Prominente äußern sich zum Holocaust-Gedenktag

Ruf nach zeitgemäßer Schoah-Erinnerung

Am Holocaust-Gedenktag erinnern sich prominente Stimmen weltweit an das Morden der Nazis und an Einzelschicksale von Opfern mit sechs Millionen toten europäischen Juden. Die Erinnerungsaktionen finden analog und digital statt.

Holocaust-Gedenkstätte Berlin / © photosounds (shutterstock)
Holocaust-Gedenkstätte Berlin / © photosounds ( shutterstock )

Am Holocaust-Gedenktag wird weltweit an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen erinnert. An vielen Orten sind an diesem Dienstag Veranstaltungen geplant. Auch digital gibt es Kampagnen wie etwa #WeRemember des Jüdischen Weltkongresses. 

Im EU-Parlament wird unter anderem die Holocaust-Überlebende Tatiana Bucci sprechen, die als Kind nach Auschwitz deportiert wurde. Am Mittwoch findet dann die jährliche Gedenkstunde im Bundestag mit einer Rede der Zeitzeugin Tova Friedman aus den USA statt. Auch sie war als Kind in Auschwitz eingesperrt.

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, auch Holocaust-Gedenktag genannt, erinnert an die Befreiung überlebender Häftlinge des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im Januar 1945 durch die Rote Armee. In dem größten NS-Lager wurden schätzungsweise etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen ermordet. 

Seit 1996 gedenken die Menschen in Deutschland an diesem Tag der Millionen Opfer des Völkermords. Im November 2005 verabschiedete auch die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution, die den 27. Januar zum weltweiten Gedenktag erklärte.

Iris Berben erinnert an Margot Friedländer

Der Verein Zweitzeugen hat zum Holocaust-Gedenktag eine Social-Media-Kampagne gestartet, um die Erinnerungen von Überlebenden des Holocausts zu bewahren und sie als Orientierung für Gegenwart und Zukunft weiterzugeben. Die Initiative wird unter anderem von Schauspielerin Iris Berben und Sportjournalist Marcel Reif unterstützt, wie der Verein am Dienstag in Essen mitteilte. 

Iris Berben / © Andrea Raffin (shutterstock)

Bei der Aktion "Ich bin Zweitzeug/in von" übernehmen prominente Persönlichkeiten eine Patenschaft für die Lebensgeschichte eines Holocaust-Überlebenden und zeigen an dessen Stelle in Videobotschaften, wie gesellschaftliche Verantwortung aussehen kann.

"Zweitzeugenschaft" bedeute, die Erfahrungen der Zeitzeugen nicht als abgeschlossene Vergangenheit zu betrachten, sondern sie bewusst in das eigene Denken und Handeln zu integrieren, hieß es. Da immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen selbst berichten könnten, gewinne das Weitertragen ihrer Geschichten eine besondere gesellschaftliche Bedeutung. 

Holocaust-Überlebende Margot Friedländer / © Kay Nietfeld (dpa)
Holocaust-Überlebende Margot Friedländer / © Kay Nietfeld ( dpa )

Bei der Social-Media-Aktion erzählt Iris Berben die Geschichte der 2025 mit 103 Jahren gestorbenen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Sie war eine der bekanntesten Zeitzeuginnen Deutschlands. Über Jahrzehnte hinweg sprach sie öffentlich über ihre Erfahrungen und prägte maßgeblich die Erinnerungsarbeit. Berben war Friedländer über viele Jahre persönlich verbunden.

"Die Geschichten der Überlebenden des Holocausts sind mehr als Zeugnisse einer grauenvollen Vergangenheit – sie sind Leitlinien für unser Handeln heute", sagte Berben. Die Kampagne mache deutlich, dass Erinnerung nicht im Rückblick verharrt: "Wenn wir diese Geschichten weitertragen, übernehmen wir Verantwortung für unsere Gegenwart und für eine Gesellschaft, die auf Demokratie, Vielfalt und Menschlichkeit gründet."

Weitere Unterstützer der Kampagne sind der Wissenschaftsjournalist Mirco Drotschmann, die ehemalige Profi-Fußballerin Tugba Tekkal und die Moderatorin Clarissa Correa da Silva. Seit Dienstag werden die Beiträge auf den digitalen Kanälen von Zweitzeugen veröffentlicht.

Erinnerung als "Herzschlag"

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) bezeichnete indes Erinnerung als "Herzschlag unserer demokratischen Identität". Erinnerung sei mehr als der Blick in die Vergangenheit. "Wenn wir vergessen, wer wir waren und was Deutsche getan haben, verlieren wir den Kompass dafür, wer wir sein wollen." Gerade in einer Zeit, in der antisemitische Ressentiments offen zutage träten, dürfe Erinnerung weder verblassen noch zu einem bloßen Ritual erstarren. 

