DOMRADIO.DE: Am 26. April 1986 ereignete sich in Tschernobyl der größte Atomunfall der Geschichte, infolgedessen mehrere tausend Menschen starben und ganze Regionen radioaktiv verseucht wurden. Wie erinnern sich die Menschen am 40. Jahrestag in ihrem Bistum daran?
Bischof Maksym Ryabukha SDB (Apostolischer Exarch von Donezk): Tatsächlich reagiert unsere Region besonders sensibel auf diese Jahrestage, denn insbesondere in der Nähe der Stadt Saporischschja befindet sich das größte Kernkraftwerk Europas. Und wir alle wissen, dass das, was vor 40 Jahren in Tschernobyl geschah, auch heute noch eine reale Gefahr ist.
Die Tragödie in Tschernobyl hat die Geschichte unseres Landes und unseren Alltag grundlegend verändert. Millionen Menschen verloren ihre Heimat, Hunderttausende starben an den Folgen der radioaktiven Verseuchung.
Andererseits war dieses Ereignis auch eine Erfahrung von großer Menschlichkeit: Tausende so genannter Liquidatoren waren damals im Einsatz, um die Katastrophe einzudämmen und den Menschen zu helfen. Sie taten das nicht aus Heldentum, sondern sie handelten aus Menschlichkeit und viele haben das mit ihrem Tod bezahlt.
Zugleich erinnert uns der Tag an die Unmenschlichkeit des totalitären Systems, denn die sowjetischen Behörden hielten den Unfall damals zunächst geheim und nahmen damit in Kauf, dass die Menschen sich der Strahlung ungeschützt aussetzten. Menschenleben bedeuteten ihnen nichts.
DOMRADIO.DE: Sie waren damals sechs Jahre alt: Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an den Tag und an die Zeit nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl?
Ryabukha: Ich habe damals mit meiner Familie in Lemberg in der Westukraine gelebt, wo ich aufgewachsen bin. Das ist eine Region, wo es sehr viel regnet. Eigentlich regnet es dort immer. Auch am 24. April 1986 hat es geregnet und ich erinnere mich, dass wir Kinder draußen auf der Straße gespielt haben und die Pfützen seltsame gelbe Ränder hatten.
Das hat uns damals sehr gewundert, aber niemand wusste Bescheid. Meine Eltern und alle Menschen waren sehr verunsichert und es herrschte Ratlosigkeit. Wir ahnten, dass etwas Schlimmes passiert war, aber die Behörden sprachen erst viele Tage später offiziell davon. Heute wissen wir, dass das nur geschah, weil westliche Medien darüber berichteten und das Thema nicht mehr totgeschwiegen werden konnte.
DOMRADIO.DE: Werden Sie am Jahrestag einen Gottesdienst feiern?
Ryabukha: Wir haben eine lange bestehende Tradition, jedes Jahr an diesem Tag für alle Opfer der Katastrophe von Tschernobyl zu beten. Aber auch für die Überlebenden, die Familien und Kinder, die damals in der Nähe lebten und bis heute unter schwersten gesundheitlichen Problemen leiden.
Bei uns ist es Brauch, dass wir jedes Jahr um 20 Uhr in jedem Haus eine Gedenkkerze ins Fenster stellen, als Erinnerung an jene Menschen, die damals durch ihr eigenes Opfer unser Leben gerettet haben.
DOMRADIO.DE: Sie sprachen bereits eingangs über Saporischschja, das zu Ihrem Exarchat gehört und wo Europas größtes Kernkraftwerk steht. Es wird von russischen Streitkräften kontrolliert, die Anlage wurde schon mehrfach beschossen, immer wieder kommt es zu gefährlichen Zwischenfällen. Wie groß ist die Angst der Menschen dort vor einer erneuten Atomkatastrophe?
Ryabukha: Ich war am vergangenen Wochenende in Nikopol, das liegt am gegenüberliegenden Ufer des Dnipro vom Donbass, wo sich das Atomkraftwerk befindet. Und auf dem Weg dorthin habe ich dieses Atomkraftwerk aus dem Fenster gesehen. Es war so nah. Und das Gefühl, wie nah die Gefahr ist, war sehr stark.
Ende 2023, als Putin lautstark mit der Sprengung von Reaktoren drohte, war uns allen klar, dass Saporischschja gemeint war. Viele Menschen gerieten damals in Panik und begannen, in den Apotheken Medikamente für den Fall einer radioaktiven Kontamination aufzukaufen. Denn wir alle wissen: Wenn das passiert, dann wäre in Saporischschja und Umgebung - und die Stadt hat fast eine Million Einwohner - kein Stein auf dem anderen.
Viele waren damals der Meinung, dass kein normaler Mensch im 21. Jahrhundert ein AKW sprengen würde. Zudem gibt es in der Region viele russische Militärs und russische Zivilbevölkerung, die dorthin geschickt wurde. Würde Moskau sie einer solchen Gefahr aussetzen? Aber es hätte auch kein normaler Mensch einen solchen Krieg angefangen. Und als russische Truppen nach Kiew, Irpin und Butscha vorrückten, zogen sie auch bis in die radioaktiv verseuchten Sperrzonen von Tschernobyl. Wir können also nicht auf vernünftige Entscheidungen aus Moskau hoffen.
Zum Glück gibt es auf der Welt auch zivilisierte Menschen und die Katastrophe von Tschernobyl hat der ganzen Welt gezeigt, dass das nicht das Problem eines einzelnen Landes ist, sondern die Folgen einen ganzen Kontinent betreffen würden.
Die Menschen in der Region haben nach so vielen Jahren Krieg keine Kraft mehr zur Panik. Wir begeben uns in Gottes Hände und hoffen, dass unter der Führung zivilisierter Staaten etwas bewirkt werden kann. Wir leben in dem Bewusstsein, dass alles in Gottes Händen und in den Händen der Menschen liegt.
DOMRADIO.DE: Teile der Region werden von Russland kontrolliert. Wie erleben die Menschen in Ihrer Exarchie den Krieg? Wie sieht der Alltag der Menschen dort aus?
Ryabukha: Sie warten darauf, dass dieser Wahnsinn ein Ende findet, und sie sehnen sich nach Frieden. Manchmal haben wir die Möglichkeit, mit den Menschen in den besetzten Gebieten zu sprechen. Es ist riskant für sie, frei zu sprechen. Wer den Mut hat, die Lage offen anzusprechen, läuft Gefahr, verhaftet zu werden. Kürzlich erst wurde eine 69-jährige Frau zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt, weil sie sich kritisch geäußert hatte.
Darum fragen wir die Menschen in den besetzten Gebieten auch nicht: "Wie geht es dir?" Oder: "Welche Probleme hast du?", sondern ich sage ihnen immer, dass ich für sie bete. Nicht nur ich, sondern alle unsere Priester, unser gesamter Klerus und auch die Zivilbevölkerung, die jenseits des besetzten Gebiets lebt. Und sie antworten mir immer: "Vielen Dank für das Gebet. Wir spüren es und warten sehnsüchtig auf den Moment, in dem Ihr in unsere Kirchen zurückkehrt."
DOMRADIO.DE: Sie sind Partner des katholischen Osteuropa-Hilfswerkes Renovabis. Wie wichtig ist die Hilfe aus Deutschland?
Ryabukha: Wir sind sehr dankbar für die Solidarität und die Hilfe, die von Renovabis kommt, vom Erzbistum Köln und von so vielen Menschen in Deutschland. Diese Unterstützung ist für uns sehr wichtig, das haben wir vor allem im letzten Winter gespürt, der sehr hart war, mit Temperaturen von bis zu minus 25 Grad. Parallel dazu war die Stromversorgung oft bis zu 18 Stunden am Tag abgeschnitten, so dass die Menschen nicht heizen konnten, und es gab kein Wasser.
Wir haben dann "Wärmestuben" eingerichtet, wo man sich nicht nur aufwärmen konnte und ein warmes Essen bekommen hat, sondern auch ein seelsorgliches Angebot. Für die Kinder haben wir Gruppen organisiert, damit sie etwas Freude in ihrem Alltag haben. Allen, die uns dabei unterstützt haben und mit uns diesen schweren Weg gehen, sind wir sehr dankbar.