DOMRADIO.DE: Das Zentrum wird von Laien, also von Nicht-Klerikern getragen und ist in der romanischen Kirche St. Maria im Kapitol angesiedelt. Wer kann sich von diesem neuen Angebot konkret angesprochen fühlen?
Dominik Meiering (Kölner City-Pfarrer): Wir sprechen nicht nur Katholiken an, sondern jeden, der ein Interesse daran hat, zu forschen.
Wir arbeiten in der Kirche mit Begriffen wie Spiritualität und Mystik. Viele Leute sagen jedoch, dass sie das in der katholischen Kirche eigentlich gar nicht finden. Wir als katholische Kirche wollen die Initiative, die hier von einigen engagierten Laien ausgeht, in der Innenstadt unterstützen. Wir sehen, dass diese Menschen etwas gespürt, eine Erfahrung gemacht haben, die sie teilen wollen, und unterstützen das.
DOMRADIO.DE: Wer engagiert sich denn in dem neuen Zentrum?
Wolfgang Dichans (Mitinitiator des neuen spirituellen Zentrums für Laien in St. Maria im Kapitol): Wir sind sieben Initiatoren, bunt gemischt und mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshintergründen. Ich selbst war als Referatsleiter im Bundesfamilienministerium tätig. Aber wir haben vor allen Dingen im Bereich der Mystik gemeinsame Erfahrungen gemacht. Schon 2010 haben wir eine Nacht der Mystik ins Leben gerufen und diese elf Jahre lang betrieben, bis Corona kam. Wir sind auf zwei Katholikentagen gewesen, waren auf der Domwallfahrt. Da ist vieles, was sich an Erfahrung angesammelt hat.
DOMRADIO.DE: Das klingt nicht danach, als wollten Sie eine klassische Sonntagsmesse veranstalten. Inwiefern werden sich Besucher der verfassten Kirche davon angesprochen fühlen?
Meiering: Wir versuchen in der Kölner Innenstadt unsere Kirchorte zu profilieren. Mein Credo ist immer: Von ganz konservativ bis liberal muss jeder in der Kölner Innenstadt etwas finden können. Von der Kupfergasse mit alten Marienliedern bis hin zu Sankt Michael, wo die Band spielt und eine große Bühne aufgebaut und sonntags eine Powerpoint-Predigt zu hören ist. Die ganze Bandbreite soll es geben.
In diesem Kontext finden wir wichtig, dass man auch solche Angebote schafft. Wer in das Angebot reinschnuppert, findet es vielleicht interessant, kommt in Kontakt mit anderen und findet möglicherweise auch einen Ort, wo er sich beheimaten kann. In einer immer anonymer werdenden Welt ist es wichtig, Anknüpfungspunkte an Themen und Menschen zu finden. Ich durfte selbst schon bei der einen oder anderen Aktion dabei sein; diese Gruppe hat tolle Sachen auf die Beine gestellt.
DOMRADIO.DE: Warum wurde die Basilika Maria im Kapitol als Anlaufstelle ausgewählt?
Dichans: Als wir zum ersten Mal Anfang der 2020er-Jahre darüber nachgedacht haben, wo wir konkret tätig werden könnten, haben wir unter anderem ein Gespräch mit Pfarrer Franz Meurer geführt. Er hatte uns an Dominik Meiering verwiesen. Über den Vorschlag, es könnte und soll Maria im Kapitol sein, waren wir schlicht begeistert. Denn dies ist ein Ort, der Spiritualität atmet. Man kommt in diese Kirche hinein und ist sofort gefangen und quasi in einer anderen Welt – und doch auch ganz bei sich. Das ist unter anderem der Effekt, den wir erzielen wollen.
DOMRADIO.DE: Was wird konkret in dem spirituellen Zentrum passieren?
Meiering: Spirituelles Zentrum ist ein großer Begriff. Es wird dort nicht unbedingt Personal und ein ständiges Büro geben. Es soll ein Kirchort sein, der eine spirituelle Ausstrahlung hat. Und nun gibt es dort Menschen, die jede Menge Veranstaltungen organisieren.
Dichans: Heute Abend beginnen wir zum Beispiel mit einer Serie von Veranstaltungen, unter dem Titel "Alphabet der Spiritualität". Natürlich fangen wir dann mit A an, A wie "Anfang". Wir sind am Jahresanfang, am Anfang der Arbeit dieses Zentrums. Der Philosoph und Autor Dr. Frank Berzbach und Pater Stefan Kessler von der Kunst-Station Sankt Peter in Köln diskutieren miteinander und mit dem Publikum über das Thema "Anfang".
Am 25. Februar werden wir dann den Radioastronom Heino Falke zu Gast haben. Er wird über "Evolution oder Schöpfung" sprechen. Dabei wird es um die Frage gehen, wie der Glaube und die Naturwissenschaften überhaupt miteinander vereinbar sind.
Meiering: Aber nicht alle Veranstaltungen finden in Maria am Kapitol statt. Sie ist sozusagen die Ankerkirche. Es gibt auch Stadtspaziergänge oder Landspaziergänge. Ich selbst durfte schon eine fantastische Veranstaltung mitgestalten. Im Kunstmuseum Kolumba sind wir mit einem Saxophon durch die Räume gezogen, dabei habe ich von meinen Bildern erzählt und der Saxophonspieler hat zu diesen Bildern improvisiert. Das war ein tolles Miteinander und die Menschen waren sehr berührt.
Etwas ähnliches machen wir auch im Kölner Dom: Wir gehen nachts durch den Dom und haben einen kleinen Chor dabei, mit dem wir uns einige wenige Objekte anschauen. Einerseits soll man ästhetisch, affektiv etwas erfahren, andererseits soll man reflektieren, wer wir Menschen sind. Wir sind ja Leib, Seele, Geist und Vernunftwesen und diese Einheit sozusagen vor Gott zu tragen. Darauf kommt es uns an.
DOMRADIO.DE: Das sind sehr vielfältige Arten von Spiritualität. Dazu passt ein Wort, das Papst Benedikt einmal so schön formuliert hat: "Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt."
Dichans: Das ist genau der Punkt, um den es uns geht. Wir wollen den Leuten nicht sagen, was sie zu denken und zu fühlen haben. Sie sollen ihren eigenen Sinn und ihre eigene Mitte finden. Dazu braucht man Impulse, aber man braucht zum Beispiel auch Stille.
Das Format "Mystic Shots" ist eine Veranstaltung in Maria im Kapitol, die aus einem Mix aus mystischen Texten, Musik, aber auch Stille und einem Gang durch die Kirche besteht. Der Raum soll dabei erfahren und gespürt werden. Die Leute haben uns berichtet, dass sie aus der Wildheit des Alltags kommen, aus der Cäcilienstraße in der Kölner Innenstadt, und in diesem Raum plötzlich ganz woanders sind. Genau darum geht es.
Meiering: Ein wichtiger Punkt ist dabei auch, dass wir uns nicht in einer katholischen Blase befinden, sondern auf Literatur der ganzen Welt zurückgreifen. Dadurch nehmen wir die Perspektiven anderer Religionen in den Blick und denken sie mit.
Dichans: Es geht uns um Menschen, die auf der Suche sind. Egal, wo sie herkommen. Und wenn sie zweifeln und sich fragen, wo sie herkommen oder hingehen – dann sind sie bei uns richtig.
Das Interview führte Marcus Poschlod.