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer / © Christian Ditsch (epd)
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer / © Christian Ditsch ( epd )

Weimer sprach von einer Verantwortung der Politik und Kultur, neue Wege der Vermittlung zu gehen: "Die Bundesregierung und mein Haus werden deshalb nicht nachlassen, zu erinnern, zu gedenken, zu mahnen – und, das ist entscheidend, neue Formen des Erinnerns zu wagen." Die junge Generation habe eine besondere Bedeutung. 

"Es nützt nichts, in elitären Echokammern zu verharren. Wir müssen den Dialog dort führen, wo die Fragen gestellt werden." Wenn Desinformation und Hass auf digitalen Plattformen die Deutungshoheit gewännen, sei dies eine Gefahr für die Demokratie insgesamt.

"Europa muss ein sicherer Ort sein"

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rief unterdessen dazu auf, die Lehren aus der Schoah weiterzugeben. Es sei Aufgabe aller, dass das Gedenken akkurat, relevant und bedeutungsvoll bleibe. Von der Leyen rief dazu auf, ein Europa frei von Antisemitismus und jeglichen Formen des Hasses aufzubauen. 

Ursula von der Leyen / © Philipp von Ditfurth (dpa)
Ursula von der Leyen / © Philipp von Ditfurth ( dpa )

"Das jüdische Leben in Europa muss gedeihen können, nicht sich verstecken. Europa muss ein sicherer Ort für Juden und Menschen aller Glaubensrichtungen sein." Die EU-Kommission arbeite daran, etwa durch mehr Sicherheitsmaßnahmen sowie durch Förderung des jüdischen Lebens.

"Hass schleicht sich in unser Leben"

UN-Menschenrechts-Hochkommissar Volker Türk erklärte, die Geschichte des Holocaust biete eindrucksvolle Lehren. "Diese entsetzliche Grausamkeit entstand nicht in mittelalterlicher Finsternis, sondern im hellen Tageslicht einer vermeintlich modernen Gesellschaft", so Türk in Genf. 

UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk / © Salvatore Di Nolfi/KEYSTONE (dpa)
UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk / © Salvatore Di Nolfi/KEYSTONE ( dpa )

Der Völkermord an den Juden habe nicht mit Konzentrationslagern und Gaskammern begonnen, "sondern mit Apathie und Schweigen angesichts von Ungerechtigkeit und mit der zersetzenden Entmenschlichung des Anderen". Daran müssten sich die Menschen immer erinnern.

Türk erinnerte daran, dass Drohungen und Übergriffe gegen Juden in den vergangenen Jahren in beunruhigendem Maße zugenommen hätten. "Hass und Entmenschlichung schleichen sich in unser tägliches Leben ein, auch über unsere Social-Media-Feeds".

"inhaltliche Entkernung" der Erinnerungskultur

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, warnte derweil vor einer "inhaltlichen Entkernung" der Erinnerungskultur. Es sei höchste Zeit, dass aufrechte Demokraten aufstehen und Zivilcourage beweisen, schreibt er in einem Beitrag für das Portal "t-online". Das Internationale Auschwitz-Komitee sieht das Gedenken an den Völkermord der Nationalsozialisten von den aktuellen politischen Entwicklungen überschattet.

Deren Vizepräsident Christoph Heubner erklärte, die Überlebenden des Holocaust in aller Welt fragten sich, ob sich die Demokratien und ihre Bürgerinnen und Bürger der Gefahren hinreichend bewusst seien, die von hasserfüllter Rhetorik rechtsextremer und populistischer Politiker und Parteien ausgehe.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, spricht beim Festakt zur Wiedereröffnung der Carlebach Synagoge / © Christian Charisius/dpa/Pool (dpa)
Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, spricht beim Festakt zur Wiedereröffnung der Carlebach Synagoge / © Christian Charisius/dpa/Pool ( dpa )

Schuster schrieb in seinem am Montagabend veröffentlichten "t-online"-Gastbeitrag, schon jetzt seien die Kräfte beträchtlich, "die uns als jüdische Gemeinschaft aus dem öffentlichen Leben verdrängen und der Sichtbarkeit, welche die Überlebenden des NS-Terrors erstritten hatten, berauben wollen". "Diese Kräfte werden weiter erstarken, wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, die bedrohlichen Entwicklungen zu stoppen", warnte er. 

Zum Schutz der Demokratie vor autokratischen Versuchungen sei der persönliche Einsatz jedes Einzelnen entscheidend. "Diesen Einsatz schulden wir den Überlebenden des NS-Terrors", schrieb Schuster. 

