Wenn die Gloriosa des Erfurter Doms läutet, dann weiß die Stadt: Es ist etwas von historischem Gewicht geschehen. An diesem Samstag machte sie das für einen Mann, der das Bistum nicht nur geprägt, sondern es in den Stürmen der Geschichte eigentlich erst geformt hat. Joachim Wanke, Altbischof, Gelehrter und Mitteldeutschland-Versteher, wurde im Alter von 84 Jahren zu Grabe getragen. Doch wer eine bleierne Trauerfeier erwartet hatte, wurde überrascht. In der Stille des Doms geschah etwas, das Wanke wohl am meisten gefreut hätte: Die Menschen lachten.
Es war ein Requiem, das die ganze Spannbreite seines Lebens abbildete. Draußen vor dem Dom drängten sich hunderte Gläubige, drinnen saßen aktive und emeritierte Bischöfe neben der politischen Prominenz – vom Thüringer Landtagspräsidenten Thadäus König über Innenminister Georg Maier bis hin zum ehemaligen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Und natürlich Domzeremoniar Martin Hoffmeier.
Die Haushälterin und der Löffel
20 Jahre lang war er an Wankes Seite. Er war sein Sekretär, sein Fahrer, sein Vertrauter. Er war es auch, der die letzte Nacht an seinem Sterbebett wachte. Hoffmeier erzählt mit seiner weichen Stimme von einem Detail, das nun für immer im Kreuzgang des Doms verborgen liegt: In der Tasche seines Gewandes nahm Wanke einen Dessertlöffel mit ins Grab.
Die Geschichte dahinter führt zurück zu Wankes verstorbener Haushälterin, die auch eine Freundin war. Die alte Dame hatte sich einst gewünscht, mit einem Löffel im Sarg begraben zu werden. Auf Wankes verdutzte Frage nach dem Warum erklärte sie: "Als Kind habe ich mir gemerkt: Wenn das Essen vorbei ist und abgeräumt wird, bleibt der Löffel noch auf dem Tisch. Denn das Beste kommt noch – der Nachtisch!"
Wanke, der kluge Exeget des Neuen Testaments, war von dieser lebensnahen Theologie so begeistert, dass er sie vor mehr als 15 Jahren zum Kern einer Predigt vor tausenden Frauen machte. Der kleine Löffel wurde sein Symbol für die christliche Hoffnung auf die Auferstehung. "Weil wir diese Geschichte so liebten", sagt Hoffmeier, "haben wir ihm diesen Löffel in die Hose gesteckt, als wir ihn im Sarg angezogen haben." Wanke hat den Löffel also nicht im sprichwörtlichen Sinne abgegeben – er hat ihn mitgenommen, bereit für das, was nach dem Hauptgang des Lebens kommt.
Das Evangelium "auf mitteldeutsch buchstabiert"
Dieses Bild des Hoffnungsmachers zog sich wie ein roter Faden durch den Gottesdienst. Wanke war einer, der das Evangelium "auf mitteldeutsch buchstabieren" konnte, wie es der Magdeburger Bischof Gerhard Feige in seiner Predigt sagte. Wanke – das war, so beschrieb es Hoffmeier im Rückblick, "theologische Champions League", auf Augenhöhe mit Kardinal Lehmann in Mainz. Doch Wanke war kein abgehobener Gelehrter. Er war geerdet. "Er besaß den Mut, auch unliebsame Dinge zu sagen", zitierte Feige ein frühes Gutachten über den jungen Wanke.
Das bewies er vor allem in der Zeit der DDR. Wanke war kein Antreiber, er war ein Ermutiger. Als viele das Land verlassen wollten, rief er dazu auf, am Ort zu bleiben, wo Gott einen hingestellt hatte. Er fand Bilder, die jeder verstand. "Wenn man mit einem Löwen im Käfig steht, dann zieht man den Löwen nicht am Schwanz. Man muss gucken, wie man es in diesem Käfig miteinander aushält", so einer seiner Sätze über das Leben im Sozialismus. Er gab den Menschen Rückgrat, ohne sie ins offene Messer laufen zu lassen. Dass er später, im Jahr 2011, den Papstbesuch im Eichsfeld und in Erfurt mitgestaltete, war für ihn ein historischer Höhepunkt, den er mit gewohntem Understatement begleitete.
