Pfadfinderstamm “Malteser” feiert 90-jähriges Bestehen

"Wir vermitteln die klassischen Soft Skills"

Einer der ältesten Pfadfinderstämme, der Pfadfinderstamm "Malteser" der Neusser Dreikönigengemeinde, feiert seinen 90. Geburtstag. Wie dieser Methusalem der Jugendarbeit durch NS-Zeit und Corona gekommen ist.

Pfadfinder, Jungen und Mädchen, bauen auf einer Wiese Zelte auf für ein Zeltlager am Mont-Blanc am 3. August 2018 in Saint-Nicolas de Veroce, Frankreich, auf. / © Nicolas Lascourreges/CIRIC (KNA)
Pfadfinder, Jungen und Mädchen, bauen auf einer Wiese Zelte auf für ein Zeltlager am Mont-Blanc am 3. August 2018 in Saint-Nicolas de Veroce, Frankreich, auf. / © Nicolas Lascourreges/CIRIC ( KNA )

DOMRADIO.DE: Warum heißt der Pfadfinderstamm denn "Malteser"?

Natalie Degelmann (Kuratin im DPSG-Pfadfinderstamm Neuss "Malteser"): Gerade in der Anfangszeit der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) in Deutschland, die 1929 in Altenberg gegründet wurde, haben sich viele Pfadfinderstämme nach Ritterorden benannt. Es gibt in Deutschland zum Beispiel auch Stämme, die "Johanniter" oder "Kreuzritter" heißen. Einer unserer Nachbarstämme in Kaarst hieß zum Beispiel "Johanniter".

Mit dem Wissen ist es nicht verwunderlich, dass wir "Malteser" heißen. Auch wenn das immer wieder zu Irritationen führt, weil es den Malteser Hilfsdienst gibt, der aber erst Anfang der 50er Jahre in Deutschland entstanden ist. Deswegen werden wir öfters gefragt, was wir mit dem Malteser Hilfsdienst zu tun hätten.

DOMRADIO.DE: 1932 wurde ihr Pfadfinderstamm gegründet. Wie ist der Stamm durch die Nazizeit gekommen?

Degelmann: Das lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren. Viele Pfadfinder haben privat immer noch Kontakt gehalten, aber die eigentliche Pfadfinderarbeit kam zum Erliegen. Viele der jungen Leute sind zur Hitlerjugend gegangen. Die Motive dort waren ähnlich und es wurde auch mit Fahrten gelockt. Außerdem war es schwierig nicht in die Hitlerjugend einzutreten, erzählen uns die alten Stammesmitglieder, die diese Zeit überlebt haben.

Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG)

Die DPSG wurde 1929 gegründet und ist mit rund 95.000 Mitgliedern der größte katholische Pfadfinderverband und gleichzeitig einer der größten Kinder- und Jugendverbände in Deutschland. In der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg sind rund 25.000 Wölflinge (7- bis 10-Jährige), 21.500 Jungpfadfinderinnen und Jungpfadfinder (10- bis 13-Jährige), 14.000 Pfadfinderinnen und Pfadfinder (13- bis 16-Jährige) sowie 14.500 Roverinnen und Rover (16- bis 20-Jährige) aktiv. Geleitet und begleitet werden sie von rund 20.000 Leiterinnen und Leitern (ab 18 Jahren).

Symbolbild Pfadfinder (Archiv) / © Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani (KNA)

DOMRADIO.DE: Wie kam es dann zur Widerbelebung in der Nachkriegszeit?

Degelmann: Das hat nur funktioniert, weil eben untereinander Kontakt gehalten wurde und man über die Kirche miteinander verbunden war. Wenn man sich heute die alten Fotos von den Fahrten anguckt, die direkt nach dem Krieg stattgefunden haben, wirkt das sehr abenteuerlich. Die Kinder und Jugendlichen wurden in einen LKW mit offener Ladefläche gesteckt und wurden so zu den Lagerplätzen gebracht.

Wir haben auch noch Briefe von damals. Darin wurde um Lebensmittelscheine gebeten, damit die Verpflegung auf dem Lager gesichert werden konnte. Die Bilder von den damaligen Lagerplätzen sehen aus wie heute: die gleichen Zelte, die gleichen Lagerbauten … Bei den Pfadfindern hat viel Bestand gehabt und hat immer noch Bestand. Traditionen werden weitergeführt.

DOMRADIO.DE: Was verbindet die Kinder und Jugendlichen denn bei den Pfadindern?

Degelmann: Pfadfinder sind neben allen anderen Freizeitmöglichkeiten, die Kinder und Jugendliche heute haben, immer noch etwas Besonderes. Unsere Pädagogik ist anders als das, was Kinder und Jugendliche heute in Sport- oder anderen Vereinen und Verbänden erleben können.

Bei uns geht es nicht um Wettbewerb oder darum sich zu beweisen, sondern es geht darum sich in einer Gruppe zurechtzufinden. Dazu gehört auch die eigenen Stärken und Schwächen und die der anderen kennenzulernen. Das ist etwas Besonderes, was man für sein Leben lernt. Wir vermitteln die klassischen Soft Skills.

DOMRADIO.DE: Eine neuere Hürde war die Corona-Zeit. Wie sind sie damit umgegangen?

Degelmann: Wir hatten auch mit den Auflagen zu kämpfen: Was geht? Was geht nicht? Eine ganze Zeit lang konnten wir keine Gruppenstunden halten, weil wir uns nicht in Präsenz treffen konnten. Uns war immer wichtig, den Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen zu halten. Wir wollten wissen, wie es ihnen in dieser besonderen Situation geht. Was sind ihre Sorgen und Nöte? Das haben wir geschafft, indem wir Onlinegruppenstunden gemacht haben. Das hat selbst mit den ganz Kleinen gut geklappt.

Außerdem haben wir jede Chance genutzt, uns unter bestimmten Bedingungen zu treffen. Bei Wind und Wetter haben wir uns draußen getroffen, mit Abstand und mit Maske, aber wir blieben verbunden. Mitgliederverlust hatten wir natürlich auch. Aber wir merken jetzt, wo alles wieder weitergeht, dass das Pendel wieder ins Positive zurückschwingt.

DOMRADIO.DE: Sie feiern den 90. Geburtstag ihres Pfadfinder-Stammes im Pfarrzentrum Heilige Drei Könige in Neuss. Was wird das Highlight für Sie sein?

Degelmann: Mein Highlight wird der Gottesdienst sein. Wir haben gemeinsam mit einem ehemaligen Pfadfinder, der Pfarrer in Neuss ist, diesen Gottesdienst vorbereitet. Die Musik macht Gregor Linßen, einer meiner Lieblingsmusiker.

In diesem Jubiläumsgottesdienst werden wir auch die Pfadfinderversprechen erneuern. Das wird ein besonderes Highlight auch für die Pfadfinder sein, die ihr Versprechen erstmalig ablegen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Quelle:
DR