Papst Leo XIV. hat die Europäische Union als wichtige politische, kulturelle und religiöse Wertegemeinschaft gewürdigt. "Das europäische Projekt, das aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs entstand, wurde zweifellos aus der praktischen Notwendigkeit geboren, einen solchen Konflikt künftig zu verhindern", sagte er am Samstag im Vatikan.
Europa sei von der Vision einer Zusammenarbeit getragen, "die jahrhundertelange Spaltungen überwindet und es den Völkern des Kontinents ermöglicht, ihr gemeinsames menschliches, kulturelles und religiöses Erbe wiederzuentdecken", so der Papst vor rund 120 Abgeordneten der Europäischen Volkspartei (EVP) im EU-Parlament, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen begeht.
Mitbestimmung bestes Mittel gegen Populismus
Er rief die Abgeordneten dazu auf, sich aktiv um die Nöte der Menschen zu kümmern und ihren Kontakt zu suchen. "Unter den Menschen präsent zu sein und sie in den politischen Prozess einzubeziehen, ist das beste Gegenmittel gegen Populismus, der nur nach leichter Zustimmung strebt, und gegen Elitismus, der dazu neigt, ohne Konsens zu handeln", betonte der Papst.
"Wie Benedikt XVI. vor 20 Jahren, so schätze auch ich die Anerkennung des christlichen Erbes Europas durch Ihre Fraktion", so der Papst an die Parlamentarier. Die EVP beziehe ihre politische Inspiration von Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Robert Schuman. Diese "Gründerväter Europas" hätten christliche Prinzipien als ein gemeinsames und einigendes Element betrachtet, um den Geist der Rache und des Konflikts, der zum Zweiten Weltkrieg geführt hatte, zu überwinden, sagte Leo XIV.
Deutsche EVP-Poltiker beeindruckt vom Papst
An der Audienz nahmen auch die EU-Sondergesandte für die Förderung der Religions- und Weltanschauungsfreiheit außerhalb der Europäischen Union, Mairead McGuinness, sowie der frühere Präsident des EU-Parlaments, Hans-Gert Pöttering, und EVP-Fraktionschef Manfred Weber teil.
Pöttering war zuvor bereits in Privataudienz von Leo XIV. empfangen worden. Er sei "beeindruckt von der Persönlichkeit des Papstes und seinen inhaltlichen Positionen", insbesondere über das Engagement von Leo XIV. für die europäische Einigung, sagte er anschließend der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Spannungen zwischen EU und USA
Die europäische Einigung als "Projekt des Friedens und der Freiheit" sei in der Vergangenheit stets von den US-Regierungen unterstützt worden, so der CDU-Politiker. Die "törichte Ansicht" von US-Präsident Donald Trump, die EU sei als ein Konkurrent zu den USA geschaffen worden, offenbare "historische und politische Unkenntnis". Gleichwohl sollten die Europäer weiter um gute partnerschaftliche Beziehungen mit den USA bemüht bleiben.
EVP-Fraktionschef Manfred Weber sagte nach der Audienz, als "Symbol des Friedens und als moralische Autorität" erinnere der Papst an den Kern der politischen Ordnung: "Europa ist mehr als ein politisches Projekt - es ist eine Wertegemeinschaft, die aus ihrem christlichen Erbe Kraft schöpft", sagte er der KNA. Christliche Identität entstehe nicht in der Polarisierung, sondern im Zusammenhalt. "Wir müssen das Gemeinwohl einer zunehmenden Ellenbogenmentalität entgegenstellen. Wir brauchen mehr Papst Leo und weniger Trump", so der CSU-Politiker.