DOMRADIO.DE: Der schwarzhumorige Thriller "One Battle After Another" ist der große Sieger der Oscar-Nacht. Hat der Film zu Recht gewonnen und war das auch Ihr Favorit?
Martin Ostermann (Lehrbeauftragter an der Katholischen Universität Eichstätt und Geschäftsführer des Katholischen Filmwerks): "Blood & Sinners" hatte zwar mehr Nominierungen, aber in den Kreisen, die darauf wetten, wer gewinnt, war "One Battle After Another" der haushohe Favorit. Er hatte schon vor den Oscars jede Menge Preise eingeheimst, zum Beispiel bei den Golden Globes. Deswegen war "One Battle After Another" auch mein Favorit.
Nicht nur, weil der Mainstream es förderte, sondern weil es in meinen Augen ein hervorragender Film ist. Regisseur Paul Thomas Anderson hat mehrfach bewiesen, dass er Filme sowohl politisch als auch unterhaltsam und künstlerisch umsetzen kann. Diese Kombination ist auch Hollywood nicht unbedingt gewohnt.
DOMRADIO.DE: Wie beschreiben Sie jemandem, der den Film noch nicht gesehen hat, was daran so großartig ist?
Ostermann: Das Schöne an dem Film ist, dass er historisch auf linksradikale, revolutionäre Bewegungen innerhalb der USA zurückgreift und versucht, diese Strömungen aufzugreifen, die bis in die Gegenwart reichen. Ein Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung um die Ausländer- beziehungsweise Asylpolitik der USA.
Gleichzeitig verbindet der Film diese Thematik mit einer sehr humorvollen und durchaus familientauglichen Geschichte. Es gibt einen Rückgriff auf historische Themen, die bis in die Gegenwart reichen, und gleichzeitig viele aktuelle Bezüge. Es deutet den Alltagszustand der USA an, in dem sich ein gewisses Gefühl der Bedrohung und Angst ausbreitet, und dass diese Bedrohung nicht unbedingt für alle Menschen gleichermaßen da ist.
DOMRADIO.DE: Kann denn der Film "Blood & Sinners" in der gesellschaftlichen Dimension mithalten?
Ostermann: "Blood & Sinners" beinhaltet auch viele aktuelle Themen, obwohl auch er in der Vergangenheit verortet ist. Er hat die Bluesmusik als zentrales Thema sowie den Rassismus, der leider ein Evergreen-Thema in den USA ist.
Die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Hautfarben und auch die Behandlung der Menschen aufgrund von Hautfarbe und Herkunft bestimmen die USA seit ihren Gründungstagen und haben heute wieder ganz neu an Aktualität gewonnen. Das kommentiert "Blood & Sinners" durchaus.
Die schwarzen Darsteller sind dem Blues verpflichtet, während die weißen Darsteller blutsaugende Vampire sind und dem Country verpflichtet sind. Der Film bedient bestimmte kulturelle Schienen, die jeder kennt, der mit der Alterskultur zu tun hat.
DOMRADIO.DE: Es sind demnach beides politische Filme. Weisen sie auch eine spirituelle Dimension oder eine christliche Botschaft auf?
Ostermann: Das ist schwer zu sagen, weil es explizit keine Religion in den Filmen gibt. Bei "Blood & Sinners" gibt es eine Art Geisterbeschwörung, die in die Richtung Voodoo geht. Die Geister der Verstorbenen, meist sind das Opfer des Rassismus, spielen durchaus eine Rolle. Das gibt dem Film einen spirituellen Anklang.
"One Battle After Another" hat, wenn überhaupt, nur eine protestantische Religiosität. Teilweise wird sich auf christliche Werte bezogen, die aber durch das Handeln eigentlich ständig verletzt werden. Das heißt, explizite Religionsbezüge hat keiner der Filme.
Das Interview führte Heike Sicconi.