Renovabis sieht Papst-Reise nach Kasachstan als Chance

"Glaubt daran, dass Gott Euch besonders liebt"

Mit Kasachstan reist Papst Franziskus am Dienstag in ein Land, in dem Katholiken eine kleine Minderheit sind. Das katholische Osteuropahilfswerk Renovabis hofft auch auf einen Ausgleich mit den Papst-kritischen Bischöfen vor Ort.

Papst Franziskus im Flugzeug / © Paul Haring (KNA)
Papst Franziskus im Flugzeug / © Paul Haring ( KNA )

DOMRADIO.DE: Es gibt nur eine kleine katholische Gemeinschaft vor Ort. Der Aufbau kirchlicher Strukturen konnte erst nach dem Fall der Sowjetunion in den 1990er Jahren beginnen. Was wird vor diesem Hintergrund wohl die Botschaft des Papstes an diese Diaspora-Gemeinden in Kasachstan sein?

Thomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer von Renovabis / © Dieter Mayr (KNA)
Thomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer von Renovabis / © Dieter Mayr ( KNA )

Prof. Thomas Schwartz (Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropahilfswerkes Renovabis): Der Heilige Vater geht ja immer sehr gerne an die Ränder. Wir wissen, dass ihm gerade das ein ganz besonderes Anliegen ist.

Er wird den Menschen, die als Katholiken nur ein Prozent der Bevölkerung in Kasachstan ausmachen, sagen: Habt Mut! Seid mutig in dieser Gesellschaft aktiv. Habt keine Angst vor der Minderheiten-Situation, in der Ihr steht, sondern glaubt daran, dass Gott Euch besonders liebt, ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit nimmt und bei Euch ist - als "Salz der Erde", wie es Papst Benedikt gesagt hat.

DOMRADIO.DE: Die Bischöfe Kasachstans haben in der Vergangenheit Papst Franziskus schon häufiger kritisiert, unter anderem im Kontext von der Enzyklika "Amoris Laetitia". Wie ist es aktuell um das Verhältnis bestellt?

Prof. Thomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropahilfswerks Renovabis

"Oftmals ist es so, dass, wenn man übereinander redet, man leichter geneigt ist, Verurteilungen auszusprechen, als wenn man miteinander spricht."

Schwartz: Das müssen Sie wahrscheinlich den Heiligen Vater selber fragen. Ich denke, es ist ganz wichtig, dass Papst Franziskus auch das Gespräch mit den bischöflichen Mitbrüdern vor Ort sucht. Denn oftmals ist es so, dass, wenn man übereinander redet, man leichter geneigt ist, Verurteilungen auszusprechen, als wenn man miteinander spricht.

Von daher sehe ich das auch als eine Chance an, die der Papst nutzt, nach Kasachstan zu kommen, um mit den Bischöfen vor Ort einmal zu sprechen, namentlich mit denen, die den Herausforderungen des sich wandelnden Staates und der sich wandelnden Kirche nur sehr traditionelle Antworten entgegen bringen.

Programm der Papstreise nach Kasachstan - Teilnahme am Weltkongress der Religionen

Papst Franziskus reist vom 13. bis 15. September nach Kasachstan. In der Hauptstadt Nur-Sultan nimmt er am VII. Kongress der Welt- und traditionellen Religionen teil. Hier finden Sie das Reiseprogramm - Zeitangaben in Ortszeit (Nur-Sultan: MESZ +4; in Klammern MESZ).

Apostolische Reise Seiner Heiligkeit Franziskus nach Kasachstan (13.-15. September)

Dienstag, 13. September: Rom - Nur-Sultan

07.15 Uhr: Abflug vom römischen Flughafen Fiumicino nach Nur-Sultan

Astana, Kasachstan im Jahr 2018: Der Kongress der Weltreligionen findet alle drei Jahre statt / © Roman Yanushevsky (shutterstock)
Astana, Kasachstan im Jahr 2018: Der Kongress der Weltreligionen findet alle drei Jahre statt / © Roman Yanushevsky ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: 70 Prozent der Kasachen sind Muslime, 26 Prozent sind Christen. Wie funktioniert denn dieses Zusammenleben von Gläubigen verschiedener Religionen im Alltag?

