Renovabis berichtet aus Albanien

"Zukunft vor Ort möglich machen"

Albanien ist ein Land zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Hoffnung auf einen EU-Beitritt, Verzweiflung durch Abwanderung und Korruption. Renovabis Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz über seine Eindrücke einer Albanien-Reise.

Verzweifelter Mann in Albanien (dpa)
Verzweifelter Mann in Albanien / ( dpa )

DOMRADIO.DE: Was für ein Land ist Albanien? Was für Menschen haben Sie dort erlebt?

Thomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer von Renovabis / © Dieter Mayr (KNA)
Thomas Schwartz, Hauptgeschäftsführer von Renovabis / © Dieter Mayr ( KNA )

Prof. Thomas Schwartz (Hauptgeschäftsführer Renovabis): Albanien ist ein unglaublich schönes Land, ein Land, das ganz vielfältige Landschaften auch bietet. Eine starke, gebirgige Nordseite, dann aber auch herrliche Strände, also ein Urlaubsland par excellence. Am liebsten würde man dort Ferien machen, statt dienstlich hinzufahren. Heiß genug war es dort auch, um dort lieber am Strand gelegen zu haben, als die Projekte anzuschauen.

Dennoch: Das Land hat relativ viele Probleme, die ganz vielfältiger Natur sind. Und da ist es wichtig, dass wir auch als Hilfswerk vor Ort einfach immer wieder nachschauen, wo es die Menschen und wo es die Kirchen dort auch wirklich drückt.

DOMRADIO.DE: Welches sind denn die Herausforderungen, mit denen das Land zu kämpfen hat?

Schwartz: Das ist zum einen das Faktum, dass dieses Land wie viele andere Länder des Balkans eigentlich, sich nach und nach entvölkert. Und zwar deshalb, weil viele jüngere Menschen, zum Teil gut ausgebildet, zum Teil weniger gut ausgebildet, einfach keine Perspektiven mehr für ihre Zukunft sehen und sich aufmachen, als Migranten, Arbeitsmigranten nach West- und Nordeuropa zu ziehen, oder in die USA, um dort für ihre Familien ein einträgliches Leben dann auch wirklich leisten zu können.

Das führt dazu, dass eine ganze Generation von zum Teil sehr gut ausgebildeten Menschen fehlt. Es bleiben zurück die alten Menschen und viele Kinder, zum Teil auch Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Und die alten Menschen, um die kümmert sich dann in einer solchen Gesellschaft auch niemand mehr, mit all den Problemen, die wir ja selber auch aus Deutschland mit den älter werdenden Menschen haben. Nur gibt es bei uns in Deutschland eben tatsächlich dann Pflegekräfte, teilweise auch aus Albanien. Dort gibt es sie nicht mehr.

DOMRADIO.DE: Welche Projekte unterstützen Sie denn dort, zum Beispiel um Kindern oder auch um alten Menschen zu helfen?

Schwartz: Wir selber haben ja von Renovabis nie eigene Projekte, sondern die Kirchen, Ordensgemeinschaften oder auch uns nahestehende NGOs organisieren Projekte der Altenhilfe und tragen solche Projekte an uns heran. Genauso gilt das auch für benachteiligte Kinder. Ich war beispielsweise im Norden des Lande in einer Kindertagesstätte, wo Ordensfrauen zusammen mit ganz vielen ehrenamtlichen Kinder, teilweise aus Roma-Familien, sie begleiten, dass sie zur Schule gehen, nach der Schule ein Essen bekommen und dann auch lernen zu lernen.

Das ist in einem Umfeld, das lernunfreundlich ist, wo die Mutter arbeiten muss, der Vater überhaupt nicht da ist, weil er irgendwo sonst versucht Geld zu verdienen, gar nicht so einfach. Also auch da sozialpädagogische Unterstützung zu leisten, das ist etwas, was wir gerne unterstützen, was notwendig ist, weil wir damit eigentlich auch Zukunft aufbauen und gewährleisten. Und das ist das, was die meisten Menschen hier in diesem wunderbaren Land eigentlich nötig haben und wofür Renovabis immer steht: Zukunft möglich zu machen. Und zwar vor Ort und nicht nur einfach bei uns.