Prosor sieht "letzte Verteidigungslinie"

Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, wies in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Dienstag) auf jüngste Terrorakte hin: "Von Jom Kippur in Manchester bis Chanukka in Sydney wurden Juden an ihren Feiertagen erschossen, weil sie Juden sind. Allein in den vergangenen Wochen wurden Synagogen von Mississippi bis Gießen in Brand gesteckt." 

Ron Prosor, Botschafter Israels in Deutschland, spricht in einem dpa-Interview am 07.10.2023 in Berlin zur aktuellen Lage in Israel in der Israelischen Botschaft in Berlin / © Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (dpa)
Ron Prosor, Botschafter Israels in Deutschland, spricht in einem dpa-Interview am 07.10.2023 in Berlin zur aktuellen Lage in Israel in der Israelischen Botschaft in Berlin / © Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ ( dpa )

2026 sei nicht 1933. "Wir haben einen eigenen Staat, und auch Deutschlands Regierung tritt für jüdisches Leben ein. Doch Polizisten vor jüdischen Kindergärten und der israelischen Botschaft sind bereits die letzte Verteidigungslinie", warnte Prosor. Die traditionelle Gedenkstunde im Bundestag für die Opfer des Nationalsozialismus ist für Mittwoch geplant. Gastrednerin ist die 1938 in Gdingen bei Danzig geborene US-Amerikanerin Tova Friedman. Sie überlebte das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

"Ich möchte diese Sätze nicht mehr hören"

Nach Ansicht des jüdischen Publizisten Michel Friedman ist die "Lebensqualität jüdischer Menschen in Deutschland so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr". Im rbb24-inforadio sagte er am Dienstagmorgen anlässlich des Holocaust-Gedenktags weiter, im Alltag werde vor allem die Sicherheit zu einem immer größeren Problem.

Michel Friedman bei einer Demonstration für Pressefreiheit in Mainz / ©  Kristina Schaefer (epd)
Michel Friedman bei einer Demonstration für Pressefreiheit in Mainz / © Kristina Schaefer ( epd )

"Wenn ich mir diese Gedenktage vor Augen halte mit Sätzen wie 'Wehret den Anfängen' und 'Nie wieder', dann kann ich nur sagen, ich möchte diese Sätze nicht mehr hören." Man sei längst mittendrin, so Friedman weiter: "Der Judenhass explodiert" und auch die Gewalttaten gegen Juden nähmen zu.

Antisemitismus sei heute alltäglich, kritisierte der Publizist weiter. Und das bedeute, dass die politisch Verantwortlichen ihr Versprechen nicht erfüllt hätten, nach dem jüdisches Leben in Deutschland sicher sei.

Zu viele Sonntagsreden

Es gebe zu viele Sonntagsreden – nicht nur an Gedenktagen, aber die Umsetzung im Alltag lasse zu wünschen übrig: Auf dem Weg zu einer "Gesellschaft, in der die Würde des Menschen, auch des jüdischen Menschen, unantastbar ist, da ist noch viel zu tun".

Friedman rief alle Menschen dazu auf, im Alltag, im Verein, in der Schule, bei der Arbeit den Mund aufzumachen, wenn es judenfeindliche Sprüche gebe. Außerdem müsse die Politik deutlicher machen, dass Judenhass kein Kavaliersdelikt sei: "Hass ist übrigens auch keine Meinung, sondern Gewalt. Das heißt, Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte müssen viel deutlicher und viel öfter urteilen."

Natürlich dürfe man zum Beispiel der israelischen Regierung im Gazakrieg kritisieren, ohne damit gleich antisemitisch zu sein, ergänzte er. Aber "wieso überträgt sich etwas, was eine israelische Regierung macht, als Hass auf jüdische Menschen in Berlin oder in Frankfurt?"

Fußballclubs erinnern

In Berlin versammeln sich am Mahnmal "Gleis 17" am Bahnhof Grunewald unter anderem Vertreter der Fußballclubs Hertha BSC und 1. FC Union, um Kränze niederzulegen. An der Dresdner Kreuzkirche werden die Namen jüdischer Opfer verlesen.

Auschwitz und der Holocaust-Gedenktag

Jeweils am 27. Januar wird weltweit der Opfer des Holocaust gedacht. Das Datum erinnert an die Befreiung der überlebenden Häftlinge des größten NS-Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. Seit 1996 gedenken die Deutschen an diesem Tag der Millionen Opfer des Völkermords. Im November 2005 verabschiedete auch die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution, die den 27. Januar zum weltweiten Gedenktag macht.

Zaun in Auschwitz-Birkenau / © Markus Nowak (KNA)
Zaun in Auschwitz-Birkenau / © Markus Nowak ( KNA )
Quelle:
epd , KNA