Viele Bischöfe tun sich schwer mit Joe Biden

Obwohl er Katholik ist

Joe Biden und die katholischen Bischöfe der USA steuern auf ein spannungsreiches Verhältnis zu. Obwohl der 46. Präsident der Vereinigten Staaten ein praktizierender Katholik ist, tun sich viele Kirchenführer schwer mit ihm und seiner Partei.

Autor/in:
Thomas Spang
Joe Biden und seine Frau Jill in einem Gottesdienst / © Evan Vucci (dpa)
Joe Biden und seine Frau Jill in einem Gottesdienst / © Evan Vucci ( dpa )

Die katholischen Bischöfe sind so alarmiert, dass sie auf ihrer Herbsttagung eigens eine Arbeitsgruppe gegründet haben. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz (USCCB), Erzbischof Jose Gomez sagte "schwierige und komplexe" Zeiten mit dem Mann im Weißen Haus voraus. Dessen Politik sei "eine ernsthafte Bedrohung des Gemeinwohls". Der Präsident trage mit seiner Haltung "zur Konfusion darüber bei, was die Kirche den Gläubigen lehrt".

Und nein, der Erzbischof sprach nicht über Donald Trump, der Flüchtlingskinder an der Südgrenze zu Mexiko aus den Armen ihrer Kinder riss und in Käfige sperrte. Der es erlaubte, dass sich Covid-19 ungebremst in den USA ausbreitete und heute jeden Tag mehr Menschen tötet als Terroristen Amerikaner am 11. September. Der schließlich seine Anhänger mit einer Lüge über einen angeblichen Wahlbetrug aufhetzte, die zuletzt in einem gescheiterten Coup im Kongress mündete. Nein, Gomez sprach über den zweiten Katholiken, der nach John F. Kennedy am 20. Januar als neuer US-Präsident vereidigt wird: Joe Biden.

Katholische Wähler bevorzugten knapp Biden

Der Direktor des Zentrums für Religion und Kultur an der katholischen "Fordham University", David Gibson, spricht von einem "schlechten Signal" der Bischöfe, das "die Bemühungen unterminiert, die katholische Soziallehre zu fördern und die katholische Kirche als treibende Kraft für das Gemeinwohl zu positionieren". Stattdessen habe die Kirchenführung entschieden, "genau so zu polarisieren wie viele andere prominente Kirchen".

Gibson meint evangelikale Freikirchen und Gemeinschaften, die zu den treuesten Unterstützern Donald Trumps zählen. Während die Katholiken laut Nachwahluntersuchungen mit 52 zu 48 Prozent Biden den Vorzug über Trump gaben, hielten die meisten Evangelikalen dem wenig frommen Amtsinhaber die Stange.

Die Leiterin der Abteilung für Religionsstudien an der University of Pennsylvania, Anthea Butler, beobachtet, dass sich die Mitglieder der US-Bischofskonferenz zuletzt "mehr wie Evangelikale verhalten als wie Katholiken". Sie bezieht sich dabei auf den moralischen Dualismus, der aus der Haltung Bidens zur straffreien Abtreibung ein Ausschlusskriterium macht.

Widerspruch zur Lehre der Kirche

Tatsächlich lehnt Biden persönlich Schwangerschaftsabbrüche ab, möchte aber Frauen die Entscheidung dazu überlassen. Diese Haltung steht im Widerspruch zur Lehre der Kirche, wird aber auch in den USA von einer Mehrheit der Katholiken geteilt. Und ist laut Wählerleitfaden "Faithful Citizenship" kein Ausschlusskriterium. Letzte Instanz ist nach der Lehre der Kirche immer das eigene Gewissen. Weshalb Kleriker vom Vatikan angewiesen sind, sich politisch zurückzuhalten.

In den USA verpufft diese Forderung an oberster Stelle. Der USCCB-Vorsitzende Gomez hält Biden vor, eine Politik zu unterstützen, "die fundamentale Werte angreift, die uns am Herzen liegen". Kurioserweise setzen die US-Bischöfe damit einmal mehr ganz andere Schwerpunkte als Papst Franziskus, der einer der ersten war, die Biden zu seinem Wahlsieg gratulierten, und der in aller Deutlichkeit den Coup-Versuch von Trump-Anhängern am 6. Januar verurteilte.