DOMRADIO.DE: Ein Fakt, der immer wieder genannt wird im Zusammenhang mit Albanien ist die Korruption. Was haben Ihnen die Projektpartner dazu berichtet? Beeinträchtigt das auch ihre Arbeit? 

Schwartz: Korruption ist ein ganz allgemeines Phänomen in Albanien. Das hängt auch damit zusammen, dass im Grunde dort, wo wenig Geld ist und wo wenig soziale Leistungen mit wenig Geld erarbeitet werden müssen, natürlich sich manche dann auch sehr opportunistisch verhalten und sich gerne zusätzliche Leistungen bezahlen lassen. Und es ist ja so, dass die Reichen selten die Opfer der Korruption sind, sondern meistens die Kleinen, die Armen, die, die am wenigsten haben, die Opfer der Korruption sind, weil die am meisten von dem Wohlwollen anderer, sei das Polizei, seien das Gesundheitsdienste, sei das Rechtspflege auch wirklich abhängen.

Und in der Tat, man bekommt teilweise auch eine gute Schulbildung, wenn man den berühmten Bakschisch bereit ist zu leisten. Das ist etwas, was wir versuchen, natürlich mit unseren Partnern, tagtäglich zu vermeiden, wo wir sehr genau hinschauen und wo auch unsere Partner geschult werden, so etwas möglichst gering zu halten und dagegen zu arbeiten, weil das natürlich eine Gesellschaft auf Dauer aushöhlt und kaputt macht.

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Und die große Arbeitslosigkeit, die es in Albanien auch gibt, gerade auch für schlecht ausgebildete junge Menschen, führt natürlich auch immer dazu, dass zum Teil auch eine Kriminalitäts-Neigung da herrscht, wo man eben auch schauen muss, dass wir die jungen Menschen von den Drogen weg bekommen, von der Straße weg. Und auch da haben wir einige Projekte, die wir unterstützen, um entweder straffällig gewordenen Jugendlichen eine neue Perspektive zu geben oder eben dafür zu sorgen, dass sie erst gar nicht straffällig werden. Es ist etwas ganz Wichtiges, weil auf diese Weise eine Zukunft von vornherein zerstört wird.

DOMRADIO.DE: Haben Sie den Eindruck, das ist eine Gesellschaft, die sich in ihr Schicksal ergeben hat, oder ist Albanien ein Land im Aufbruch?

Schwartz: Also das ist unterschiedlich. In Tirana selbst ist die Gesellschaft im Aufbruch. Die Menschen haben Hoffnung, gerade auch im Blick darauf, dass ja die EU-Beitrittsperspektive angesichts des Ukraine-Krieges jetzt auch für Länder, die seit Jahren versuchen, Mitglied der Europäischen Union zu werden, sich verbessert haben. Und da hat man wirklich große Hoffnungen darauf, dass dann nicht nur tatsächlich die Freizügigkeit in eine Richtung geht, sondern dass auch europäische Standards und europäische Mittel das Leben vor Ort auch deutlich möglicher und leichter machen.

In manchen Bereichen allerdings haben auch viele Partner, Ordensgemeinschaften, mit denen ich gesprochen habe, zwar nicht die Hoffnung aufgegeben, das zeichnet ja jeden Christen aus, dass er immer wieder Hoffnung hat, immer wieder am nächsten Tag ansetzt, aber doch viele ein wenig skeptisch sind, ob tatsächlich in wirklich entpopulisierten und entvölkerten Gegenden, wo es in Dörfern nur noch ein paar alte Leute gibt und die Schule verwaist ist, ob da tatsächlich auf Dauer die Zukunft möglich ist. Wir werden auch da weiter arbeiten, allerdings immer mit unseren Partnern vor Ort, weil wir die ernst nehmen müssen und nicht meinen, dass wir alles besser wissen.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Renovabis

Das Hilfswerk Renovabis versteht sich als Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit Osteuropa. Es wurde 1993 auf Anregung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) von den deutschen Bischöfen gegründet. Seither gibt es jedes Jahr eine mehrwöchige bundesweite Aktion. Sie endet jeweils am Pfingstsonntag mit einer Kollekte in den katholischen Gottesdiensten in Deutschland. Der lateinische Name des Hilfswerks geht auf einen Bibelpsalm zurück und bedeutet "Du wirst erneuern".

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