Religion verliert laut Soziologe an Relevanz

Vom Gebet zur Selbstoptimierung

Krankheit, Sicherheit, Sinn. Was früher Religion geleistet hat, übernehmen heute vielfach Medizin, Versicherungen und Psychologie. Der Religionssoziologe Jörg Stolz erklärt die Folgen für die Kirchen und die einzelnen Menschen.

Autor/in:
Sabine Schüller
Symbolbild Eine Frau genießt die Natur / © Rawpixel.com (shutterstock)
Symbolbild Eine Frau genießt die Natur / © Rawpixel.com ( shutterstock )

KNA: Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Religion und Spiritualität? Und wenn ja, wie zeigt er sich?

Prof. Jörg Stolz (Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne, Schweiz): Das sind Fragen der Definition. Nach meinen Definitionen ist Spiritualität weiter gefasst als Religion. Religion besteht aus Glaubensüberzeugungen und Ritualen, die Kontakt mit übernatürlichen Mächten vermitteln. Spiritualität kann sich sowohl auf Übernatürliches als auch etwa auf die Natur oder säkulare Werte beziehen. Es gibt daher auch eine säkulare Spiritualität. 

KNA: Warum werden die christlichen Kirchen immer leerer?

Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne (Schweiz). / © Jörg Stolz (privat)
Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne (Schweiz). / © Jörg Stolz ( privat )

Stolz: In der Wissenschaft wird über die Ursachen kontrovers diskutiert. Meine Erklärung lautet, dass die gesellschaftliche Entwicklung Innovationen hervorbringt, welche Religion immer weniger wichtig machen. Religion löst menschliche Probleme aller Art auf symbolische Weise. Durch gesellschaftlichen Fortschritt werden die Probleme aber oft technisch lösbar und so dem Feld der Religion entzogen.

Krankheit war lange ein Feld der Religion, heute haben wir die Biomedizin. Man kann noch für Gesundheit beten, aber notwendig ist es nicht mehr. Ähnlich ist es beim Wetter, seit es Meteorologie gibt - und bei der Sicherheit, seit es Versicherungen und den Wohlfahrtsstaat gibt. Viele Menschen können ihre Lebensprobleme auch ohne Religion lösen und finden sie daher nicht mehr so wichtig.

KNA: Sehen Sie einen Unterschied zwischen Religion und Kirche?

Symbolbild Gebet / © SewCream (shutterstock)

Stolz: Ja. Religion im Allgemeinen bezeichnet einen ganzen kulturellen und sozialen Bereich von Glaubensüberzeugungen und Ritualen, die sich mit Übernatürlichem beschäftigen. Man kann dann spezifische Religionen unterscheiden, etwa Judentum, Christentum. Als Kirche bezeichnet man eine Sozialform der Religion innerhalb des Christentums. Auch hier kann man spezifische Kirchen unterscheiden, etwa die römisch-katholische, die evangelisch-methodistische oder die evangelisch-lutherische Kirche.

KNA: Was könnte man unternehmen, um die Menschen wieder zurück zur Religion zu bringen?

Stolz: Wenn meine Erklärung richtig ist, scheint es sehr schwierig, die Menschen wieder zurück zur Religion zu bringen. All die technischen Problemlösungen müssten den Menschen weggenommen werden: Biomedizin, Wohlfahrtsstaat, Versicherungen, moderne Wissenschaft, moderne Freizeitbeschäftigungen. Im Falle eines Dritten Weltkriegs könnte das geschehen. In einer solchen Situation würde die Religiosität - jedenfalls gemäß meiner Theorie - wieder ansteigen. Aber das kann man nicht wollen.

KNA: Klingt nicht sehr ermutigend. Und was ist für Sie Esoterik in Abgrenzung zu Spiritualität und Religion?

Frau liest Tarot-Karten auf dem Tisch / © Natalie magic (shutterstock)
Frau liest Tarot-Karten auf dem Tisch / © Natalie magic ( shutterstock )

Stolz: Esoterik bedeutet eigentlich Geheimwissen. In meinem Sprachgebrauch handelt es sich um einen Bereich der holistischen oder alternativen Spiritualität. Esoteriker glauben, dass es verborgenes Wissen und geheime Korrespondenzen gibt, die man verstehen und fruchtbar machen kann. Durch Studium und Praxis soll der Einzelne zu höheren esoterischen Stufen aufsteigen können. Da hier Übernatürliches im Spiel ist, kann man Esoterik in den Bereich von Spiritualität und Religion rechnen.

KNA: Können Sie aus soziologischer Sicht einen Trend in der heutigen Sinnsuche erkennen?

Stolz: Im Bereich der Esoterik und der holistischen oder alternativen Spiritualität gibt es in der westlichen Welt meiner Ansicht nach einen Trend hin zur Psychologisierung und Moralisierung.

Man argumentiert nicht mehr, dass ein Geist tatsächlich erschienen sei, sondern dass man eine erstaunliche Eingebung hatte. Man glaubt nicht mehr, Gedanken kontrollieren zu können, sondern freut sich über besseres Selbstbewusstsein. Auch hier schwindet der Bereich des Übernatürlichen tendenziell.

Betende im Meditationsraum / © Harald Oppitz (KNA)
Betende im Meditationsraum / © Harald Oppitz ( KNA )

KNA: Welche sinnstiftenden Angebote würden aus ihrer Perspektive von Seiten der Kirchen von den Menschen heute angenommen, und was ist überholt?

Stolz: Es gibt sicherlich ein Bedürfnis nach einem Raum, in welchem das Individuum auch ohne Leistung angenommen wird. Auch körperbezogene Angebote können Erfolg haben, etwa in Verbindung mit Meditation oder spiritueller Heilung.

Das Interview führte Sabine Schüller. 

Quelle:
KNA