Schwartz: Dadurch, dass Kasachstan eine relativ starke säkulare Kultur entwickelt hat, also im Grunde sowohl die sunnitischen Muslime als auch die Christen vor Ort ihren Glauben nicht jeden Tag und intensiv so feiern, wie das vielleicht in manch anderen Staaten dieser Welt der Fall ist, funktioniert es erstaunlich friedfertig und friedvoll. Es ist nicht nur immer ein Nebeneinander, sondern durchaus auch ein wohlwollendes Miteinander. Man besucht sich zu den jeweiligen Festen. Man ist eben nicht eifernd, sondern von starker Toleranz geprägt. Das ist etwas, was auch eine Chance für dieses Land darstellen kann.

DOMRADIO.DE: Die orthodoxe Kirche in Kasachstan gehört zum Moskauer Patriarchat. Eigentlich hatte Patriarch Kyrill I. sein Kommen zu diesem interreligiösen Treffen angekündigt. Es wurde spekuliert, ob er und Papst Franziskus sich treffen und über den Krieg gegen die Ukraine reden werden. Jetzt hat Kyrill sein Kommen abgesagt. Weiß man, warum?

Schwartz: Der Patriarch hat mitgeteilt, dass dieses Gespräch der beiden Religionsführer zu wichtig sei, um es nur am Rande eines Welt-Treffens zu führen. Er sieht also die Bedeutung dieser Begegnung als sehr hoch an und da ist ihm ein randständiges Treffen zu wenig prononciert gewesen. Wobei ich glaube, dass der Heilige Vater sehr glücklich gewesen wäre, wenn es am Rande zu so einem Treffen gekommen wäre.

DOMRADIO.DE: Viele sehen ein Treffen zwischen dem Papst und Kyrill ambivalent, weil Kyrill ja in der Vergangenheit den Krieg in der Ukraine gerechtfertigt hat. Für wie sinnvoll halten Sie ein solches Gespräch?

Schwartz: Der Papst weist immer wieder darauf hin, dass die Religionen eigentlich eine Friedensaufgabe haben. Er versucht den Dialog mit allen Beteiligten zu pflegen, um diesem Frieden eine Chance zu geben. Wenn man nicht miteinander spricht, verbessert sich nichts. Wenn man miteinander spricht, hat man zumindest die Chance des gegenseitigen Verstehens und auch des Aufeinander-Zugehens.

Das ist der Antrieb, warum der Heilige Vater sich für den Dialog auch in einer sehr verfahrenen Situation einsetzt.

DOMRADIO.DE: Ihr katholisches Osteuropa-Hilfswerk ist auch in Kasachstan aktiv. Wie unterstützen Sie die Menschen dort?

Prof. Thomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropahilfswerks Renovabis

"Es ist nicht nur immer ein Nebeneinander, sondern durchaus auch ein wohlwollendes Miteinander."

Schwartz: Wir haben in den letzten 30 Jahren über 700 Projekte mit knapp 18 bis 20 Millionen Euro unterstützt. Früher haben wir das sehr stark getan, indem wir die Menschen auf dem breiten Land unterstützt haben - wo sehr viele Kasachstan-deutsche Gemeinden lebten, etwa im dem Aufbau von Pfarrgemeinden.

Heute haben wir eine neue Situation. Viele der Deutschstämmigen sind zurückgekehrt und heute ist es notwendig, in Nursultan und in anderen Städten eine neue Generation von Menschen aufzubauen, die nicht mehr von Traditionen der deutschen Einwanderer in der stalinistischen Zeit geprägt sind, sondern neue Fragen an Religiosität haben. Da wollen wir im schulischen, im sozialen Bereich bereit stehen - wenn die Partner das möchten, denn wir haben ja keine eigenen Projekte vor Ort.

Wir wollen helfen, die Bürgergesellschaft friedlich weiter nach vorne zu bringen und die neuen Herausforderungen einer sehr selbstbewussten, aber auch sehr nach spirituellen Werten fragenden städtischen Elite und Intelligenz anzunehmen. Und wir wollen helfen, dass die Kirche auch weiterhin dort Antworten beisteuern kann, die zeigen, dass sie tatsächlich "Salz der Erde" auch für ein Land am Rande unserer Wahrnehmung sein kann.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR