In Oberammergau starten die Passionsspiele

Lebensgeschichte Jesu zeigen

Auch die Oberammergauer blieben von Corona nicht verschont. Zwei Jahre mussten sie warten auf ihre 42. Passionsspiele. An diesem Samstag ist endlich Premiere. Mit einem Jesus, der den Menschen auch heute viel zu sagen hat.

"Jesu Kreuzigung und Tod" bei der kostümierten Fotoprobe für die Passionsspiele des Passionstheaters Oberammergau / © Dieter Mayr (KNA)
"Jesu Kreuzigung und Tod" bei der kostümierten Fotoprobe für die Passionsspiele des Passionstheaters Oberammergau / © Dieter Mayr ( KNA )

Der Wetterbericht für die Premiere der 42. Oberammergauer Passionsspiele am Samstag beruhigt schon mal. Bis zu 19 Grad Celsius sind für den oberbayerischen Gebirgsort angekündigt. Wolkig und vereinzelt Regenschauer heißt es zwar, aber im Vergleich zu 2010 sind das Spitzenaussichten. Damals hüllten sich die Zuschauer im Theater mit der Freilichtbühne immer tiefer in ihre warmen Mäntel und Jacken, während auf der Bühne die "Schwüle" in Jerusalem beklagt wurde. 

Zwei Jahre Verspätung

Mit einer coronabedingten Verspätung von zwei Jahren können die Oberammergauer endlich ihr aus dem Pest-Jahr 1633 stammendes Gelübde erfüllen und erneut vom Leiden und Sterben Jesu erzählen. Zum vierten Mal führt Christian Stückl Regie. Wieder wird Jesus in Jerusalem einziehen, die Händler aus dem Tempel verjagen, das Letzte Abendmahl mit seinen Jüngern feiern, verurteilt, gekreuzigt und begraben werden; aber am Ende ist das Grab leer. Vor allem die Lebensgeschichte Jesu wolle er erzählen, hat Stückl angekündigt. Ihm gehe es um die Frage, welche Botschaft dieser heute noch vermitteln kann.

"Jesu Einzug in Jerusalem" bei der kostümierten Fotoprobe für die Passionsspiele des Passionstheaters Oberammergau / © Dieter Mayr (KNA)
"Jesu Einzug in Jerusalem" bei der kostümierten Fotoprobe für die Passionsspiele des Passionstheaters Oberammergau / © Dieter Mayr ( KNA )

"Ich habe das Gefühl, die Sätze Jesu sind so relevant wie nie", sagt Frederik Mayet, einer von zwei Jesus-Darstellern. Schon 2010 spielte er Christus, nun hat er die Hauptrolle ein zweites Mal bekommen: "Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, die ihr geschwächt seid von der Last des Unglücks und des Kummers. Es herrscht eine Zeit der Angst in Israel, Kriegsgeschrei erfüllt das Land, Armut und Krankheit raffen Euch dahin", zitiert er seine ersten Sätze, die er auf der Bühne zu sagen hat. Da seien die Themen schon gesetzt, die im Spiel vorkommen und die die Menschen auch heute noch beschäftigen, findet der 42-jährige Familienvater.

Seit 2.000 Jahren habe sich die Menschheit nicht viel weiterentwickelt - leider, fügt Mayet hinzu und erinnert an die immer weiter aufgehende Schere zwischen Arm und Reich. Selbst für Stückl ist dieser Jesus zunehmend ein Verzweifelter, egal, ob er nun mit lauter oder leiser Stimme die Menschen lehre, denn ändern tue sich ja doch nichts. Über die Jahre hat Stückl versucht, den überlieferten Text von Antijudaismen zu befreien und die Geschichte als innerjüdischen Konflikt zu erzählen. Dafür hat er Lob und etliche Auszeichnungen bekommen; Vertreter jüdischer Verbände, die einst massiv das Spiel kritisierten, kommen mittlerweile nach Oberammergau.

Über 100 Vorstellungen bis Oktober

Fakten und Zahlen zu den Oberammergauer Passionsspielen 2022

Zahlen und Fakten zum Beginn der traditionellen Passionsspiele im oberbayerischen Oberammergau:

- Die 42. Oberammergauer Passionsspiele finden vom 14. Mai bis 2. Oktober 2022 statt.

- Angesetzt sind 103 Aufführungen. Gespielt wird fünfmal die Woche.

- Das erste Passionsspiel fand 1634 statt. Es geht auf ein Gelübde von 1633 zurück. Damals schworen die Bewohner, regelmäßig das Leiden und Sterben Christi aufzuführen, sofern niemand mehr an der Pest stirbt.

Außenansicht des Passionstheaters Oberammergau mit einem großen Banner für die Passionspiele 2022 / © Dieter Mayr (KNA)

Mehr als 2.100 Frauen, Männer und Kinder werden in den 103 Vorstellungen bis zum 2. Oktober zu erleben sein. Dazu kommen um die 100 Mitwirkende in Chor und Orchester. Markus Zwink hat die Musik von Rochus Dedler (1779-1822) weiterentwickelt und neue Stücke komponiert. Für Bühnenbild und Kostüme zeichnet Stefan Hageneier verantwortlich. Sämtliche Ereignisse bette er in eine große Tempelanlage ein, kündigte er an, wobei die Farben eher düster sein würden.

Katholiken, Protestanten, Angehöriger anderer Religionen oder aus der Kirche Ausgetretene - wer in Oberammergau geboren ist oder seit 20 Jahren dort lebt, darf, wenn er will, mitspielen. Erstmals wird ein Muslim in einer Hauptrolle zu sehen sein - als Judas. Cengiz Görür ist mit Begeisterung dabei. Er sieht in seinem Charakter mehr als einen klischeebehafteten Verräter, erzählt der 22-Jährige. Herausgefordert fühle er sich von den ständigen Gefühlswechseln: "Manchmal ist er sauer, von Wut und Trauer erfüllt, dann folgt wieder Bewunderung, und schließlich Enttäuschung und Verzweiflung." Judas habe Jesus helfen wollen, die Schmach zu beenden, die die Römer über das Volk gebracht hätten. Aber er habe ihn nicht verstanden.

Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, das die Oberammergauer alle zehn Jahre auf die Beine stellen. Missionieren wollen sie niemanden, aber "man kann sich mit uns auf den Weg machen", sagt Stückl. An die 400.000 Besucher werden erwartet. Noch gibt es Karten, auch wenn über 75 Prozent schon verkauft sind.

Oberammergauer Passionsspiele

Die Oberammergauer Passionsspiele gehen auf ein Gelübde von 1633 zurück. Damals versprachen die Bürger des oberbayerischen Ortes regelmäßig das Leiden und Sterben Jesu auf die Bühne zu bringen, sofern niemand mehr an der Pest sterben sollte. An Pfingsten 1634 wurde dafür erstmals die Bühne bereitet, über den Gräbern der Pesttoten. Ab 1680 ging die Gemeinde dazu über, die Aufführungen alle zehn Jahre stattfinden zu lassen.

Das Passionstheater in Oberammergau / © footageclips (shutterstock)
Autor/in:
Barbara Just
Quelle:
KNA
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