Relative Ruhe im Heiligen Land

Resignation statt Aufstand

Weder Kriegsgebiet noch völlige Normalität: Im Heiligen Land herrscht Tage nach der US-Erklärung zu Jerusalem relative Ruhe. Christenvertreter glauben, dass dies so bleibt.

Altstadt in Jerusalem / © Oded Balilty (dpa)
Altstadt in Jerusalem / © Oded Balilty ( dpa )

Bilder aufflammender Gewalt dominieren dieser Tage erneut das Bild vom Heiligen Land. Doch die Sorge vor einer neuen Intifada, eines gewalttätigen Palästinenseraufstands in Reaktion auf die US-amerikanische Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt, scheint sich nicht zu bewahrheiten. Von bekannten Konfliktpunkten abgesehen, ist die Lage weitgehend ruhig. Deutsche Christenvertreter in Jerusalem äußerten gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) die Einschätzung, dass dies auch so bleibt.

Manche Berichte zeichnen gegenwärtig ein Bild von Jerusalem und den Palästinensergebieten als Kriegsgebiet. Bewegt man sich unterdessen durch Städte wie Jerusalem oder Bethlehem, dominiert der friedliche Alltag. Je nach Ort deuten Hanukkaleuchter oder Weihnachtsdekorationen auf die bevorstehenden Feiertage. Anhaltende Pilgerströme sind Ausdruck der Hochsaison.

"Die Menschen sind müde"

"Sehr viele Menschen aus aller Welt fragen uns, ob es sicher sei. Auch in diesen Tagen sagen wir, dass es relativ ruhig ist", sagt der deutsche Pater Andreas Fritsch vom "Christian Information Center", dem Jerusalemer Pilgerbüro der Franziskaner. Die Menschen hier seien müde und wollten ihre Ruhe haben.

Zweifellos ist es in den Tagen seit US-Präsident Donald Trumps Jerusalemerklärung zu Gewalt gekommen: Palästinensische Demonstranten stießen wiederholt mit der israelischen Armee zusammen, die mit Tränengas, Gummigeschossen und teilweise mit scharfer Munition gegen die Protestierenden vorging. Die Konfliktparteien sind dabei ebenso wie die kritischen Orte und Zeiten bekannt, vergleichbare Szenen in dem jahrzehntealten Konflikt vertraut.

"Wut noch nicht verraucht"

Trump habe Gewalt provoziert, sagt der Propst der Evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem, Wolfgang Schmidt. Aber auch wenn "die Wut der Palästinenser noch nicht verraucht" sei, scheine es in Jerusalem wieder ruhiger zu werden. "Ich habe selber gesehen, dass zwar viele Medienvertreter auf etwas gewartet haben, es aber eigentlich kein größeres Problem gegeben hat", sagt Pater Andreas Fritsch. Auch wenn es schwer abschätzbare äußere Faktoren gebe, glaube er, "dass es ruhig bleiben wird".

Diese Einschätzung teilt der Prior der deutschsprachigen Benediktinerabtei Dormitio, Nikodemus Schnabel. Er sehe "keine Gefahr einer Dritten Intifada, sondern eher eine wachsende spürbare Resignation" unter den Palästinensern, die dringend "eine Hoffnungsperspektive mit Zukunft" bräuchten.

"Die Altstadt könnte beiden gehören"

Im Heiligen Land ist es ruhig, sagt auch der Rektor des Österreichischen Hospizes in Jerusalem, Markus Bugnyar. Trotz nachvollziehbarer Freude vieler Israelis und verständlichem Ärger und Enttäuschung auf palästinensischer Seite hält Bugnyar es weiterhin für möglich "dass beide Völker hier ihre Regierungen haben, die einen im Westen, die anderen im Osten. Und die Altstadt könnte beiden gehören." Für Juden und Muslime "war Jerusalem Hauptstadt und wird es bleiben. Und wir Christen feiern Weihnachten wie jedes Jahr".

"Christen zwischen allen Stühlen"

Die Rolle der christlichen Minderheit als Vermittler im Konflikt sieht Bugnyar dabei als schwierig an. "Wer glaubt, dass Christen hier eine Brücke sind zwischen Juden und Muslimen, irrt gewaltig." Die Christen selbst sähen sich als Teil des palästinensischen Volkes, würden von muslimischen Palästinensern aber "in erster Linie als Christen, nicht als Palästinenser" wahrgenommen. Umgekehrt sähen die Israelis die einheimischen Christen "zuerst als Araber und damit als ein potenzielles Sicherheitsrisiko". "Sie sitzen in Wahrheit zwischen allen Stühlen", so Bugnyar.

Für Propst Schmidt fühlen sich die einheimischen Christen zusätzlich verraten durch die Unterstützung, die die Israel-Politik des amerikanischen Präsidenten von evangelikalen Christen in den USA erhält. Für die Christen Jerusalems heiße es jetzt, "noch glaubwürdiger zu leben, was sie politisch fordern und vertreten", sagt Nikodemus

Schnabel: "Eine offene, internationalisierte Stadt, die keiner der drei großen monotheistischen Religionen allein gehört und die es nicht verdient hat, nationalistisch kleinkariert verengt zu werden." Die Mächtigen der Welt rief der Benediktiner auf, "sich selbstkritisch zu fragen, was der Stadt Jerusalem, dem Heiligen Land und der gesamten Region zum Frieden, zur Versöhnung und zur Gerechtigkeit dient".

Autor/in:
Andrea Krogmann
Quelle:
KNA