"Heiliger Vater, kein Paradies ohne Schlange!"
Apropos Papst: Es war jene Anekdote, die am Samstag für das befreiende Lachen im Dom sorgte. Nach der Marienvesper stand Papst Benedikt XVI. beim Abendessen brav in der Schlange am Buffet an. Wanke, der direkt hinter ihm stand, beugte sich vor und raunte dem Heiligen Vater zu: "Heiliger Vater, kein Paradies ohne Schlange!" Man muss sich das Selbstvertrauen und den feinen Humor erst einmal vorstellen, um das Oberhaupt der Weltkirche in einer solchen Situation so schlagfertig anzusprechen.
Wankes Humor war nie verletzend, aber immer treffsicher. Er nannte den Thüringer Bratwurstrost ein "pastorales Hilfsmittel", mahnte aber schmunzelnd an, dass in Thüringen oft "mehr von den Rösten raucht, als es Weihrauch in der Kirche gibt". Als er eine Therme im Eichsfeld einweihte, wünschte er den Bürgern, sie mögen "so oft beichten, wie sie baden gehen". Es war dieser Witz, der die Menschen öffnete, bevor er seine tiefergehenden theologischen Gedanken entfaltete.
Doch die Feierlichkeit verschwieg auch die Schattenseiten nicht. Wanke war ein Kind seiner Zeit und ein Bischof mit Verantwortung. Sein Nachfolger Ulrich Neymeyr sprach offen an, was die Kirche derzeit erschüttert: Nur einen Tag vor der Beisetzung war ein Bericht der Aufarbeitungskommission zu Missbrauchsfällen erschienen, in dem auch Wanke erwähnt wird.
Neymeyr erinnerte daran, dass Wanke konkret eigene Fehler benannt und öffentlich um Vergebung gebeten hatte – etwa bei Fehlentscheidungen über den Einsatz belasteter Priester. Diese Demut, auch das eigene Scheitern vor Gott und die Menschen zu bringen, gehörte untrennbar zu seinem Amtsverständnis. Er wollte kein unfehlbarer Kirchenfürst sein. Wenn ihn jemand mit "Exzellenz" anredete, brummte er oft: "Dafür beten Sie jetzt zur Buße ein Vaterunser."
Das Eichsfeld nie vergessen
Besonders spürbar war die Verbundenheit im Eichsfeld. Aus der katholischen Enklave im Nordwesten Thüringens waren Reisebusse nach Erfurt gekommen. Ein Besucher erzählte nach der Beisetzung von der "Pferdewallfahrt", bei der Wanke oft dabei war. "Er war dort wie ein kleiner Dorfpfarrer, total menschlich, ganz nahbar", sagt der Mann. "Man hatte das Gefühl, der hat nicht viel auf sein Amt gehalten, sondern die Menschen vor Ort nie vergessen."
Für viele Eichsfelder war er der Bischof, der sie durch die schwierigen Jahre der DDR und die Umbrüche der Nachwendezeit geführt hatte. Stefan Gruhner, Chef der Thüringer Staatskanzlei, nannte ihn deshalb einen "wegweisenden Ermutiger", der weit über die Kirchengrenzen hinaus moralische Orientierung gab.
Als der Sarg schließlich nach dem Requiem in einer Prozession in den Kreuzgang des Domes gebracht wurde, läutete die Gloriosa. Die Domschola sang, und die Sonne warf zwischen den Wolken lange Schatten in den Innenhof. Viele Menschen verharrten dort noch lange, bis sie sich an seinem Grab von ihm verabschieden konnten. Das digitale Kondolenzbuch des Bistums füllte sich bereits mit über 200 Einträgen. "Ein großer Seelsorger", schrieben die einen; "Danke für den Mut in der DDR", die anderen.
Wanke ist nun "den Spuren Christi gefolgt", wie es sein Wahlspruch besagte. In Erfurt weiß man jetzt, dass das Beste zum Schluss kommt. Und man deshalb den Löffel besser nicht abgibt.