gibt auch tragische Geschichten, die die beiden Sozialarbeiterinnen erleben, wenn zum Beispiel der Verfall der jungen Menschen, die in die Drogen-Spirale geraten, rasend schnell geht. Wie bei einem jungen Mann, der erst im Januar dieses Jahres zum ersten Mal in die Seifenbüchse kam. "Er legte viel Wert auf sein Äußeres, suchte nach der 'richtigen' Jeans", erinnert sich Jeannine Hennicke. Doch die Drogen kamen schnell: zuerst Haschisch und Koks, dann kam Lyrica dazu, derzeit eine Modedroge – eigentlich ein Beruhigungsmedikament, das angstlösend wirkt. Und dann griff er zu Crack. "Im Gesicht sieht man Entzündungen und offene Stellen. Oft sitzt er nur noch im Bus und schläft", sagt Hennicke. "Wie er aussieht oder was er anhat, ist ihm heute ganz egal. Das ist schon krass, wie schnell das geht." 

Für die jungen Menschen da zu sein, ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn sie manchmal für Wochen abtauchen. Ist ihnen etwas passiert? Oder haben sie es geschafft, von der Straße wegzukommen? Und dann Freude und Enttäuschung gleichzeitig, wenn sie wieder vor der Seifenbüchse stehen. 

Zuhören ohne Vorbedingungen

Einfach da sein, helfen und zuhören – und manchmal gehen die Gespräche tiefer, kommt auch der Glaube ins Spiel. Obwohl die Seifenbüchse für wohnungslose Jugendliche genau wie das Duschmobil für wohnungslose Frauen ein Angebot des Sozialdienstes katholischer Frauen ist, wird "religionssensibel" gearbeitet, erklärt Simona Zahner. Denn sie haben es mit jungen Menschen aus allen Glaubensrichtungen zu tun. "Wir sprechen mit den Jugendlichen nur über Gott, wenn der Impuls von ihnen selbst kommt. Es gibt vereinzelt ein paar, die sehr gläubig sind. Dann fragen die Jugendlichen: Was hat das alles für einen Sinn? Warum sitze ich in so einer Situation, wenn es da doch jemanden gibt, der eigentlich aufpassen sollte? Oder jemand sagt: 'Ohne Gott würde ich es gar nicht schaffen.'" 

Den Kids haben die beiden Sozialarbeiterinnen erst kurz vor der Abreise von ihrer Pilgerfahrt nach Rom erzählt. Und davon, dass sie mit dieser Reise auf die Situation wohnungsloser Jugendlicher aufmerksam machen wollen. Ihre Arbeit ist wichtig – das erleben sie jeden Tag. Doch gerade in Zeiten von Kürzungen im Sozialbereich stellt sich auch die Frage, was diese Arbeit einer Gesellschaft wert ist. Um die Finanzierung der Seifenbüchse wird gerungen. Zwar gehört sie – genau wie das Duschmobil – dem SKF, finanziert wird der Betrieb jedoch über die Aktion Mensch und damit über Spenden. Auch für mehr Unterstützung wollen die Frauen Kilometer für Kilometer aufmerksam machen. 

Aufmerksamkeit bis zum Petersplatz

Fünf Tage lang werden die beiden Wohnmobile unterwegs sein. Auf dem Petersplatz in Rom steht die Segnung durch den Berliner Erzbischof Heiner Koch und den Kardinalstaatssekretär des Heiligen Stuhls, Kardinal Pietro Parolin, an. 

Und natürlich soll die Audienz bei Papst Leo XIV. für mehr Sichtbarkeit sorgen, hofft Jeannine Hennicke: "Mein Wunsch wäre es, dass er sich die Mobile anguckt und sieht, womit wir arbeiten. Und die beiden Mobile mit den Frauen – weil wir reine Frauenteams sind, die diese Mobile betreuen – und der Papst in der Mitte: Das wäre das Bild! Super."

Quelle:
DR

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