Der einflussreiche Chefredakteur des Jesuiten-Magazins "America" legt nach dem Aufstand im Kongress dann auch den Finger in die Wunde. "Eine alarmierende Zahl an katholischen Klerikern hat zu einem Umfeld beigetragen, das zu den tödlichen Unruhen auf dem Kapitolhügel geführt hat," schreibt James Martin. "Ironischerweise haben Priester und Bischöfe, die sich als lebensbejahend sehen, geholfen, ein hasserfülltes Klima zu schaffen, dass zu Chaos, Gewalt und ultimativ Tod geführt hat."

Katholische Geistliche im Wahlkampf gegen Biden

Martin führt eine akribisch geführte Liste an Predigten, Äußerungen und Beiträgen von katholischen Kirchenführern auf, die den Ausgang der Wahlen als Entscheidung zwischen "Gut" und "Böse" darstellen. Für Aufsehen sorgte das Video des Pfarrers der St. James-Gemeinde in La Crosse/Wisconsin, James Altman, das allein auf YouTube mehr als 1,2 Millionen Mal aufgerufen worden ist.

Altmanns simplifizierende Botschaft an die Gläubigen: "Sie können nicht katholisch und ein Demokrat sein." Der Grund? "Das Parteiprogramm ist gegen alles, was die katholische Kirche lehrt", behauptet der Eiferer, der seine Botschaft mit Beethovens 7. Symphonie unterlegt. "Sagt Euch von der Unterstützung dieser Partei und seinem Programm los oder schmort im Höllenfeuer."

Dieser Ton ist keinesfalls ein Einzelfall, wie Martin dokumentiert und in der Realität der sozialen Medien leicht zu überprüfen ist. Es ist der Tenor, den auch konservative Bischöfe anschlagen. Etwa der Bischof von Tyler im US-Bundesstaat Texas, Joseph Strickland, der seine Twitter-Anhänger auffordert, auf Pfarrer Altman zu hören.

Vor den Wahlen hatte sich kein Geringerer als der Franziskus-kritische ehemalige Nuntius in Washington, Erzbischof Carlo Maria Vigano, in diesem Sinne eingebracht. Biden sei "eine von den Eliten manipulierte Puppe, die von machtgierigen Leuten gebraucht wird, diese um jeden Preis zu erweitern". Vigano stempelte den Demokraten als jemanden ab, der ein satanisches Zeitalter einleite, das durch "Ökumenismus, absolutistischen Umweltschutz, Pan-Sexualismus und Einwanderung um jeden Preis" geprägt sei.

Zuletzt ließ der Bischof von Knoxville im US-Bundesstaat Tennessee wissen, Biden habe sich mit seiner Haltung in der Abtreibungsfrage des "ultimativen Kindesmissbrauch" für schuldig gemacht. Trotz massiver Kritik sah Richard Stitka auch nach dem Aufstand im Kongress keinen Anlass zur Entschuldigung. Abtreibung sei "das herausragende Thema der heutigen Zeit". Der Jesuit Martin erkennt in Äußerungen wie diesen den Grund für die moralische Verwirrung der Trump-Anhänger. "Das persönliche Verteufeln durch Kleriker trägt unvermeidbar zum Fehlen an Respekt bei den Gläubigen bei."

Biden nimmt es gelassen

Biden wiederum, Nachfahre irischer Einwanderer und im katholischen Milieu aufgewachsen, nimmt es gelassen, wenn er als Vertreter einer "Partei des Todes" verunglimpft wird. Er versteht sich als Tröster der Seele der Nation, die in den vergangenen Jahren schwer verletzt worden ist.

Dass einige Bischöfe den Glauben des zweiten Katholiken im Weißen Haus infrage stellen, kommt Analysten wie dem Theologen der katholischen Villanova University, Massimo Faggioli, absurd vor. Aber er ist sich sicher, dass Biden "ein Katholik ist, der sich im öffentlichen Raum von den Bischöfen nicht belehren lässt, wie ein Katholik handeln muss. Das wird eine total neue Erfahrung sein."


Joe Biden / © Carolyn Kaster (dpa)
Joe Biden / © Carolyn Kaster ( dpa )

Jose Horacio Gomez Velasco, Erzbischof von Los Angeles / © Bob Roller/CNS photo (KNA)
Jose Horacio Gomez Velasco, Erzbischof von Los Angeles / © Bob Roller/CNS photo ( KNA )
Quelle:
KNA
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